Düsseldorfs Arbeitsminister Schneider: Migranten in der Warteschleife

Düsseldorfs Arbeitsminister Schneider : Migranten in der Warteschleife

Kinder von türkischen oder arabischen Eltern drehen nach Angaben von NRW-Arbeitsminister Guntram Schneider (SPD) deutlich öfter "Warteschleifen" als Kinder ohne Migrationshintergrund, weil sie keine Lehrstelle bekommen.

"Ein Missstand, den wir nicht länger hinnehmen können", sagte Schneider dieser Zeitung. Der Minister forderte die Wirtschaft auf, mit "Klischees aufzuräumen", dass Migrantenkinder über keine ausreichenden Sprachkenntnisse verfügten oder gar keine Lehrstelle wollten.

Nach aktuellen Studien finden nur 75 Prozent der Migranten, die eine Lehrstelle suchen, nach Abschluss ihrer Schulzeit innerhalb von drei Jahren einen Ausbildungsplatz. Viele landen in schulischen Warteschleifen - 25 Prozent der Suchenden gehen am Ende ganz leer aus. "Wenn die Unternehmen die vorhandenen Potenziale für Fachkräftenachwuchs ignorieren, ist das fahrlässig und gefährdet unseren Wirtschaftsstandort", sagte Schneider.

Nordrhein-Westfalen will deshalb mit mehr Praktika und "Berufsfelderkundungen" in den Schulen die Chancen für Migrantenkinder deutlich verbessern. Der Präsident des Bundesinstituts für Berufsbildung, Friedrich Hubert Esser, forderte eine intensivere und individuellere Beratung der Migranten. Esser verwies darauf, dass Migrantenkinder, die die Hürde für eine Lehrstelle genommen haben, nach ihrer Ausbildung über beste Berufschancen verfügen. So wurden 44 Prozent der Migrantenkinder, die eine Lehre absolviert haben, später vom Betrieb unbefristet übernommen, 27 Prozent erhielten einen befristeten Vertrag.

Kinder mit ausländischen Wurzeln haben zumeist eine ungünstigere Ausgangssituation, weil ihre Eltern eine geringere Bildung haben und das duale Ausbildungssystem kaum kennen. Da die Entscheidung für die Berufswahl aber in zwei Dritteln der Fälle in der Familie fällt, setzt NRW auf den Ausbau des systematischen Übergangssystems von der Schule in den Beruf.

Arbeitsminister Schneider verlangte ein Umdenken der Personalchefs bei der Besetzung von Lehrstellen. Gerade Migranten aus sozial schwächeren Stadtteilen seien davon betroffen, dass Bewerber "nach der Postleitzahl frühzeitig ausgesiebt" werden. Angesichts des wachsenden Bedarfs an Fachkräften können sich Unternehmen dies aus Sicht der NRW-Arbeitsämter nicht leisten. So stammen zum Beispiel in Dortmund schon 60 Prozent der 16-Jährigen aus Familien mit Zuwanderergeschichte.

Minister Schneider kritisierte, dass 60 Prozent der Betriebe noch nie einen Azubi mit ausländischen Wurzeln eingestellt haben. Wenn Firmen über fehlende Sprachkenntnisse klagten, dann sei das oft unbegründet. "Die meisten dieser Jugendlichen sind mittlerweile hier geboren und haben hier die Schule besucht", so Schneider.

Laut einer Bertelsmann-Studie vom Januar 2015 bilden derzeit bundesweit nur 10,2 Prozent der Betriebe junge Migranten aus, in Westdeutschland 11,8 Prozent. Von Schulabgängern mit Haupt- und Realschulabschluss suchen 66 Prozent der Migranten einen Ausbildungsplatz - ohne Migrationshintergrund 76 Prozent der Schulabgänger.

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