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Ein Zwischenfazit: Wir müssen lernen, mit dem Coronavirus zu leben

Ein Zwischenfazit : Wir müssen lernen, mit dem Coronavirus zu leben

Vieles bleibt in der Pandemie unsicher. Außer Frage steht jedoch, dass das Coronavirus uns nicht mehr verlassen wird. Während nationale Politiken die Seuche bekämpfen, agiert die Forschung weiter global. Ein Zwischenfazit.

Die Sehnsucht nach Normalität ist unwiderstehlich, die deutsche Bevölkerung mehrheitlich weiter diszipliniert, während verschiedene Wirtschaftsbranchen die Politiker zwecks weiterer Lockerungen vor sich hertreiben. Aktuell läuft das Experiment „Flugurlaub“ mit ausgeklügeltem Hygiene- und Belüftungskonzept, obwohl der geschlossene Raum eines Fliegers grundsätzlich alle Voraussetzungen für ein Superspreading-Event erfüllt. Unterdessen ist der samtpfötige und auf Besserung hoffende Umgang mit fleischverarbeitenden Betrieben jäh gescheitert.

Im Mai gab es mehr als 350 Sars-CoV-2-Infizierte in vier Schlachthöfen, nun über 1200 in einem. Zwar haben informierte Politiker und kompetente Wissenschaftler gebetsmühlenartig gewarnt, dass das Virus noch unter uns und die Pandemie noch nicht vorbei ist. Gleichwohl trügt der Schein: Der Lohn kollektiver Disziplin war an sinkenden Infiziertenzahlen zu sehen, was bei den Menschen Laissez-faire-Tendenzen provozierte, und nun das: Durch den Ausbruch in nur einem Großbetrieb der Fleischindustrie steigt die Kurve eines ganzen Landes – so weit war sie durch wochenlange soziale Enthaltsamkeit gesunken.

„Der Tanz mit dem Tiger“

Die vergangenen Tage zeigen, wovor die Epidemiologen warnten: Sars-CoV-2 ist nicht weg, auch wenn sein unsichtbares Dasein und nicht ausgelastete Intensivstationen das Gegenteil suggerieren. Die Gesellschaft kann das Virus zwar nicht mehr ausrotten, aber in seinem Vermehrungsdrang bändigen, indem sie ihm neue Wirte entzieht. Die Lockerungsversuche sind indes ein Risikospiel, denn die Mikrobe lauert im Angriffsmodus. Diese fragile Pandemie-Phase – niedriger Infektionsstand, erste Lockerungen, angriffsbereites Virus – nannte der Virologe Christian Drosten einmal „den Tanz mit dem Tiger“. Wie beim Schachspiel: Der Gegner nutzt jede Schwäche, jede Unachtsamkeit seines Gegenübers sofort gnadenlos aus. So auch bei der jüngsten, weniger von Konzentrationsschwächen als von Rendite getriebenen Fehlerkette in NRW-Fleischbetrieben.

Das Virus lehrt gerade vielerlei. Das Fehlverhalten weniger kann das Gemeinwohl gefährden, einzelne Rücksichtslosigkeiten jedoch eine Rolle rückwärts für eine ganze Gemeinde bedeuten – wieder zurück in den kompletten Lockdown. Die globale Infektionsdynamik verheißt hingegen, dass der Mensch das Sars-CoV-2 nie wieder los werden wird. Die Chance dazu wurde in der Anfangsphase vertan. Bevor in China die kolossale Gefahr erkannt wurde, war das Virus wahrscheinlich bereits über das Flugliniennetz und infizierte Passagiere ohne Symptome unterwegs in die Welt. Das ist die von Kerosin beschleunigte Pandemie. Ihre langsame Variante verläuft gerade in Afrika – eher spärlich mit der Welt vernetzt, und im Binnenraum lädt die Infrastruktur kaum zum Reisen ein. Südafrikas Anteil an der Zahl aller in Afrika Infizierten beträgt 30 Prozent. Im Land liegt mit dem Johannesburg International Airport der verkehrsreichste Flughafen Afrikas. Zufall?

Kontraproduktiv erweist sich der in einer Pandemie aufflackernde Nationalismus. Erst ging es unter zivilisierten Staaten im Wildwest-Stil um Masken, bald um die Zahl der Impfstoff-Dosen für die eigene Bevölkerung, obwohl noch gar kein verlässliches Serum existiert. Ein globales Problem wird, gleichsam wie der menschengemachte Klimawandel, weiter mit nationalen Politiken und Lösungen beackert. Gleichzeitig berichtet das genetisch akribisch verfolgte Mutationsgeschehen von einem Virus, das sich immer besser an seinen neu eroberten Lebenraum „Mensch“ anpasst. Es wird ansteckender, aber nicht zwangsläufig gefährlicher. Immerhin agiert die Wissenschaft global und tauscht neue Erkenntnisse  aus. Wahrscheinlich kommt dem Menschen „D614G“ – eine Mutation am Spike-Protein – bald genauso locker über die Lippen wie zuletzt der R-Faktor.

Zum vorläufigen, ernüchternden Zwischenfazit gehört auch das ausgebrütete App-Ergebnis. Nachhaltige Zeitgenossen erzürnt, dass sie sich erst einmal ein neues – mit allerlei Seltenen Erden vollgestopftes – Smartphone kaufen müssen. Keine Abwrackprämie für Autos, aber ein indirektes Konjunkturprogramm für Samsung, Apple und Co., inklusive einer Bedarfssteigerung für sogenannte Konfliktmaterialien. So werden etwa Kobalt und Tantal genannt, deren lukrativer Abbau Milizenkriege provoziert und Kinderarbeit fördert. Das war sicher nicht beabsichtigt, ist aber doppelt ärgerlich, weil ausgerechnet die – weniger technikaffine  – Hauptrisikogruppe der Älteren nun eher nicht unter den elektronischen Schutzschirm schlüpft.

Politik und Öffentlichkeit werden sich im Übrigen daran gewöhnen müssen, dass ein neues Virus wirklich neu ist und für die Wissenschaft tatsächlich eine Terra incognita bedeutet. Nirgendwo fertige  Antworten. Sars-CoV-2 wird uns noch häufig überraschen.