Kommentar zur Lage der Unionsparteien: Unter Schwestern

Kommentar zur Lage der Unionsparteien : Unter Schwestern

Kramp-Karrenbauer ist erkennbar konservativer als Merkel, was sie unter anderem mit ihrer Ablehnung der Ehe für alle oder ihrem Eintreten für ein Beibehalten des Werbeverbots für Abtreibung gezeigt hat. Der CSU kommt das entgegen, kommentiert Holger Möhle.

Ende des Familienkrachs. So zumindest geloben es CSU und CDU. Der Start ins neue Jahr soll auch ein Neustart im Verhältnis der Unionsparteien werden. Das ist nach dem Zerwürfnis zwischen der langjährigen CDU-Vorsitzenden Angela Merkel und Noch-CSU-Chef Horst Seehofer auch bitter nötig. Die Volksparteien CDU und CSU wurden vom Volk geschrumpft, die SPD ist in manchen Regionen der Republik sogar marginalisiert worden.

Mit der neuen CDU-Vorsitzenden Annegret Kramp-Karrenbauer sucht die CSU nun auch einen neuen Schulterschluss – und umgekehrt. Beide brauchen einander, erst recht in einem schwierigen Jahr mit Wahlen in Europa und in drei ostdeutschen Bundesländern, wo Populisten und Extremisten von Links und Rechts weiter an Zulauf gewinnen könnten.

Kramp-Karrenbauer ist erkennbar konservativer als Merkel, was sie unter anderem mit ihrer Ablehnung der Ehe für alle oder ihrem Eintreten für ein Beibehalten des Werbeverbots für Abtreibung gezeigt hat. Der CSU kommt das entgegen – unter Schwestern. Nochmals zehn Prozentpunkte Verlust wie bei der Bayern-Wahl nun auch bei der Wahl zum europäischen Parlament würde ihren Einfluss dramatisch schmälern und den Erfolgsdruck auf den designierten CSU-Chef Markus Söder weiter erhöhen.

Wenn der Erdrutsch der CSU tatsächlich auch an den überraschenden Volten ihres langjährigen Vorsitzenden Seehofer gelegen hat, sind die Christsozialen diesen Ballast bald los. Noch ein Vorteil: Kramp-Karrenbauer ist weitgehend unbelastet von den alten Grabenkämpfen. Und sie wird bald zeigen, dass sehr viel weniger Merkel in ihr steckt als viele glauben. Wer Kramp-Karrenbauer unterschätzt, hat schon verloren.

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