Lehrermangel: Seiteneinsteiger sollen fehlenden Nachwuchs ersetzen

Kultusminister setzen auf Berufspraktiker : Seiteneinsteiger sollen Lehrermangel lindern

Mit dem neuen Schuljahr sind in vielen Bundesländern erneut viele Quer- und Seiteneinsteiger als Lehrerinnen und Lehrer eingestellt worden. Die Kultusminister verteidigen den Weg, auf Berufspraktiker zu setzen. Experten warnen vor den Folgen.

Mit dem neuen Schuljahr sind in den meisten deutschen Bundesländern erneut viele Quer- und Seiteneinsteiger eingestellt worden. Das hat eine Abfrage unserer Redaktion bei allen 16 Kultusministerien ergeben. Demnach lag der Anteil von Seiten- und Quereinsteigern bei neu eingestellten Lehrern in den Ländern im Schnitt bei rund 16 Prozent. Die Unterschiede sind aber gewaltig.

So führt Berlin das Feld mit weitem Abstand an. Von den 2700 neu besetzten Stellen entfielen dort 711 auf Quer- und 938 auf Seiteneinsteiger. Das entspricht einem Anteil von 61 Prozent. Westdeutsche Flächenländer wie Nordrhein-Westfalen liegen zwischen zehn und zwölf Prozent, die meisten ostdeutschen Länder kommen auf Werte um 30 Prozent, Rheinland-Pfalz nur auf knapp vier Prozent.

Der Trend hält seit Jahren an, auch wenn die Zahlen schwanken. Hintergrund ist oft ein Mangel an Absolventen mit Lehramtsstudium, besonders für Grundschulen und für Fächer wie Mathematik und Physik an weiterführenden Schulen. Die Folge: Die Länder behelfen sich mit der Möglichkeit des Seiten- und Quereinstiegs – wobei die Definition von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich ist. Die Zahlen sind deswegen nur in einem grobem Raster miteinander vergleichbar.

Unter Seiteneinsteigern verstehen die meisten Kultusministerien Lehrkräfte, die kein Lehramtsstudium vorweisen können, sich aber über einen Vorbereitungsdienst für das Unterrichten qualifizieren. Quereinsteiger wiederum haben in der Regel ein Fachstudium in der Tasche und kommen zumeist an Berufsschulen zum Einsatz, um dort das jeweilige Fach zu unterrichten.

In NRW liegt der Anteil der Seiteneinsteiger an allen neueingestellten Lehrern im laufenden Schuljahr bei 11,9 Prozent. 2018 betrug die Quote noch knapp 14 Prozent. Der Anteil schwankt stark: In den vergangenen neun Jahren war er mit knapp 17 Prozent im Jahr 2010 am höchsten. Am geringsten war die Quote 2014 mit 2,3 Prozent. Über alle Länder hinweg betrachtet steigt der Anteil der Seiteneinsteiger an der Zahl der Lehrkräfte kontinuierlich.

Das Schulministerium in NRW sieht darin kein Problem. Seiteneinsteiger seien mit ihrer Berufsbiografie vielfach eine Bereicherung für das Schulleben, hieß es. An Grundschulen, wo in NRW die meisten Lehrkräfte fehlen, dürfen sie offiziell nur Kunst, Musik, Sport und Englisch unterrichten. Die Praxis sehe jedoch oft anders aus, sagt Maike Finnern, GEW-Landeschefin. Häufig sei der Mangel so groß, dass die Seiteneinsteiger nach kurzer Zeit auch andere Fächer unterrichteten. Dies gelte insbesondere für Vertretungslehrer. Für deren Einstellung seien die Schulämter zuständig, und hier kämen dann häufig auch Kräfte zum Einsatz, die als Seiteneinsteiger kaum eine Chance hätten. Es sei sehr schwierig, einen Überblick zu gewinnen, wie viele dieser Vertretungslehrer an den Grundschulen in NRW zurzeit arbeiteten.

In Rheinland-Pfalz liegt der Anteil der Seiten- und Quereinsteiger an allen neueingestellten Lehrern bei vergleichsweise niedrigen 3,6 Prozent. Unter 1000 neu eingestellten Lehrkräften gab es 35 Quereinsteiger an Berufsschulen und eine Person als Seiteneinsteiger. Laut Ministerium sind von den 41 000 Lehrkräften etwa 45 Quer- oder Seiteneinsteiger. Der Quereinstieg ist in Rheinland-Pfalz dabei nur an Förder- oder Berufsschulen möglich. Über alle Länder hinweg betrachtet steigt der Anteil der Seiteneinsteiger an der Zahl der Lehrkräfte.

Hessens Bildungsminister Alexander Lorz, Präsident der Kultusministerkonferenz, sieht Vorteile der Entwicklung. „Quereinsteiger in den Schulberuf sind weder Lehrkräfte zweiter Klasse noch eine Gefahr für die Bildungsziele unserer Kinder“, sagte er. „Natürlich sind und bleiben vollausgebildete Lehrkräfte unsere Priorität und auch die Regel.“ In diesen „herausfordernden Zeiten“ seien aber alle Länder in unterschiedlichem Umfang auf den Einsatz von Quereinsteigern angewiesen. „Mit ihren beruflichen Vorerfahrungen, die Quereinsteiger mitbringen, sind sie auch eine Chance und Bereicherung für die Schulen.“

Die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marlis Tepe, sieht das deutlich kritischer. „Gäbe es in Deutschland nur eine kleine Zahl von Quer- und Seiteneinsteigern, wäre das zu kompensieren“, sagte sie unserer Redaktion. „Angesichts der Entwicklung der vergangenen Jahre geraten jedoch unser Bildungssystem und die damit verbundenen Lernziele für die Schüler in Gefahr.“ Sie nannte es ein breites Politikversagen, dass es so viele Quer- und Seiteneinsteiger gebe.

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