Ältester Kandidat Hans Wallow: Welche Chance hat dieser Bonner auf den SPD-Vorsitz?

Ältester Kandidat Hans Wallow : Welche Chance hat dieser Bonner auf den SPD-Vorsitz?

Der Bonner Hans Wallow will SPD-Vorsitzender werden. Der 79-Jährige ist der Meinung, die Groko solle weitermachen. Doch hat er eine echte Chance auf den Parteivorsitz?

Eigentlich hat er keine Chance, aber die will er nutzen. So könnte man die Ausgangslage von Hans Wallow im Rennen um den SPD-Parteivorsitz beschreiben. Der 79-jährige Bonner mit Wohnsitz an der Heussallee im früheren Regierungsviertel ist nicht nur der älteste der Kandidaten, sondern auch einer, der – ohne ihm nahetreten zu wollen – den geringsten Bezug zur derzeitigen SPD hat. Doch gerade das macht Wallows Kandidatur irgendwie spannend.

Denn seine Erfahrungen mit den Genossen rühren aus einer Zeit, als die Partei noch regelmäßig mehr als 40 Prozent der Wählerstimmen erzielte. Er habe von Willy Brandt und Helmut Schmidt, von Erhard Eppler und Hans-Jürgen Wischnewski gelernt und wisse, wie man Großapparate führe, sagt Wallow im Gespräch mit dem General-Anzeiger.

In den 70er und 80er Jahren arbeitete er im Presse- und Informationsamt der Bundesregierung. Zwischendurch – von 1981 bis 1983 – saß der politisch im Kreis Ahrweiler beheimatete Wallow als Nachrücker im Bundestag, von 1990 bis 1998 zwei ganze Wahlperioden lang, gewählt über die rheinland-pfälzische SPD-Landesliste. Später ist er aus seiner Partei ausgetreten, war sogar Gründungsmitglied der Wahlalternative Soziale Gerechtigkeit (WASG), trat aber 2006 wieder der SPD bei. Was hat ihn nun dazu bewogen, für den Parteivorsitz anzutreten?

Wallow nennt ein konkretes Ereignis: „Als Andrea Nahles die Flucht ergriff, war für mich klar: Jetzt muss ich mich melden.“ Nahles war als junge Sozialdemokratin Wallows Mitarbeiterin. Ironie der Geschichte: Jetzt will er ihr Nachfolger als Parteichef werden.

Mehr Wirtschaftskompetenz

Er sehe sich als „Kandidat der Basis“, sagt er. Die Führung der Partei dürfe nicht nur in den Händen von Berufspolitikern liegen. „Ihnen fehlt oft die Bodenhaftung.“ Ein Seitenhieb auf Nahles? Nicht unbedingt, meint Wallow. Viel lieber spricht er von Kurt Beck, dem „letzten klassischen Sozialdemokraten an der Parteispitze“, wie er sagt, der die richtigen Rezepte gehabt habe, aber einfach weggemobbt worden sei.

Was aber ist jetzt notwendig in der SPD? „Meine Funktion sehe ich darin, die Partei aufzufordern, sich ehrlicher zu machen.“ Gebraucht werde „eine saubere Analyse der Vergangenheit mit Antworten auf die Frage: Was haben wir falsch gemacht?“ Und er zitiert Ferdinand Lassalle, den Urvater der deutschen Sozialdemokratie: „Die revolutionärste Tat ist auszusprechen, was ist.“ Danach könne man über eine Therapie für die SPD nachdenken.

Wallow hat auch schon eine Idee: Willy Brandt habe als Parteivorsitzender die Reihe „Das große Gespräch“ zu vielen verschiedenen Themen initiiert. So ähnlich wolle er das auch machen. Rezepte von gestern für die Probleme von morgen? Nein, sagt Wallow, es sei überhaupt nicht von gestern, wenn man die Parteizentrale mehr zu einem Forum für Diskussionen mache. Und dabei nicht nur mit Menschen zusammenkomme, „die uns nach dem Mund reden“. Herauskommen könne dabei ein „Zukunftsplan 2035“, in dem die SPD ihre Ziele und Absichten entwirft. Die müssten aber auch immer wieder überprüft werden. Vor allem mehr Wirtschaftskompetenz brauche die Partei.

Wallow gegenüber sitzt an diesem Morgen ein Student der Politikwissenschaft, der im GA davon gelesen hat, dass der 79-Jährige Parteichef werden will. „Das fand ich interessant und deshalb habe ich ihn angesprochen“, sagt der Student. Jetzt arbeitet er für Wallow. Beide diskutieren über einen griffigen Titel für den Zukunftsplan. „Für eine faire Gesellschaft“, „Für eine faire Republik“ oder besser „Für ein faires Deutschland“? Irgendwann wird dann auch der Reporter gefragt: „Was finden Sie denn besser?“

Hohe Anzahl der Parteiversammlungen

So professionell wie andere Kandidaten geht Wallow seine Kampagne natürlich nicht an. Dennoch ist auch er dabei, Parteigliederungen für sich zu gewinnen. Wer Kandidat werden will, muss von mindestens einem Landesverband, einem Bezirk oder fünf Unterbezirken unterstützt werden – diese Devise hat jedenfalls das kommissarische Trio an der Parteispitze (Malu Dreyer, Manuela Schwesig und Thorsten Schäfer-Gümbel) ausgegeben. Ein schwieriges Unterfangen für Wallow, dessen eigener Landesverband Rheinland-Pfalz schon abgewunken hatte, ihn zu unterstützen, kaum dass die Kandidatur bekannt war.

Wallow selbst hat das geärgert. „Ich hatte die doch gar nicht gebeten, mich zu unterstützen“, meint der 79-Jährige. Besser zu sprechen ist er hingegen auf den Landesvorsitzenden der NRW-SPD, Sebastian Hartmann, mit dem er ein gutes Gespräch gehabt habe. Gleichwohl: Wallow ist davon überzeugt, dass er die von der aktuellen Parteispitze aufgebauten hohen Hürden gar nicht übersprungen muss. „Maßgebend ist doch immer noch die Satzung“, sagt er. Und dort sei festgelegt, dass man drei Unterbezirke hinter sich bringen müsse, wenn man als Parteichef kandidieren wolle. „Und die habe ich sicher“, sagt Wallow. Schon als Juso habe er die Satzung „genau studiert“ und er wisse, geändert werden könne sie nur mit einer Zweidrittelmehrheit.

Kritisch sieht er auch die hohe Anzahl der Parteiversammlungen. „23 Regionalkonferenzen – das können sich doch nur jene leisten, die einen Apparat hinter sich haben“, meint er. Insofern sei keine Chancengleichheit gegeben. Und wie sieht er, der von sich sagt, er sei stets ein Reformer gewesen, die anderen Bewerber? Dazu wolle er sich nicht äußern, sagt Wallow.

Nur zwei Dinge noch: Im Gegensatz zu vielen anderen Kandidaten ist er dafür, dass die große Koalition weitermacht. Bisher sei ja auch einiges auf den Weg gebracht worden. „Die sollen das jetzt zu Ende bringen.“ Und Parteichef dürfe nur jemand ohne Mandat oder Regierungsamt werden. „Die haben doch gleich wieder die Kompromissmaschine im Kopf.“ Nur dann sei es möglich, dass die Partei neben der Regierungsarbeit sichtbar bleibe. Ein Satz, den sich auch chancenreichere Kandidaten zu eigen machen könnten.

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