Kommentar zum Prozess um die Bonner Bombe: Keine Beruhigung

Kommentar zum Prozess um die Bonner Bombe : Keine Beruhigung

Das Terrorverfahren gegen einen Bonner Islamisten ist beendet. Doch es gibt an die 500 weitere Islamisten in Deutschland. Tendenz steigend. Da können auch lange Haftstrafen kaum beruhigen, findet GA-Redakteur Rüdiger Franz.

Das Urteil ist gesprochen, der Staat hat die Verfahrensherrschaft behauptet. Zumindest in diesem Fall, der das Düsseldorfer Oberlandesgericht und die Öffentlichkeit zweieinhalb Jahre lang beschäftigte. Daraus zu schließen, Sicherheitsbehörden und Justiz hätten die Gefahr islamistischer Bedrohungen nunmehr unter Kontrolle, griffe allerdings zu kurz, wie die langfristige Entwicklung zeigt.

Als der Bombenleger Marco G., für den seit Montag auf das Attribut „mutmaßlich“ verzichtet werden kann, am 10.Dezember 2012 mit einer blauen Sporttasche auf Bahnsteig 1 des Bonner Hauptbahnhofs zusteuerte, schätzten Sicherheitskreise die Zahl seiner Gesinnungsgenossen in Deutschland auf unter 5000. Jetzt, vier Jahre später und wenige Tage vor Verkündung der langjährigen Haftstrafen gegen den Islamisten aus Bonn und drei Komplizen, meldete der Verfassungsschutz die doppelte Zahl. Auf 10.000 Personen ist ihr Kreis inzwischen angestiegen.

Auch wenn nicht jeder zum Bombenbau neigt, der das Heil seiner Religionsgemeinschaft – am besten gleich der ganzen Menschheit – im Islam des siebenten Jahrhunderts mit all seinen Ausprägungen sucht, so ist doch offenkundig: Mit dem ungebremsten Wachstum des Salafismus haben sich in den knapp viereinhalb Jahren auch Resonanzkörper und Rekrutierungspotenzial für all diejenigen verdoppelt, die mit Marco G. der Hoffnung anhängen, die „Ungläubigen sollen Blut weinen“. Die Taktzahl islamistischer Anschläge in Deutschland, seinen Nachbarstaaten und in aller Welt hat eine Frequenz angenommen, bei der selbst die Sympathisanten der „Gotteskrieger“ mit ihren üblichen Glorifizierungen im Internet kaum nachkommen.

Zwar scheint die Hoffnung gewagt, doch vielleicht bringen ja die aktuellen Wahlkämpfe endlich eine brauchbare Antwort auf die Frage, welches Kraut denn nun gegen den Salafismus gewachsen ist. Gutes Zureden in Jugendgruppe und Berufsschule, in bestimmten politischen Milieus lange als probates Mittel angewandt, dürfte als Placebo inzwischen weitgehend verworfen worden sein.

In der Politik ist deshalb nun ein Wettbewerb ausgebrochen, sich in der Ausstattung von Präventionsprogrammen zu überbieten. Aber auch die konnten das exponentielle Wachstum des Salafismus nicht bremsen. Der Hinweis, ohne Präventionsarbeit wäre alles noch viel schlimmer, ist bei Verdopplung einer Gefahrenlage binnen weniger Jahre jedenfalls ein sehr schwacher Trost.

Und das gilt nicht nur für den Steuerzahler, der sowohl die Bedrohung durch derlei Parallelgesellschaften ertragen, als auch die verzweifelten Versuche ihrer Einhegung auch noch bezahlen muss. Ein Terrorverfahren gegen Islamisten ist beendet, an die 500 laufen in Deutschland zurzeit noch.Tendenz steigend. Da können auch lange Haftstrafen für ein Quartett kaum beruhigen.

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