Interview über Internetkonzerne: Weshalb Facebook nicht zerschlagen werden sollte

Interview über Internetkonzerne : Weshalb Facebook nicht zerschlagen werden sollte

Der Soziologe Ulrich Dolata ist der Meinung, dass Internetkonzere wie Facebook oder Google trotz ihres Gewaltmonopol bestehen sollten. Er ist allerdings für eine öffentliche Aufsichts- und Regulierungsbehörde. Ein Interview.

Beim Weltwirtschaftsforum in Davos erklären Internetkonzerne wie Google und Facebook gern, wie sie das Leben besser machen. Der Stuttgarter Soziologe Ulrich Dolata spricht über eine neue Aufsichts- und Regulierungsbehörde.

Sehen Sie auch Nachteile, die diese Geschäftsmodelle der Konzerne für uns alle mit sich bringen?

Ulrich Dolata: Erstens wissen wir nicht wirklich, wofür die Unternehmen unsere Daten verwenden. Wir verlieren die Selbstbestimmung darüber. Zweitens greifen Plattformen wie Facebook tief in unser Leben ein. Die Firma entscheidet, welche Posts politisch inkorrekt, erotisch oder sexuell anstößig sind und deshalb gelöscht werden. Sie betätigt sich als Kuratorin des öffentlichen Diskurses. Was früher dem öffentlichen Justizsystem oblag, erledigt nun mindestens teilweise ein privater, weltumspannender Konzern nach eigenen Regeln.

Dolata: Das ist eine irreführende Analogie. Im Gegensatz zur relativ begrenzten Welt der alten Medien stellen die Internetkonzerne vergleichsweise wenig Inhalt selbst her. Sie fungieren stattdessen als global agierende Informationsbroker und filtern eine Unmenge von privaten Posts, Meldungen, Nachrichten, Fotos und Filmen. Facebook oder auch Google mit YouTube sind deshalb keine klassischen Medienunternehmen und nur zum Teil für die publizierten Inhalte verantwortlich.

Dolata: In vieler Hinsicht derzeit nicht. Auch mit ihrem sogenannten Facebook-Gesetz, das Anfang des Jahres in Kraft getreten ist, hat die Bundesregierung derartige Entscheidungen teilweise in die Selbstregulierung der Unternehmen delegiert. Die bestimmen nach wie vor darüber, welche Inhalte sie löschen und welche nicht. Mit dem Gesetz erhält Facebook nun gewissermaßen offiziell die Funktion eines Moderators der öffentlichen Meinungsbildung und gleichzeitig die des Richters.

Dolata: Ja, das Gewaltmonopol des Staates wird teilweise privatisiert. Das finde nicht nur ich sehr bedenklich.

Dolata: Vielleicht durch eine neue Aufsichts- und Regulierungsbehörde, die das Internet im allgemeinen Interesse kontrolliert. Dort säßen dann anerkannte und öffentlich bestellte Experten, die wissen, wie und was Facebook, Google und Co. mit ihren Algorithmen steuern und beeinflussen können. Das wäre auch deshalb gerechtfertigt, weil manche Internetunternehmen mittlerweile eine monopolistische Macht errungen haben.

Dolata: Facebook und Google sind im ökonomischen Sinn keine Monopole. Ihre Umsätze und Gewinne finanzieren sie vornehmlich durch Werbung. In diesem Bereich sind sie zwar wichtige Akteure, aber nicht marktbeherrschend. Beispielsweise die TV-Sender oder die Printmedien bieten ihnen dort noch starke Konkurrenz. Ihre Monopolstellung haben die Internetfirmen dagegen woanders. Google wickelt in vielen Staaten rund 90 Prozent der Suchanfragen im Internet ab. Und bei Facebook sowie seinen Töchtern Whatsapp und Instagram haben sich über zwei Milliarden Nutzer angemeldet. Hier gibt es weltweit gibt keine ernsthaften Konkurrenten. Diese Leistungen sind aber kostenlos. Streng genommen handelt es sich dabei deshalb nicht um Märkte – und insofern auch nicht um Monopole.

Dolata: In Deutschland ist bereits das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschränkungen entsprechend novelliert worden. Mittlerweile werden dort auch Monopolstellungen bei unentgeltlich angebotenen Leistungen als Märkte bewertet. Auf dieser Basis lässt sich prinzipiell nun auch gegen entsprechende Angebote von Facebook oder Google vorgehen. Ich hege jedoch Zweifel, ob das von Erfolg gekrönt sein wird.

Wenn der Gesetzgeber es will, sind drastische Eingriffe möglich. In den USA wurden früher der Ölkonzern Standard Oil und das Telekom-Unternehmen AT&T zerschlagen. Gute Beispiele?

Dolata: Nein. Facebook bildet öffentliche Diskurse im Internet ab. Wie wollen Sie einen solchen Konzern zerlegen? Man kann nicht 500 Millionen Nutzer, deren Namen mit Buchstaben von A bis K beginnen, in die eine Firma stecken, und die Leute von L bis Z in eine zweite. Täte man es, wären die Vorzüge des Social Networking und auch die dahinter stehenden Geschäftsmodelle tot. Ebenso wenig hat es Sinn, Google zu verpflichten, den Suchalgorithmus offenzulegen. Denn das würde dem Missbrauch Tür und Tor öffnen. Wie gesagt: Ich halte eine stärkere öffentliche Regulierung und Kontrolle der Unternehmen durch nationale und europäische Aufsichtsbehörden jedenfalls im Moment für wesentlich sinnvoller als deren Zerschlagung oder Aufteilung. Daran sollte die Politik mit Nachdruck arbeiten. Eine Atomaufsicht gibt es ja schließlich auch.

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