Zuwanderung: "Es ist cool, in Deutschland zu leben"

Zuwanderung : "Es ist cool, in Deutschland zu leben"

Zahnarzt Lothar Kluba ist ein Musterbeispiel gelungener Integration. Geholfen hat ihm die Otto Benecke Stiftung. Sie feiert morgen ihren 50. Geburtstag.

Düsseldorf, eine Zahnarzt-Praxis gleich neben der Kö: Lothar Kluba fliegt mit einem kurzen "Bin-gleich-da"am Wartezimmer vorbei zum Behandlungsstuhl. Für den 54-Jährigen läuft es prima. Die Praxis steht bei Patienten hoch im Kurs. Und Kluba macht das, was er liebt: Er ist Zahnarzt, und das in Deutschland. Was nach schnödem Standard klingt, ist für ihn großes Glück - und Ende eines langen Weges. Ohne Mut, ohne den unbedingten Willen zum Erfolg würde Kluba heute Angestellter in einem kleinen Nest in Polen sein, kein Wort Deutsch sprechen und vom Rheinland wohl nur träumen.

Doch der Reihe nach. Kluba erzählt: Wie seine deutschstämmige Familie im schlesischen Malapane lebte - ein Ort, der 1945 polnisch wurde und seitdem Ozimek heißt. Wie die Familie den Ort nicht verlassen wollte, weil der Opa von russischen Soldaten verschleppt worden war und man auf seine Rückkehr wartete. Wie darüber die Zeit verging und allmählich auch das Deutschsein. "Meine Familie sprach kein Deutsch mehr, sonst hätten wir Schwierigkeiten bekommen", erinnert er sich, "es ist meine Oma-Sprache, nicht meine Muttersprache."

Die Anpassung ans Polnische reichte natürlich nicht. "Mit einem deutschen Vornamen kannst Du bei mir kein Abitur machen", beschied der Mathelehrer dem jungen Lothar Kluba. Also ging der in den nächstgrößere Stadt, bekam dort die Hochschulreife, bestand die Aufnahmeprüfung fürs Medizinstudium. Doch Klubas Vater war nicht in der Partei - wegen der Sache mit den Russen und dem verschleppten Opa gab es in der Familie eine gewisse Abneigung gegen die Partei. Also wurde ihm das Studium verweigert.

"Da reifte die Idee, Polen zu verlassen", erinnert sich der Zahnarzt, "es machte keinen Sinn, in die Opposition zu gehen." 1981 stieg er mit 21 Jahren in den Zug. Ziel: die Türkei. "In Wien verwechselte ich dann die Anschlussbahn", sagt Kluba, augenzwinkernd. Er kam in Frankfurt aus, ohne Wissen seiner Eltern, die er vor Repressalien in der Heimat schützen wollte. Schlug sich durch, schlief bei Freunden von Kontakten, kommunizierte auf Französisch, denn das Deutsche hatte er verlernt. Nicht aber die Haltung, die seine Eltern ihm mitgegeben hatten. Lektion 1: "Mein Vater hat immer versucht, durch Fleiß und Wissen seinen Platz zu finden." Lektion 2: Gastfreundschaft muss man sich durch Mitarbeit verdienen.

Also stand Kluba vor Morgengrauen mit seiner Gastfamilie auf und half, Getränkekisten zu verladen, fuhr Trecker, wurde zum Erdbeerpflücker befördert. "Mein Vater hatte uns Kindern in Polen schon ein Feld zum Geldverdienen eingerichtet", sagt Kluba. Im fernen Krefeld sollte sich das Jahre später auszahlen: 40 Pfennig gab es für ein halbes Kilo Erdbeeren, Kluba pflückte wie ein Profi und hatte bald das Geld für einen Führerschein zusammen.

Über einen Zeitungsartikel wird er schließlich auf die Otto Benecke Stiftung aufmerksam. Kluba kämpft um einen Platz im Deutschkurs, den die Stiftung in Tönisvorst anbietet. 1982 sitzt er mit Schlesiern, Afghanen und anderen Neuankömmlingen im Klassenzimmer, büffelt, liest Goethe und Eichendorff, holt schließlich das deutsche Abitur nach, studiert Medizin in Tübingen.

Der Rest ist Geschichte. Das blonde Mädchen, das er am ersten Tag seines Deutschkurses gesehen und toll gefunden hat, ist seit 29 Jahren seine Ehefrau. Das Wort ?Zuwanderer' in Zusammenhang mit Lothar Kluba zu setzen, fällt überhaupt schwer: Er spricht akzentfrei Deutsch, in einem Tempo, das schwindelig machen kann. Er blickt nicht sehnsüchtig zurück nach Schlesien, sondern ist ganz angekommen im Rheinland. Wie sonst könnte man die Tatsache auslegen, dass Lothar Kluba - nachdem er einer Karnevalsprinzessin mit Zahnschmerzen die Session gerettet hat - selbst Senator eines Düsseldorfer Karnevalsvereins geworden ist? "Um sich heimisch zu fühlen, darf man nicht nur zugucken", sagt er, "man muss sich einbringen."

Lothar Kluba ist kein Einzelfall. 400 000 Migranten hat die kleine Bonner Stiftung in den 50 Jahren ihres Bestehens mit Sprache, Abitur oder Studium ausgestattet - auf dass sie ihre Talente und ihr Wissen in dieses komplizierte Land übersetzen können. "Die Otto Benecke Stiftung hat mir auf meinem Weg die Autobahn und den Sprit gestellt", sagt er. Er ist fest überzeugt: Ob man damit am Ziel ankommt, liegt am Neuankömmling selbst. "Es muss ein absoluter Wille da sein, sich zu integrieren", sagt Kluba, "Du musst Bock dazu haben und kannst nicht erwarten, dass die Gesellschaft Dir einen Teppich ausrollt." Er kritisiert, dass in Ämtern viele Texte in ausländischen Sprachen verfasst sind: "Das ist bequem, aber zu kurz gesprungen."

Mit Null-Bock-Zuwanderern hadert Kluba. "Es ist doch cool, in Deutschland zu leben", sagt er. Warum? "Es gibt großartige Kultur - Nietzsche würde ich nie in einer anderen Sprache lesen wollen." Und wer sich nicht für Literatur interessiert, der müsse doch zumindest deutsche Autos toll finden.

Man könnte hier einen Schlusspunkt setzen, herzlichen Glückwunsch sagen, Happy End und vorbei. Aber da ist noch etwas. Lothar Kluba hat einen Bruder. 1987 kam er nach Deutschland, ebenfalls mit Hilfe der Otto Benecke Stiftung. Er arbeitet heute erfolgreich für den Tüv in Speyer, seine Tochter studiert in Bonn Jura. Und so geht die Geschichte eines einzelnen, geförderten Zuwanderers immer weiter. Und weiter.

Die Otto Benecke Stiftung - eine Bonner Institution

Die Otto Benecke Stiftung (OBS) hat seit ihrer Gründung 1965 rund 400 000 lernwillige Migranten - früher vor allem DDR-Flüchtlinge und Spätaussiedler, heute Flüchtlinge aus Bürgerkriegs- und Krisengebieten - durch Sprachkurse, Abiturlehrgänge und Seminare gefördert. Sie hilft außerdem bei der Suche nach Praktika, Ausbildungsplätzen und Arbeitsstellen. Die Arbeit der OBS wird durch Zuschüsse verschiedener Ministerien sowie mit Hilfe anderer Institutionen, wie der Bundeszentrale für politische Bildung finanziert. Der Umfang der Förderung ist rückläufig: Betrug der OBS-Haushalt Anfang der 1990er Jahre - auf dem Höhepunkt des Aussiedlerzuzuges - noch rund 250 Millionen Mark jährlich, standen 2013 nur noch 15,5 Millionen Euro zur Verfügung.

Die Stiftung ist ein gemeinnütziger Verein. Er wurde durch die Mitglieder des Deutschen Bundesstudentenrings gegründet und nach dem Studentenführer Otto Benecke benannt.

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