Bundestagswahl 2017: Wiedereinzug: FDP-Zentrale wird zum Haus des Jubels

Bundestagswahl 2017 : Wiedereinzug: FDP-Zentrale wird zum Haus des Jubels

Auch die Liberalen sehen ein „vertracktes“ Wahlergebnis und sehen äußerst schwierigen Sondierungen über eine Jamaika-Koalition entgegen.

Es ist wie Silvester bei der FDP. 1500 Anhänger und Gäste trinken sich schon Stunden vor dem Schließen der Wahllokale in Stimmung. Und ab 17.59 Uhr und 50 Sekunden zählen sie laut rufend rückwärts: Zehn, neun, acht, noch sieben Sekunden bis zur Rückkehr der Liberalen in den Bundestag. Ohrenbetäubend ist denn auch der Jubel, als die Balken für die FDP in die Zweistelligkeit rauschen.

22 Minuten später bringt Bundesgeschäftsführer Marco Buschmann ein großes Transparent mit den Buchstaben DANKE auf der Bühne an. Doch die Zahlen der Prognosen und Hochrechnungen bieten nicht nur Stoff für Freude. „Vertrackt“ sagt einer, der aus dem Präsidium kommt. Es wird sauschwer als Opposition neben der deutlich stärkeren AfD, und es wird noch schwerer auf dem Weg in eine Regierung neben den fast gleich starken Grünen, einer tief gefallenen CDU und einer CSU mit blankliegenden Nerven.

Es ist 18.36 h, als im Hans-Dietrich-Genscher-Haus der FDP dem auf der Großbildleinwand ausgestrahlten Martin Schulz der Ton abgedreht wird. Das Zeichen für den bevorstehenden Auftritt des erfolgreichen Parteichefs Christian Lindner. Die Lichtstimmung wechselt, Musik ertönt. Aber wie ein Popstar lässt Lindner minutenlang auf sich warten. Die Taktik ist klar: Stimmung steigern, sich dann um so frenetischer feiern lassen. Aus der Wählernachfrage wissen seine Anhänger, dass 42 Prozent der FDP-Wähler nur wegen Lindner den Liberalen die Stimme gaben. Hier in der Zentrale klingen Begeisterung und Rückhalt eher nach hundert Prozent.

Doch der Alleindarsteller der Wahlplakate kommt mit Team auf die Bühne und beginnt bescheiden: Die vergangene Wahlperiode sei die erste ohne liberale Stimme im Parlament gewesen. Seine Feststellung, dass es zugleich die letzte gewesen sein solle, geht bereits im rhythmischen Klatschen unter. „Es gibt wieder eine Fraktion der Freiheit im Deutschen Bundestag“, ruft Lindner.

Es klingt wie eine gelungene Selbstvergewisserung, als er daraufhin mit Betonung auf jeder einzelnen Silbe feststellt: „Nach einem Scheitern ist ein neuer Anfang möglich, vielen Dank.“ Lindner will noch hinzufügen: „Wenn Ihr nach jedem Satz jubelt, dann…“ doch auch der geht im Jubel unter. Die Liberalen waren vier Jahre aus dem Parlament. Jetzt sind sie alle aus dem Häuschen.

Erst Recht, als Lindner schnörkellos klar macht, die Liberalen würden sich ihrer Verantwortung stellen. Wenig später ergänzt er in zahlreichen Interviews, dass der Auftrag zur Regierungsbildung an die CDU-Vorsitzende gegangen sei, diese aber noch nicht angerufen habe. Die FDP werde sich Gesprächen nicht verschließen, aber auch eine Jamaika-Koalition aus Union, FDP und Grünen sei kein Selbstläufer. Ohne sichtbare „Trendwenden“ laufe mit der FDP nichts. Und dann gibt er noch eine dringende Empfehlung an die politischen Mitbewerber: Keine vorzeitige Rollenfestlegung. Da hat sich SPD-Chef Schulz bereits an die Oppositionsrolle gebunden.

Das nimmt der FDP den Bewegungsspielraum. NRW-Politiker verweisen darauf, dass das die SPD auch schon in NRW so gemacht habe. Dennoch findet es die FDP schäbig von der SPD, sich sofort aus dem Spiel zu nehmen und sich der Verantwortung zu verweigern. Als wenig später in der Berliner Runde Lindner zum Verhalten der SPD sagt, Helmut Schmidt hätte sich dafür „geschämt“, bricht große Begeisterung in der Parteizentrale aus. Doch dort stehen die Zeichen auf Optimismus.

Natürlich würden die Sondierungen und Koalitionsverhandlungen mit CDU, CSU und Grünen extrem schwierig. „Es fehlt ganz einfach die Vertrauensgrundlage“, sagt die frühere FDP-Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Aber sie ist sich sicher, dass man sich am Ende verständigen könne. Auch wenn es bis dahin lange dauern werde. FDP-Urgestein Gerhart Rudolf Baum sieht es ähnlich und entwirft die Vision einer solchen Vierer-Koalition, in der die FDP es am Ende sogar noch leichter haben werde, ihr eigenes Profil auch sichtbar zu machen.

Viele feiern bei der FDP mit noch gemischten Gefühlen. Eine Partei, die allein von Zweitstimmen lebt, muss lange warten, bis ihr Personal feststeht, bis alle Wahlkreise ausgezählt, das Bundesergebnis zusammen und dann wieder auf die Landeslisten runtergerechnet ist - in der sicheren Erwartung weiterer Abgeordnetensitze durch zusätzliche Ausgleichsmandate. Dass selbst die Berliner zweistellig geworden sein sollen, macht schnell die Runde. „Verdreifacht“, meint einer. Und in einer Partei, in der Gedanken an sozialliberale Politikentwürfe lebendig bleiben, herrscht auch großes Bedauern über das verheerende Abschneiden der SPD, vor allem über ihre Ablösung als zweitstärkste Kraft im Osten durch die AfD.

„70“, diese Zahl macht am späten Abend die Runde. So groß könnte die neue Fraktion werden. Auch wenn alle Namen der besonders Glücklichen möglicherweise erst am frühen Morgen feststehen - beim Wiedereinzug in den Bundestag will die FDP keine Minute vergeuden. Als erste wird sie sich bereits an diesem Montag als Fraktion konstituieren. Auch dafür steht der Fahrplan: FDP-Vize Wolfgang Kubicki wird Lindner als neuen Fraktionschef vorschlagen, dann soll auch Buschmann als Organisationschef der neuen Fraktion gewählt werden. Davor, so die Devise des schon mit etwas schwerer Stimme sprechenden Parteichefs, werde es eine lange Nacht werden, in der sie noch „viel Kraft tanken“ werden. Mit Betonung auf „tanken“.

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