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Parallel zu „Fridays for Future“: Wissenschaftler fordern “zivilen Ungehorsam“ im Klimaschutz

Parallel zu „Fridays for Future“ : Wissenschaftler fordern “zivilen Ungehorsam“ im Klimaschutz

Während die “Fridays-for-Future“-Bewegung weltweit und auch in Deutschland einen neuen Marsch unternimmt, haben Wissenschaftler in “Nature“ zu “zivilem Ungehorsam“ aufgerufen.

Weltkindertag, ein weiterer globaler „Fridays-for-Future“-Marsch (FFF), dazu eine Art D-Day im deutschen Klimaschutz: Alles ist inhaltlich miteinander verwoben und fällt eher zufällig auf den heutigen Freitag. Kein Zufall ist, dass Tage zuvor Wissenschaftler in der renommierten Fachzeitschrift „Nature“ ihre Kollegen zum zivilen Ungehorsam gegen die internationale Untätigkeit beim Klimaschutz aufgerufen haben. Damit erreicht die Debatte eine neue Eskalationsstufe.

Die Demonstrationen sollen in rund 2000 Städten in mehr als 150 Ländern stattfinden. In Bonn werden rund 10 000 Schüler und Sympathisanten erwartet, in ganz Deutschland mehr als 300 000. Anlass ist der bevorstehende Klimagipfel der Vereinten Nationen in New York, der am Montag beginnt.

Aus der Keimzelle, einem Pappschild von Greta Thunberg in Stockholm, ist inzwischen ein zivilgesellschaftliches Bündnis geworden. Verbände für Umwelt, Wohlfahrt, Kultur und Entwicklung sind ebenso dabei wie Kirchen und Vereine, dazu Robin Wood, Brot für die Welt, Greenpeace, der WWF, Amnesty International, Oxfam. Überraschender ist, dass sich der deutschen Unternehmer-Kampagne „Nicht mein Erbe“, die FFF unterstützt, inzwischen rund 1500 Unternehmen aus Deutschland angeschlossen haben. Sie ermuntern sogar ihre Mitarbeiter, am Freitag – ohne betriebliche Nachteile – auf die Straße zu gehen, während Ministerien, Schulen und Eltern weiter auf dem schmalen Grat zwischen Schulpflicht und Demonstrationsrecht balancieren.

„Fridays for Future“ in ganz Deutschland

Zentrale Fragen von „Nicht mein Erbe“: Was hinterlassen wir den Generationen, die nach uns kommen? Was wollen wir an die kommenden Generationen weitergeben? Alle Aktivitäten gemeinsam wollen Druck auf die Politik ausüben, endlich mutige Rahmenbedingungen für eine CO2-Bepreisung zu setzen. „Bis zum Jahr 2050 muss die Weltwirtschaft CO2-neutral sein. Dies ist ein existenziell notwendiges, aber sehr ambitioniertes Ziel. Allein daran gilt es sich zu orientieren, weil die existenziellen Risiken und Kosten einer weiteren Erwärmung alle Transformationsrisiken und damit verbundenen disruptiven Entwicklungen in den Schatten stellen werden“, sagt Thomas Jorberg, Vorstandssprecher der GLS Bank und Mitgründer der Kampagne.

Anschaulicher: Was für Wetterextreme, Dürren und Stürme sind bei einer Temperaturerhöhung Richtung zwei Grad Celsius zu erwarten, wenn die Kräfte zwischen Himmel und Erde schon bei ein Grad immer mehr unbeherrschbare Zustände produzieren, wozu der Mensch regelmäßig „Katastrophe“ sagt: Dürre-Katastrophe, Flut-Katastrophe, Feuer-Katastrophe, Wirbelsturm-Katastrophe, Wald-Katastrophe, Ernte-Katastrophe und – letztlich eines Tages – eine Flüchtlings-Katastrophe neuer Dimension.

Lange galt das Zwei-Grad-Ziel als international akzeptiert, bis im Herbst 2018 der UN-Weltklimarat IPCC (Intergovernmental Panel on Climate Change) angesichts eines immer rascher fortschreitenden Klimawandels noch einmal SOS funkte: 1,5 Grad wären viel sicherer und erträglicher für die Menschheit. Insbesondere die pazifischen Inselreiche hätten dann eine Chance, nicht im Ozean unterzugehen, schreibt der IPCC, dessen Prognosen jedoch bisher ständig von der Klimawandel-Realität überholt wurden

Ob 2,0 oder 1,5 Grad mehr: Die Ziele erscheinen im Abgleich mit den realen Klimaschutzmaßnahmen eher wie Ideale. Heißt: kaum mehr erreichbar. Alle freiwilligen Klimaschutzziele der Nationen laufen auf 2,7 Grad mehr hinaus, sofern sie erfüllt werden. Aktuell bewegt die Staatenwelt sich auf eine um bis zu 4,9 Grad wärmere Welt zu, zitiert die „Nature“-Veröffentlichung einschlägige Studien. Die britischen Autoren und Wissenschaftler Claire Wordley (Universität Cambridge) und Charlie Gardener (Universität Kent) sagen einer Menschheit, die nicht umkehrt, voraus, dass „ein Großteil des Planeten unbewohnbar“ und sie „verheerendes menschliches Leid“ verursachen werde.

Sie skizzieren Bemühungen von Klimaforschern seit 1992, mit Aufrufen, Protesten und Appellen Bevölkerung und Politik zu einer Umkehr zu bewegen. Ihr Fazit: Hat alles nichts gebracht, nichts habe an die Wirkung von Mahatma Gandhi oder Martin Luther King herangereicht.

„Ziviler Ungehorsam“ gefordert

Deshalb plädieren sie für „zivilen Ungehorsam“ und sehen eine erhebliche Chancenungleichheit zwischen Fossilindustrie und Wissenschaft beim „Zugang zu politischen Prozessen“.

Wordley und Gardner schreiben: „So gab die fossile Brennstoffindustrie 2018 allein in den USA über 125 Millionen Dollar für die Lobbyarbeit mit Politikern aus.“ Diese Unternehmen hätten viel „in Fehlinformationen und eine Anti-Wissenschaftsagenda investiert, um Maßnahmen gegen den Klimawandel zu verzögern; neben mitschuldigen Regierungen haben sie die Welt davon überzeugt, wie normal weiterzumachen“. Jegliche wissenschaftliche Politikberatung erscheint tatsächlich wirkungslos und die Situation wenig anders als vor 30 Jahren, als der Chemie-Nobelpreisträger Sherwood Rowland, der 1974 das Ozonloch vorhergesagt hatte, fragte: „Was nützt eine Klimawissenschaft, wenn alle Welt nur herumsteht und beobachtet, wie ihre Prognose bestätigt werden?“

Die britischen Wissenschaftler resümieren, dass „akzeptable Einflussformen“ für Forscher „nicht funktionieren, uns läuft die Zeit davon“, sie hätten die „moralische Pflicht, sich den Volksbewegungen anzuschließen, die politisches Handeln fordern“. Es müssten noch nicht einmal alle Forscher, so Gardner und Wordley, zivilen Ungehorsam praktizieren, denn 3,5 Prozent der Bevölkerung reichten, „um sogar diktatorische Regime zu stürzen“ und verweisen auf die Studie „Die strategische Logik gewaltfreier Konflikte“ der Columbia-Universität (New York/2012).

Deutschland wartet am Freitag indes auf den großen Wurf beim Klimaschutz, jedenfalls kein „Pillepalle“ (O-Ton Bundeskanzlerin Angela Merkel). Das von der großen Koalition gebildete Klimakabinett berichtet, wie das Land seine Klimaziele bis 2030 im EU-Rahmen erreichen soll, nachdem es sie für 2020 deutlich verfehlt. Bis 2030 müssen Deutschlands CO2-Emission um 55 Prozent gegenüber 1990 sinken. Beim Verkehr wurde seit 1990 überhaupt noch nichts eingespart. Null Fortschritt.

Was bisher aus der Groko an Ideen und Konzepten an die Öffentlichkeit sickerte, ließ die Umweltverbände bereits Sturm laufen. Offenkundig will das Klimakabinett den befürchteten Volkszorn über ein bloßes Anreizsystem in Grenzen halten und Verbote vermeiden.

Deutschland lahmt beim Klimaschutz

Gleichzeitig mahnt die Kanzlerin jedoch, dass es auch gesetzliche Vorgaben brauche: „Ohne Ordnungsrecht geht es nicht.“ Im Klartext heißt das Verbote. Scheut die Groko diese und verteuert nur dieses und jenes treibhausgasintensive Verhalten, drohen soziale Schieflagen, weil Besserverdienende trotzdem ihren Lebensstil nicht ändern müssen.

Deutschland lahmt seit Jahren beim Klimaschutz und liegt nach einer Studie der European Climate Foundation inzwischen nur noch einen Platz von der roten Laterne entfernt. Von den 28 EU-Staaten befinde sich keiner mit seinen Klimaschutz- und Energieplänen realistisch auf einem Weg, der eine Treibhausgasneutralität – also null Emissionen – bis 2050 erwarten lasse. Spanien, Schweden, Griechenland und Frankreich liegen zwar vorn, aber die ersten drei Plätze wurden gar nicht erst besetzt.

Die Vorlage der Politik an alle „Fridays-for-Future“-Marschierer und Sympathisanten ist also weltweit maximal groß, denn international hatten Ende 2018, so eine Londoner Studie, gerade einmal lediglich 16 von 197 Staaten Klimapläne beschlossen, die mit dem Weltziel kompatibel sind, darunter mit Japan, Norwegen und Kanada nur drei Industriestaaten. Das Weltziel war vor fast vier Jahren mit viel Applaus auf der UN-Klimakonferenz in Paris formuliert worden, die Erderwärmung „auf deutlich unter zwei Grad Celsius zu begrenzen“. Doch beim Sprung vom Reden zum Handeln hapert es in der Weltgemeinschaft. Dabei enttäuschen Demokratien ebenso wie autokratische Systeme.

Seit mehr als 30 Jahren tritt der internationale Klimaschutz auf der Stelle und hat nichts Messbares hervorgebracht. Im Gegenteil: Seit der ersten UN-Klimakonferenz 1995 ist die CO2-Weltemission um 60 Prozent gestiegen. Pro Sekunde setzt die Menschheit aktuell rund 1330 Tonnen CO2 frei, pro Jahr verbrennt sie so viele fossile Brennstoffe (Kohle, Öl, Gas), wie in einer Million Jahre entstanden sind. So verdickt dich die wärmende Treibhausgasdecke in der Atmosphäre immer mehr und lässt die Temperatur steigen.