Kommentar zur neuen Grünen-Doppelspitze: Total real

Kommentar zur neuen Grünen-Doppelspitze : Total real

Robert Habeck und Annalena Baerbock sind auf dem Parteitag der Grünen in Hannover als neue Doppelspitze gewählt worden. Nun braucht es Pragmatismus, kommentiert Holger Möhle.

Robert Habeck geht seinen Weg. Und die Grünen gehen ihn mit. Zu seinen Bedingungen. Das ist gemessen am quasi natürlichen Widerstandsreflex der Grünen gegen jede Form von Diktat schon sehr bemerkenswert. Kein Vorsitzender hat in der turbulenten Geschichte der Grünen seiner Partei ein größeres Zugeständnis für seine Kandidatur abverlangt als Habeck.

Was machen die Grünen? Sie fressen ihrem neuen Star artig aus der Hand. Danke, Robert! Jetzt hat er also jene acht Monate Übergangsfrist sicher, in denen er zeitgleich Minister in Schleswig-Holstein bleiben darf und zugleich an die Parteispitze wechseln kann.

Acht Monate sind in der Politik ein vergleichsweise langer Zeitraum. Wer weiß, was bis dahin alles passiert? Im Bund, in Schleswig-Holstein, bei den Grünen. Übergangszeit bedeutet in diesem Fall auch Probezeit. Für beide Seiten. Habeck bleibt – vorerst – mit einem Fuß in Kiel, bevor er wohl ganz den Sprung nach Berlin und damit in die Bundespolitik wagt. Die nächste Bundestagswahl kommt bestimmt.

Vielleicht schon früher als es sich manche wünschen. Darauf wollen die Grünen auch mit der Wahl ihrer neuen Doppelspitze vorbereitet sein. Habeck übernimmt – gemeinsam mit der brandenburgischen Bundestagsabgeordneten Annalena Baerbock – also den Job, die Grünen auf eine nächste Koalition im Bund vorzubereiten. Vielleicht Jamaika, zweiter Versuch, wer was das schon? Vielleicht reicht es für Schwarz-Grün. Vielleicht gibt es für Rot-Rot-Grün auch eine linke Mehrheit. Vielleicht, vielleicht...

Habeck und Baerbock, die sich beide als flügelübergreifende Kandidaten verstehen, aber dem Realo-Lager zugerechnet werden, sind geeignet, für die Grünen neue Wählerschichten zu erschließen. Die neue Führung: total real.

Habeck ist kein neuer Joschka Fischer, auch wenn ihn viele mit dem einstigen Realissimo der Grünen vergleichen. Fischer hat es immer vermieden, ja, gescheut, sich mit einem Parteiamt zu belasten. Fischer war eine Ein-Mann-Show mit ausgeprägtem Machtinstinkt, auch rücksichtslos nach innen. Habeck wagt sich an den Parteijob – mit einer Übergangsfrist.

Er hat gepokert. Er hat gewonnen. Er hat bekommen, was er wollte. Habeck und Baerbock können die Grünen neu aufstellen. Auch in der Politik braucht es neue Gesichter. Baerbock, 37 Jahre alt, steht zudem für einen Generationswechsel bei den Grünen. Habeck hat zugleich das Vermögen, auch Wählerinnen und Wähler anzusprechen, die zunächst zur FDP tendieren würden.

Die neue Doppelspitze startet mit Vorschusslorbeeren. Aber ein solcher Lorbeerkranz verwelkt im politischen Alltag schnell. Angriff, Lust zur Debatte, auch Radikalität – das mögen die Grünen. Aber es darf auch eine Dosis Pragmatismus sein. Opposition ist Mist? Bei den Grünen dauert das im Bund jetzt schon seit fast 13 Jahren. Habeck und Baerbock haben einen Auftrag: zurück in die Regierung. Und das ist erst der Anfang.

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