Kommentar zu 70 Jahre Nato: Die Krise als Chance

Kommentar zu 70 Jahre Nato : Die Krise als Chance

Die Nato feiert an diesem Donnerstag ihre Gründung vor 70 Jahren - und steckt doch in einer Krise. Doch in dieser transatlantischen Entfremdung steckt auch eine Chance, kommentiert GA-Korrespondent Holger Möhle.

Wenn es stimmt, dass Bündnisse mit ihren Gegnern sterben, müsste die Nato längst tot, längst Geschichte sein. Doch das transatlantische Bündnis hat nicht nur das Ende des Warschauer Paktes überlebt, sondern erlebte in der Folge einen Ansturm auf Mitgliedschaft in die Allianz wie nie zuvor. Mittel- und osteuropäische Staaten strebten mit Nachdruck ins Bündnis. An diesem Donnerstag feiert die Nato ihre Gründung vor 70 Jahren in Washington. Und wie bei 70-Jährigen üblich, gilt auch hier: Das Bündnis ist tatsächlich ein wenig in die Jahre gekommen, es wird von allerlei Zipperlein geplagt und von einem größeren Leiden: der transatlantischen Entfremdung.

Es ist bezeichnend, dass die Nato einen runden Geburtstag nicht mit einem Gipfel der Staats- und Regierungschefs der 29 Mitgliedsstaaten feiert. Eine Zeremonie auf Ebene der Außenminister muss genügen – gefolgt von einer Arbeitssitzung zu den Problemen im Bündnis. Mineralwasser statt Champagner für den Jubilar. Tatsächlich schickt US-Präsident Donald Trump eine permanente Kaltfront nach Europa. Die Nato-Europäer müssen erkennen: Trump hat kein großes Interesse an dem Bündnis, weil er in Dollar und in Prozenten denkt.

Vor allem Deutschland nimmt der US-Präsident ins Visier. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sehr früh erkannt, dass mit diesem US-Präsidenten, der punktuell und kurzfristig nach Lage entscheidet, kein berechenbares Bündnis zu machen ist. Europa muss sich stärker selbst um seine Sicherheit kümmern. Auch das ist eine Erkenntnis zum 70. Geburtstag der Nato.

Lange war die Nato die Restrisikoversicherung des Westens gegen die Gefahren auf diesem Globus. Doch die Allianz ist wegen des Desinteresses dieses US-Präsidenten und seiner Regierung geschwächt. Das ist gefährlich, weil Russlands Politik aggressiv und China auf dem Weg zu einer neuen Weltmacht ist. Vermutlich wird es im transatlantischen Verhältnis nie wieder so sein, wie es einmal war.

Aber es kommen auch wieder bessere Zeiten, in denen ein US-Präsident nach Trump sich der Werte dieses Bündnisses auch für die USA besinnt. Eine Beistandsversicherung für alle Lebenslagen, die selbst eine Weltmacht brauchen kann, wie man nach den Anschlägen des 11. September 2001 gesehen hat. Der damals ausgerufene Bündnisfall gilt bis heute, was irgendwie passt, weil die Nato gerade selbst ihr eigener Bündnisfall ist. Doch in dieser Krise steckt auch eine Chance. Die Nato hat eine Zukunft. Aber sie muss sich dazu auch ein wenig neu erfinden.

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