Zukunft der Kirche: Woelki: Natürlich werden Gemeinden sterben

Zukunft der Kirche : Woelki: Natürlich werden Gemeinden sterben

Das Erzbistum Köln will sich angesichts eines dramatischen Seelsorgermangels auf einen "pastoralen Zukunftsweg" machen. Für einige Gemeinden stelle sich laut Erzbischof Woelki die Existenzfrage.

Pfarrer Max Offermann hat rund 22 000 Schäfchen, und demnächst werden es wohl noch ein paar Tausend mehr sein. Der 55-Jährige ist leitender Pfarrer in zwei und bald drei Seelsorgebereichen in Euskirchen - oder wie das Erzbistum nun sagt: im Sendungsraum Euskirchen. Weil es in der Kölner Erzdiözese nicht mehr genug Priester gibt, um alle 180 Seelsorgebereiche mit leitenden Pfarrern zu versorgen, werden seit Kurzem einige Bereiche zu Sendungsräumen zusammengefasst. Inzwischen gibt es elf davon. Offermann führt einen davon - und sieht nur Vorteile: "Früher hat eine Gemeinde einen Pfarrer gehabt und wenn sie Pech hatte, dann 30 Jahre. Immer die gleiche Type. Heute haben wir ein Pastoralteam von zehn völlig unterschiedlichen Menschen."

Diese könnten die verschiedenen Gläubigen und Gruppierungen viel besser ansprechen, ob die Jugend, die Senioren, die Frauengemeinschaften oder die Schützen. "Und im Gottesdienst ist es plötzlich spannend, wer da aus der Sakristei kommt." Die Menschen in den Gemeinden empfänden all das als Bereicherung, sagt Offermann bei einem Pressegespräch des Erzbistums. Unterstützt wird er in Euskirchen von drei Pfarrern, zwei Diakonen, zwei Pastoralreferenten, einer Ehrenamtskoordinatorin und einem Verwaltungsleiter.

Viel Gesprächsstoff seit Monaten

Für die Kölner Kirche ist das Beispiel Euskirchen eines, das zeigt, dass der sogenannte "Pastorale Zukunftsweg" funktionieren kann. Es ist ein Begriff, der seit Monaten für viel Gesprächsstoff in den kirchlichen Gremien sorgt, der auch für viele Ängste gesorgt hat, dass sich die Kirche von vertrauten Wegen verabschiedet, dass aber auch jene im aktiven Dienst noch zusätzlichen Belastungen ausgesetzt würden. "Der Begriff weckt Aggressionen oder Unverständnis", sagt dann auch Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki bei dem Pressegespräch.

Er will ihm etwas Brisanz nehmen: Es handele sich nur um einen Arbeitstitel, der dazu einlade, "die Ärmel hochzukrempeln". An diesem Wochenende haben Woelki, sein Generalvikar Markus Hofmann sowie die für die Seelsorgebereiche und das Personal zuständigen Hauptabteilungsleiter Markus Bosbach und Mike Kolb dem Diözesanpastoralrat, dem wichtigsten Beratungsgremium im Erzbistum, die Ideen vorgestellt.

"Eine Neuevangelisierung einleiten"

In dem Pressegespräch hebt Woelki hervor, der katholischen Kirche gehe es nicht nur um neue Strukturen, sondern vor allem darum, dass bei schwindenden Mitgliederzahlen mit der Neuaufstellung vor allem ein geistlicher Impuls einhergeht. "Wir wollen uns den Abwärtstrends nicht einfach hingeben, sondern mit ihnen bewusst gestalterisch umgehen, um eine Neuevangelisierung einzuleiten", so Woelki. Zum Beispiel in den Kindertagesstätten: Der Erzbischof spricht von den Eltern, die ihre Kinder freiwillig in die katholische Kita gäben. Für die Kirche stelle sich daher die Frage, wie es gelingen könne, diese Menschen wieder mit Christus in Berührung kommen zu lassen. "Bis in kleinste Strukturfragen hinein müssen wir uns an Christus ausrichten", meint Woelki. Und im Blick auf Bauvorhaben oder Finanzfragen gehe es darum zu überlegen, "was Christus von uns heutzutage will".

Zahlen zum Erzbistum Köln

Es stellt sich die Existenzfrage

Was das ganz konkret bedeuten könnte, das deuten der Erzbischof und die anderen versammelten Führungskräfte der Diözese auch schon einmal an: Wenn nur noch 20 oder 30 Gläubige zu den Gottesdiensten kämen, stelle sich die Existenzfrage. "Ich glaube, dass Gemeinden sterben werden", sagt Woelki und fügt dann noch hinzu: "Natürlich werden Gemeinden sterben." An anderer Stelle werde aber durch den Samen der Erneuerung Kirche wieder wachsen. Als Beispiel für eine gelungene Entwicklung nennt der Kardinal die Kölner Jugendkirche Crux.

Und wie soll nun der "Pastorale Zukunftsweg" ablaufen? Man habe "kein fertiges Programm in der Schublade", sagt Generalvikar Hofmann, sondern fünf Handlungsfelder für die Umsetzung identifiziert. Wie Vertrauen in die Kirche wieder wachsen könne, wolle man herausfinden. Oder auch wo Kirche viel deutlicher ihr Profil zeigen könne. Hinterfragen wolle man, wie sich die Kirche in der Öffentlichkeit anders aufstellen müsse, wie und wo man neue Begabungen für den Dienst in der Kirche entdecken könne. Zudem gehe es um effizientere Strukturen in der Kirche. Begleitet werde dieser Prozess, dessen Ergebnisse bis Ende 2019 umgesetzt werden sollen, von der Unternehmensberatung Boston Consulting Group. Über die Kosten für den Beratungsprozess gab das Erzbistum keine Auskunft.

Arbeitsgruppen, Veranstaltungen und Workshops

Nach den Plänen der Kirche werden in den nächsten Wochen Arbeitsgruppen eingerichtet, regionale Veranstaltungen und Workshops durchgeführt, und wahrscheinlich wird es auch die Möglichkeit geben, sich auf einer Onlineplattform zu äußern.

Der Euskirchener Pfarrer Offermann wird sicher auch an der einen oder anderen Stelle mitmachen. Er war jedenfalls zunächst skeptisch, als das Erzbistum auf ihn zugekommen sei und ihn gefragt habe, ob er als leitender Pfarrer eines Seelsorgebereiches noch einen weiteren hinzunehmen würde. Doch nach einem Jahre könne er sagen: Mit einem guten Team sei die Arbeit im Sendungsraum "lebbar, gestaltbar und machbar".

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