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Interview zum 100. Katholikentag: Thomas Sternberg: „Es ist Bewegung in der Kirche“

Interview zum 100. Katholikentag : Thomas Sternberg: „Es ist Bewegung in der Kirche“

Mehr als 55.000 Besucher werden bis Sonntag zum Jubiläum des katholischen Laientreffens in der Messestadt erwartet. Das Motto: „Seht, da ist der Mensch“.

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Wie viel besser geht es einem Katholiken nach drei Jahren Papst Franziskus?

Thomas Sternberg: Es geht ihm insofern sehr viel besser, als man die beglückende Erfahrung macht, dass Bewegung in der Kirche ist, Bewegung zu Neuem hin. Es gibt wieder eine stärkere Verbindung zwischen Lehramt und Kirchenleitung einerseits und Glaubens- und Lebenspraxis andererseits. Denn vieles von dem, was beispielsweise im jüngsten Papstschreiben enthalten ist, ist auf der Gemeindeebene längst Praxis. Aber bisher immer mit dem Gefühl: Du machst da etwas, was nicht gewollt oder akzeptiert ist.

Beispiel?

Sternberg: Nehmen Sie nur den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. In sehr vielen Gemeinden, für sehr viele Paare ist diese Frage vor Ort gelöst. Jetzt schreibt der Papst, dass genau das der Weg ist: die Lösung in der Gemeinde, getragen vom Gedanken der Barmherzigkeit. Das ist schon eine enorme Neuigkeit. Insofern ist dieser Papst ein Glücksfall für die Kirche.

Mehr Freiheit, weniger Hierarchie?

Sternberg: Ich bin mir nicht sicher, ob das der Punkt ist. Ich glaube, das Ganze wird jetzt noch anspruchsvoller. Das Setzen von Regeln – von Schwarz und Weiß – ist einfach. Das Wahrnehmen wirklicher Vielfalt, das Wahrnehmen der vielen Grautöne macht die Sache schwieriger. Also: Es wird nicht einfacher, aber es wird christlicher.

Hätten Sie den Papst gerne beim Katholikentag jetzt in Leipzig dabei gehabt? Gab es eine Anfrage?

Sternberg: Natürlich, wer hätte das nicht gerne! Aber das ist nicht die Ebene für einen Papstbesuch. Das ist schon eine andere Nummer. Ich habe die große Hoffnung auf einen Papstbesuch überhaupt in Deutschland. Im Übrigen: Der Papst bringt uns wieder auf die europäischen Grundkonstanten, die eben nicht national sind. Das hat er bei der Verleihung des Karlspreises gerade wieder gezeigt.

Welche Sorgen treiben einen katholischen Europäer in diesen Monaten um?

Sternberg: Sehr große Sorgen. Ich habe den Eindruck, dass im Moment sehr viele die Vorteile der EU dankbar annehmen – Reisefreiheit, gemeinsame Währung, großer Wirtschaftsraum zum Beispiel – gleichzeitig aber glauben, man könne daneben einen Nationalismus konservieren, man könne weiter in nationalen Kategorien denken. Jean-Claude Juncker spricht hier von Teilzeit- und Vollzeiteuropäern. Vollzeit bei den Vorteilen, Teilzeit, wenn es darum geht, Souveränität aufzugeben oder zusammenzuarbeiten. Ich glaube, es gibt im Moment eine gigantische Gefährdung Europas.

Wodurch?

Sternberg: Wir haben die Gefahr des britischen Ausstieges, des Brexit. Wir haben in Ungarn und in Polen Regierungen mit starken nationalistischen Tendenzen. Wir haben national-populistische Bewegungen in Frankreich, Österreich, den Niederlanden und auch in Deutschland. Man wird sehr aufpassen müssen, dass die große europäische Idee nicht zerbröselt unter den Irrlehren eines Nationalismus, der aus dem 19. Jahrhundert stammt.

Was kann da der Karlspreis helfen?

Sternberg: Zum Beispiel, dass der Papst uns ins Gewissen redet. Es geht ihm nicht um die Beschwörung des christlichen Abendlandes. Es geht ihm vielmehr um die Frage, was christlich ist an Europa. Der Papst schreibt uns dazu Dreierlei ins Stammbuch: Europa ist die Fähigkeit zum Dialog, die Fähigkeit zur Integration und die Fähigkeit, etwas hervorzubringen. Etwa den sozialen Ausgleich oder die Achtung der Würde des Menschen. Das ist etwas anderes als Abschottung und Zumachen.

Ist die europäische Flüchtlingspolitik christlich?

Sternberg: Was ganz sicher nicht christlich ist, ist die Wahrnehmung von Flüchtlingen allein als Gruppe. Flüchtlinge sind keine Masse. Jeder hat seine individuelle Würde und so muss man ihn auch behandeln. Unser Grundgesetz sagt nicht: Die Würde des Deutschen ist unantastbar, sondern die Würde des Menschen. Deshalb darf man keine nationale Abschottungspolitik betreiben. Man kann nicht von der ganzen Welt profitieren wollen, sie sich aber ansonsten vom Hals halten.

Gehört der Islam zu Deutschland oder gehören nur die Muslime dazu?

Sternberg: Ich halte die Debatte über solche Reizwörter für müßig, weil jeder darunter etwas anderes versteht. Eines ist, glaube ich, allen klar: Der Islam ist heute eine wichtige Religion in Deutschland.

Vergleichbar der katholischen oder der evangelischen?

Sternberg: Nicht in einer Größenordnung, wie sie manchmal dargestellt wird. Wir haben in Deutschland etwa 30 Prozent Katholiken, 30 Prozent Protestanten, an die fünf Prozent Muslime und 30 Prozent Nicht-Religiöse. Nicht jeder, der aus der Türkei, einem arabischen oder nordafrikanischen Land kommt, ist übrigens automatisch ein frommer Muslim, so wie nicht jeder Europäer ein Christ ist. Und wer in die Geschichte schaut, weiß, dass Europa nicht immer dann groß war, wenn es sich abgeschottet hat. Das Gegenteil ist richtig: Europa war immer da stark, wo es integrativ war. Es gab sehr fruchtbare Austauschprozesse mit dem Islam.

Hierzulande, nicht nur in Kreisen der AfD, wird Islam schnell gleichgesetzt mit der Bereitschaft zur Gewalt.

Sternberg: Das wäre, wie alle Pauschalierungen, völlig unangemessen. Das Thema der Gewalt ist in den meisten islamischen Richtungen ein schwieriges Thema. Aber das, was im Islamischen Staat passiert, ist durch nichts, durch gar nichts, durch keine Religion rechtfertigbar. Wer glaubt, Selbstmordattentäter kämen ins Paradies, muss wissen: Auch der Koran hat für Massenmörder nur Platz im untersten Kreis der Hölle. Hier werden religiöse Elemente grotesk missbraucht. Im Übrigen: Es ist nicht unsere Sache zu klären, wie der Islam zur Gewalt steht. Das ist Aufgabe der vielfältigen islamischen Gemeinden.

Was sagt der Gesprächskreis „Christen und Muslime“ des ZdK dazu?

Sternberg: Ich bin sehr froh, dass wir zum Katholikentag von dort einen Text bekommen haben, der eine klare Absage an die Gewalt zum Inhalt hat – aus christlicher wie aus islamischer Sicht. Ein Text, der von führenden Muslimen dieses Landes mit unterschrieben ist.

Sie wollen die AfD auf Ihrem Katholikentag nicht haben…

Sternberg: Ich finde in der Programmatik dieser Sammelbewegung nichts, was uns als Katholiken weiter bringt. Aber selbstverständlich bleiben wir mit den Menschen im Gespräch, die glauben, AfD wählen zu sollen.

Sind Sie mit der öffentlichen Wahrnehmung des ZdK zufrieden?

Sternberg: Bedingt. Wir sind jedenfalls mehr als ein innerkirchlicher Betriebsrat. Die zehn Prozent innerkirchlichen Stellungnahmen werden mehr beachtet als die 90 Prozent politischen. Da lässt sich noch manches schärfen.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Kardinal Reinhard Marx? Tritt er für eine Stärkung der Laienarbeit ein?

Sternberg: Mein Verhältnis zu ihm ist sehr gut, wir kennen uns lange. Und zur Laienarbeit: Wir werden angesichts des gigantischen Priestermangels, den wir haben, unsere kirchliche Existenz nur durch eine völlig neue Wahrnehmung der Selbstständigkeit von Laien erhalten können.

Bleiben Sie bei der Forderung nach der Weihe von Diakoninnen?

Sternberg: Na klar. Ich halte das aus vielerlei Gründen eigentlich für unproblematisch. Und vierzehn Tage nach dem bundesweiten „Tag der Diakonin“ der katholischen Frauenverbände verspricht der Papst vor Ordensfrauen, das Thema endlich anzugehen. Aber klar muss auch sein: Der Diakonat der Frau ist ein wichtiges, aber nicht das einzige Thema im Kontext von Frau und Kirche. Denken Sie nur an die Seelsorgeaufgaben von Pastoralreferentinnen. Da brennt es mindestens so wie beim Diakonat.

Die katholische Kirche gilt weithin als Männergesellschaft…