Europa im Alltag: Wo uns die EU im Alltag begegnet

Europa im Alltag : Wo uns die EU im Alltag begegnet

Wo uns an einem ganz normalen Tag überall europäische Errungenschaften begegnen: Ein Überblick - von Verbraucherschutz vom Frühstück bis ins Bett.

Guten Morgen Europa. Es ist 7.15 Uhr – die Zeit, zu der die meisten Europäer gerade beim Frühstück sitzen, wie die EU-Statistiker herausgefunden haben. Vor uns liegt ein langer Arbeitstag, an dem jeder den Errungenschaften dieser Union etliche Male begegnet, ohne sich dessen bewusst zu sein. Das ging übrigens schon unter der Dusche los: Denn das köstliche Nass, das da aus der Brause rieselt, ist strengstens durch die Trinkwasserrichtlinie 98/93/EG reguliert. Die legt nämlich nicht nur fest, dass das Wasser genauso gut wie Mineralwasser sein muss und sich sogar für Diäten eignet. Und damit sich an dieser Qualität auch rein gar nichts ändert, müssen Bauherren und die Installationsbetriebe darauf achten, dass die Leitungen, durch die das Wasser in die Wohnung fließt, aus Rohren bestehen, die keine Fremdstoffe abgeben.

Seife oder Duschgel? In jedem Fall hat das duftende Etwas offenbar die Kosmetik-Verordnung erfolgreich absolviert, was nicht ganz einfach ist, da die Bestandteile genauestens auf der Verpackung aufgelistet sein müssen. Die Ware darf möglichst nicht an Tieren im Labor getestet worden sein. Es dürfen keinerlei hautreizende Ingredienzen benutzt werden – für alle Fälle muss die Anschrift der verarbeitenden Firma genannt werden. Neuerdings dürfen Duschgels auch keine Mini-Plastikteilchen mehr enthalten, die zum Epilieren gedacht waren. Das ist vorbei, weil sich diese kleinen Kügelchen bei der Klärung des Abwassers selbstständig machen und im Meer landen.

Zum Morgenkaffee gibt es Milch? Gerne auch ein Müsli? Jeder Bundesbürger verbraucht pro Jahr rund 136 Kilo Milch (ein Liter Milch entspricht 1,02 Kilo) in diversen Formen. Und das ist auch gut so, schließlich enthält das Naturprodukt nicht nur Calcium für den Knochenaufbau, sondern auch Aminosäuren für den Betrieb der Körperzellen. Dass Milch darüber hinaus Osteoporose ebenso vorbeugt wie Bluthochdruck, Herzinfarkt oder Übergewicht, steht nach wissenschaftlichen Studien fest. Und doch ist das unscheinbare Produkt ein Ergebnis intensiver europäischer Gesetzgebung.

Das beginnt bei den Vorschriften über die Produktion. Denn das Futter für das Vieh und die artgerechte Haltung der Tiere sind europäisch vorgeschrieben. Wer auf biologische Landwirtschaft setzt, muss 60 Prozent dessen, was er dem Vieh gibt, aus der unmittelbaren Umgebung erwerben. Käufer wie Verkäufer dürfen, wenn sie „Bio“ anbauen, künftig nicht mehr herkömmliche Landwirtschaft nebenbei betreiben. Alles für eine biologisch saubere Milch nach EU-Vorstellungen.

Fettgehalt wurde europäisch geregelt

Das geht bei der Verarbeitung dessen, was als Rohstoff in der Molkerei abgegeben wird, weiter. Ob es sich um Vollmilch, teilentrahmte (fettarme) oder Magermilch handelt – alles ist festgelegt. Der Fettgehalt wurde europäisch geregelt.

Doch der Verbraucher kann, wenn er will, noch mehr über den weißen Muntermacher erfahren, wenn er die Verpackung nur gründlich liest. Denn in einem kleinen ovalen Kreis wird dort nach entsprechenden Kennzeichnungsvorgaben aus Brüssel exakt aufgeführt, aus welchem Land (D = Deutschland) die Milch kommt, in welchem Bundesland (zum Beispiel BY = Bayern) das Produkt eingefüllt wurde. Die fünfstellige Nummer der Produktionsstätte lüftet auch das letzte Geheimnis: Wo wurde die Milch hergestellt? Aufschriften wie „pasteurisiert“, „ultrahocherhitzt“ oder „homogenisiert“ vervollständigen die Verbraucherinformation entsprechend der europäischen Richtlinien. Sollte ein Hersteller die Milch mit Vitaminen oder anderen Zusatzstoffen angereichert haben, muss dies auf der Verpackung vermerkt sein.

Der Weg zur Arbeit oder zur Schule wird mit einem Fahrzeug zurückgelegt, dessen Abgase europäisch normiert, dessen aktive und passive Sicherheitsausstattung längst vereinheitlicht wurden. Seit Anfang 2018 muss jeder Neuwagen das neue eCall-System an Bord haben. Im Falle eines Unfalls holt eine kleine Box hinter dem Armaturenbrett Hilfe. Es lohnt sich, die Fahrt mal mit anderen Augen zu sehen. Denn auch wenn es nicht (mehr) dransteht – ein Großteil von Landes- oder Stadtstraßen, wichtigen Zubringern oder Umgehungsstraßen konnten nur mit Zuschüssen aus dem Infrastrukturfonds der Gemeinschaft gebaut werden.

Und egal wie Mama, Papa oder Junior gekleidet sind: Die EU hat schon mal vorgebeugt und dafür gesorgt, dass Hemd, Hose, Rock, T-Shirt und Schuhe keine Farben enthalten, die die Haut reizen oder dass keine kleinteiligen Applikationen aufgenäht wurden, die für Kleinkinder unter drei Jahren gefährlich werden könnten. Das ist selbstverständlich? Mitnichten. Jedes Jahr holen die Aufsichtsämter der Gemeinschaft nach Warnmeldungen des Rapex-Frühwarnsystems der EU etliche Hundert Artikel wieder aus den Regalen des Handels, weil ausländische Hersteller gegen die Auflagen des CE-Gütesiegels oder andere Produktionsvorschriften verstoßen haben.

Mindeststandards zur Gleichstellung von Mann und Frau geschaffen

Um 10 Uhr im Büro oder auf der Baustelle angekommen? Da ist nichts wie früher. Zum Beispiel bei den Arbeitsbedingungen für einheimische oder Gast-Arbeiter, die EU hat ihre Finger im Spiel. So sorgt die gerade erst vor einigen Monaten aktualisierte Entsenderichtlinie dafür, dass EU-Bürger immer den Lohn bekommen, den auch einheimische Arbeitskräfte erhalten. Sie haben Anspruch auf den gleichen Urlaub, die gleichen Zusatzgratifikationen – alles nur um zu verhindern, dass Billiglohnarbeiter das Niveau untergraben.

Und auch wenn es eher traurig ist, das überhaupt ansprechen zu müssen: EU-Richtlinien haben Mindeststandards zur Gleichstellung von Mann und Frau geschaffen, Quoten für den beruflichen Aufstieg von Frauen wurden formuliert und der Schutz vor jeder Form von Diskriminierung oder gar Belästigung am Arbeitsplatz festgeschrieben. Die jungen Eltern können um diese Zeit weiter bei ihren Kleinkindern bleiben, weil der Mutter- und Vaterschaftsurlaub innerhalb der Union geregelt wurde – inklusive der notwendigen staatlichen Zuwendungen. Das sind alles Ergebnisse der auslaufenden Legislaturperiode.

12 Uhr: Es wird Zeit für die Mittagspause. Auch darauf hat jeder EU-Bürger einen Anspruch. Die Arbeitszeitrichtlinie schreibt vor, wie lange jeder Erwerbstätige arbeiten darf. Höchstens sechs Stunden sind zusammenhängend erlaubt, dann muss eine Pause drin sein. Und innerhalb von 24 Stunden hat jeder Arbeitnehmer einen Anspruch auf eine mindestens elfstündige Unterbrechung. Innerhalb von sieben Tagen ist mindestens ein freier Tag zu gönnen.

17 Uhr – endlich Feierabend. Vorschlag: Wie wäre es, mit den Kindern auf einen Spielplatz zu gehen? Solche Anlagen haben in der EU-Gesetzgebung der vergangenen Jahre eine große Rolle gespielt. Weil Brüssel im Zusammenhang mit dem umstrittenen Unkrautvernichter Glyphosat dafür gesorgt hat, dass dieser Wirkstoff nicht länger in unmittelbarer Nähe von Spielplätzen ausgebracht werden darf. Um diese Tageszeit ist es noch hell – ein Ergebnis der Sommerzeit, auf die sich die EU verständigt hat. Also raus in die Natur, vielleicht ein Spaziergang oder eine Fahrradtour.

Kaum jemand weiß, dass ein Großteil dieser Wege, die man dabei benutzt und befährt, eine Frucht der europäischen Infrastrukturprogramme ist. Denn das Leader-Projekt hat in vielen Regionen solche Erholungsmöglichkeiten überhaupt erst möglich gemacht. Brüssel zahlt für Wanderwege, auf denen sich Jogger und andere Erholungssuchende tummeln, etliche Tausend Euro pro Vorhaben – einen Hinweis darauf wird man vergeblich suchen.

20.15 Uhr: Einfach nur noch relaxen, einen guten Film aus der Online-Datenbank eines Anbieters auswählen? Die Auswahl ist deswegen so groß, weil Netflix und andere keine unterschiedlichen Angebote mehr in den Mitgliedstaaten machen dürfen. Noch am Anfang dieser Legislaturperiode durften Musik- und Video-Streamingdienste ihre Preise je nach Land staffeln. So etwas passte nicht zum Binnenmarkt.

Also ein kleiner Film-Tipp für den Abend: „3 Tage in Quiberon“, ein großartiger Streifen. In dem Film, der den Deutschen Filmpreis 2018 bekam, steckt übrigens ein saftiger Zuschuss der EU-Filmförderung. Im Vorjahr unterstützte Brüssel allein 17 Produktionen, die alle bei der Berlinale liefen.

23 Uhr: Nachtruhe. Der lange Tag, an dem der Bürger von der EU begleitet wurde, neigt sich dem Ende zu. Aber auch für einen guten und sicheren Schlaf hat Europa gesorgt. Denn die Richtlinie 2001/95/EG schreibt vor, wie die Betten beschaffen sein müssen, in denen Kinder nicht nur ruhig, sondern vor allem sicher träumen. Schließlich ereignen sich pro Jahr rund 17 000 Unfälle in allen Mitgliedstaaten in Kinderbetten. Deshalb lohnt noch ein kurzer Blick unter das Gestell: Prangt dort ein CE-Prüfzeichen, kann die Nacht eigentlich nur gut werden.

Europa ist längst nicht mehr nur ein Raum des Friedens, der Freiheit und des Wohlstands, sondern eben auch der Bürger. Manchmal lohnt es sich, das wieder zu entdecken.

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