Kommentar zu Flüchtlingen: Falsche Schlüsse

Kommentar zu Flüchtlingen : Falsche Schlüsse

Das Entsetzen war groß, als eine mit Sprengstoff gefüllte Granate an einer Flüchtlingsunterkunft in Villingen-Schwenningen aufschlug. Es sah nach einem fremdenfeindlichen Motiv aus. Doch nun geht es wohl um Kämpfe unter Sicherheitsfirmen und im Rockermilieu.

Pöbeleien, Brandstiftungen, Gewalt: An fast jedem Tag registrierte die NRW-Polizei im Januar einen fremdenfeindlich motivierten Übergriff auf Flüchtlinge oder ihre Unterkünfte. 33 Delikte, nur in NRW. Bundesweit wurde 2015 rechnerisch an beinahe jedem Tag ein Flüchtling Opfer eines rassistischen Übergriffs. Fast 400 Gewalttaten, 300 Verletzte in ganz Deutschland.

Trotz dieser alltäglichen Gewalt gegen Migranten reagierten viele Medien, Organisationen und Politiker alarmiert, als Ende Januar Unbekannte auf eine Unterkunft in Villingen-Schwenningen eine Handgranate warfen. Mit dem Einsatz der Kriegswaffe (die glücklicherweise nicht detonierte) schien eine neue Eskalationsstufe der Gewalt beschritten. Nun stellt sich heraus, dass das Attentat mutmaßlich dem Wachpersonal des Heims galt. Auseinandersetzungen in der Szene nennt die Polizei als Motiv. Prompt kommt vom rechten Rand der Vorwurf, die etablierten Parteien und die ihnen angeblich hörige „Lügenpresse“ hätten den Vorfall aufgebauscht und instrumentalisiert.

Tatsache ist: Die Reaktionen zeigen, wie ge- und verspannt das Flüchtlingsthema diskutiert wird. Seriöse Medien, auch der GA, hatten schon ursprünglich berichtet, dass die Polizei auch einen Streit unter den Wachdiensten als Motiv für möglich halte. Trotzdem zeigt der Fall, wie wichtig es ist, genau hinzuschauen, und Schlüsse zu vermeiden, die zwar naheliegend scheinen, aber voreilig sind. An der anderen Tatsache der beschämenden Gewaltwelle gegen Flüchtlinge und ihre Unterkünfte ändert der Fall Villingen-Schwenningen aber nichts.

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