Der Abschuss der MH017: Die Suche nach dem Schuldigen

Der Abschuss der MH017 : Die Suche nach dem Schuldigen

Noch ist unklar, wer die malaysische Boeing abgeschossen hat. Aber vieles spricht für ein schreckliches Versehen.

Nach dem Abschuss herrscht Chaos in der Pressestelle der "Donezker Volksrepublik". "Welcher Idiot fliegt denn zu uns?", fragte Klawdija Kulbazkaja, Pressesekretärin der Rebellen einen Anrufer. "Wir haben hier seit dem 8. Juli Flugverbotszone, auch für Passagierflugzeuge." Sie glaube an keinen Abschuss, das sei eine Propagandaente der Ukrainer. "Sollen sie uns erst mal die Fotos zeigen!"

Doch die Fotos mit den Trümmern der abgeschossenen Boeing gehen um die Welt. Die Kriegsparteien verdrängten das Entsetzen schnell durch Propaganda: Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko sprach von einem "Terrorakt" der Rebellen. Julia, Timoschenko, seine unterlegene Rivalin bei den Präsidentschaftswahlen im Mai, suchte die Übeltäter direkt in Moskau. "Gestern erst hat die russische Führung die demokratische Welt gewarnt, sie werde auf die neuen Sanktionen antworten. Ich schließe nicht aus, dass dies ihre schreckliche Antwort gewesen ist."

Wladimir Putin konterte, natürlich trage der Staat die Verantwortung, über dessen Territorium "die schreckliche Tragödie" passiert sei. Der russische Staatssender NTW behauptete gar, die Ukrainer hätten die fatale Rakete abgeschossen, es dabei eigentlich auf Wladimir Putins heimkehrende Präsidentenmaschine abgesehen, diese aber mit der malaysischen Boeing verwechselt. Vor Ort behinderten nach ukrainischen Angaben Rebellenkämpfer die Rettungsmannschaften, während Rebellenpremier Alexander Borodoi versicherte, die Experten könnten an der Unglücksstelle frei arbeiten. Die entscheidende Frage aber bleibt offen: Wer hat das Passagierflugzeug abgeschossen?

Die Mutmaßung Timoschenkos, russische Flak-Streitkräfte hätten die Maschine abgeschossen, klingt phantastisch. Allerdings behaupten die Ukrainer, schon am Mittwoch habe ein russischer MiG-Jäger ein ukrainisches Kampfflugzeug über dem Donbass abgeschossen. Es gilt als offenes Geheimnis, dass Moskau den Konflikt im Donbass nach Kräften, aber diskret schürt. "Aber der Tod 300 friedlicher Unbeteiligten dort würde der russischen Kriegsführung massiv schaden", sagt der Publizist Pawel Kanygin.

Bleibt die Ukraine. Es ist höchst fraglich, ob die Kiewer Regierung zynisch genug ist, 10.000 Meter über dem eigenen Boden ein Massaker zu veranstalten, um den Feind anzuschwärzen. Andererseits verweisen vor allem russische Medien auf den versehentlichen Abschuss einer russischen Passagiermaschine über dem Schwarzen Meer im Oktober 2001 durch ukrainische Raketentruppen während eines Manövers auf der Krim. Andrei Purgin, Vizepremier der Donezker Rebellenrepublik, mutmaßt jetzt, die ukrainische Raketenartillerie habe die malaysische Boeing für ein russisches Spionageflugzeug gehalten.

Aber die Rebellen selbst sind nicht weniger verdächtigt. Sie haben - ganz offenbar mit russischen Hilfe - mächtig aufgerüstet, mit Panzern, schweren Geschützen und Raketenwerfern. Auch ihre Flak ist immer schlagkräftiger geworden. Nur eine Stunde vor dem Sturz der Boeing am Donnerstag meldeten die Separatisten den Abschuss eines ukrainischen AN-26-Transportflugzeugs.

Schon Anfang der Woche hatte ihre Luftabwehr eine AN-76-Maschine aus sechs Kilometer Höhe heruntergeholt. Das spricht nach Ansicht des russischen Militärexperten Pawel Felgengauer dafür, dass die Rebellen über moderne Bodenluftraketen der Systeme "Buk" oder "Osa" verfügen. Der staatliche russische Fernsehkanal Westi verkündigte schon Ende Juni, die Separatisten hätten mehrere Buk-Raketensysteme erobert.

Alexei Dmitraschkowski, Pressesprecher der ukrainischen Streitkräfte im Donbass, vermutet, die Rebellen hätten ihre Buk-Systeme aus dem Gebiet Tores abgeschossen, dabei aber eigentlich eine ukrainische Il-76-Transportmaschine treffen wollen. Vieles spricht für ein schreckliches Versehen. Russische Kommentatoren verspotten einen vom ukrainischen Geheimdienst SBU veröffentlichten Funkspruch der Aufständischen, "die Kosaken von Tschernuchino" hätten das Flugzeug abgeschossen, als plumpe Fälschung. Das taten sie allerdings auch Anfang April, als der SBU die ersten Mobilfunkgespräche des inzwischen weltweit bekannten russischen Rebellenkommandeurs Igor Strelkow vorlegte.

Das Pentagon mag sehr bald Radaraufnahmen veröffentlichen, die nachweisen, aus wessen Positionen die tödliche Rakete abgefeuert worden ist. Aber die Schuldigen werden die Wahrheit kaum eingestehen.

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