Massenschlägereien in Kiew: Giftiger Rauch über dem Maidan

Massenschlägereien in Kiew : Giftiger Rauch über dem Maidan

Und wieder hing der giftige schwarze Rauch brennender Autoreifen über dem Kiewer Platz der Unabhängigkeit, kurz Maidan genannt. Am Donnerstag gab es dort eine Massenschlägerei zwischen Mitarbeitern der Müllabfuhr, Polizisten und Maidan-Besetzern.

"Die Polizisten hatten Maschinenpistolen und warfen Brandsätze", schimpft Arkadi, ein magerer Straßenkämpfer mit zerrissener Tarnuniform und Schürfwunden an Stirn und Kinn. "Sie wollten uns beseitigen." Die Müllabfuhr versuchte, Zelte und Barrikaden wegzuräumen, die nach dem Sturz des korruptionsumwitterten Staatschefs Viktor Janukowitsch im Februar weiter auf dem Maidan stehen. Deren Bewohner wehrten sich, es flogen Pflastersteine und Molotowcocktails, mehrere Militärzelte brannten nieder.

"Ganz Kiew will, dass die Zelte verschwinden", sagt Alexander Massoski, Geschäftsmann. "Dort hängen doch nur Penner und Banditen herum. Alle echten Patrioten kämpfen jetzt im Osten gegen die Russen." Tatsächlich haben sich auf dem Maidan auch Stadtstreicher mit vom Alkohol gedunsenen Gesichtern versammelt, die Kiewer glauben, sie würden von Julia Timoschenko und anderen Politikern gesponsert als Pressing gegen die Regierung.

"Der Maidan muss geräumt werden", sagt der Archäologe Wjatscheslaw Baranow. "Aber wenn wir das mit Gewalt tun, sind wir nicht besser als Janukowitsch." Kiew ist hoch politisiert. Und neben den Zelten auf dem Maidan stehen Souvenirstände besonderer Art. Dort liegen Nationalflaggen und Klopapierrollen mit aufgedruckten Putin-Porträts.

Abends sind die Boulevards voll sorgfältig frisierter Spaziergängerinnen, aber Kiew fühlt sich als Kriegsstadt. "Warum sollen wir objektiv sein?", fragt Sergei Wissotski, Moderator des Internetsenders Espresso TV. "Wir kämpfen um die Existenz unseres Staates." Gerüchte brodeln.

Auch die meisten Generäle seien unfähig oder korrupt, viele verkauften den Russen die Marschrouten ihrer eigenen Kolonnen. Man schimpft über späte und zu weiche Sanktionen des Westens gegen Russland und spottet gleichzeitig über Putins Gegensanktionen, die diverse westliche Lebensmittelimporte nach Russland verbieten. "Putin verbietet den Russen Gorgonzola", grinst Wissotski. "Er selbst isst wohl nur noch Quark."

Kiew hat keine neuen Helden. Neupräsident Pedro Poroschenko wird als das kleinere Übel mit Janukowitsch verglichen, Neubürgermeister Vitali Klitschko soll auch schon bei Bauausschreibungen kungeln. Aber Kiew hat einen Antihelden: Wladimir Putin. Hier zweifelt niemand, er stecke hinter dem prorussischen Rebellenkrieg im Donbass, er wolle die demokratische Ukraine aus Angst vor ihrem Beispiel für Russland vernichten.

Aber alle glauben, dass er scheitern wird. "Putin kann nur noch Fehler machen", doziert der Archäologe Baranow. Kiew hat etwas von einer monumentalen Talkshow, Hunderttausende debattieren nicht, ob, sondern wie Putin stürzen wird. Durch eine Wirtschaftskrise und einen Volksaufstand, durch eine Palastrevolution im Kreml oder durch einen Auftragsmord?

Aber bis dahin rechnet Kiew selbst mit dem Schlimmsten. Die Stadt wartet täglich auf den offiziellen Einmarsch der Armee Putins. "In die Ecke gedrängt, sind Ratten am gefährlichsten!", sagt Wjatscheslaw. Alexander hat eine Kalaschnikow gekauft, sie liegt mit drei vollen Magazinen im Autokofferraum. "Das hier war schon immer Partisanenland", erklärt er grimmig. Um die Ukraine zu besetzen, brauche Putin drei Millionen Soldaten, schätzt Sergei Wissotski. "Ein Großteil wird hier sterben."

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