Führungsfiguren: Haben Merkel und Löw ihren Abgang verpasst?

Führungsfiguren : Haben Merkel und Löw ihren Abgang verpasst?

Kanzlerin Angela Merkel und Bundestrainer Joachim Löw haben sich nach glanzvollen Erfolgen in ihren Ämtern verbraucht und dabei womöglich den Zeitpunkt für einen selbstbestimmten Abgang verpasst.

Der Aufschwung. 16. Juni 2014, Stadion „Arena Fonte Nova“, Salvador de Bahia, Brasilien. Besondere Merkmale: Weltkulturerbe, Karneval, exorbitante Mord- und Verbrechensquote. Die Mannschaft hat gerade geduscht. 4:0-Auftaktsieg gegen Portugal. Einige Spieler wie der dreifache Torschütze Thomas Müller, Mats Hummels, Mario Götze und Jerome Boateng haben sich ein Handtuch um die Hüften gebunden, andere sind noch im Trikot. Gleich kommt ein Gast aus Deutschland ins Allerheiligste, in die Kabine jenes Teams, das in den kommenden Wochen noch einen Namen als Marke prägen wird: Die Mannschaft. Deutschland wird es als erste europäische Mannschaft schaffen, einen WM-Titel in Südamerika zu gewinnen. Im Finale gegen Argentinien, den Erzfeind des Gastgebers. Der vierte Stern.

Angela Merkel ist für knapp zwei Tage nach Brasilien geflogen. WM-Tage sind auch Tage, die über die Zustimmung zu einer Bundesregierung entscheiden können. Spielt die Nationalmannschaft gut, ist auch die Stimmung im Lande gut, was wiederum gut für die amtierende Regierung ist. Im Sommer 2002 packte ein Bundeskanzler namens Gerhard Schröder die Gelegenheit beim Schopf und jettete vom G8-Gipfel in Kanada direkt nach Japan. Auf nach Yokohama zum WM-Endspiel Deutschland-Brasilien.

Es war die Zeit des Vorwahlkampfes. Der Kanzlerkandidat der Unionsparteien hieß damals Edmund Stoiber. Auch der CSU-Mann bestieg umgehend eine Maschine nach Japan. „Ich mache kurz einen Abstecher nach Yokohama – weil’s grad um die Ecke liegt.“ Möglichst etwas vom Glanz eines erhofften Titelgewinns abbekommen. Deutschland verliert 0:2 gegen Brasilien. Stoiber, grundsätzlich ein Fußball-Kenner, stammelt umständlich, das sei „bitter, aber nicht so bitter“, weil Brasilien mit Ronaldo, Rivaldo und Ronaldinho schließlich „ein Trio“ habe, das seinesgleichen auf dem Erdball suche. Schröder gewinnt die Wahl. Hauchdünn. Wenige tausend Stimmen fehlen Stoiber für den Machtwechsel. Und Angela Merkel wäre vermutlich nie Bundeskanzlerin geworden.

2014: Helden in Weiß und Rot

An diesem 16. Juni 2014 jedenfalls ist Merkel, weiße Hose, roter Blazer, im Zentrum eines Fotos zu sehen, das sie mit Helden ebenfalls in Weiß und Rot zeigt: Die Mannschaft. Irgendwie ist es auch ihre Mannschaft, schließlich hat Bundestrainer Joachim Löw einmal betont, dass „wir alle scho‘ au‘ Fans von der Anschela Merkel sind“. Passt doch. Merkel kommt vier Wochen später noch einmal nach Brasilien. Stadion Maracana in Rio de Janeiro. Endspiel. Sieg. Vierter WM-Titel.

Wenige Tage später wird Merkel in ihrer Sommerpressekonferenz gefragt – da hat Kapitän Philipp Lahm soeben seinen Rücktritt aus der Nationalmannschaft erklärt –, wie schwer es sei, den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg aus der Politik zu finden. Merkel ist als Bundeskanzlerin gewissermaßen die Spielführerin in der Bundespolitik. Sie antwortet ganz als Pflichtmensch. Sie sei bei der Wahl 2013 „für die ganze Legislaturperiode“ angetreten. Und: „Die Menschen können sich erst einmal darauf verlassen, dass ich das, was ich ihnen gesagt habe, auch tue.“ Merkel war bei der Bundestagswahl 2013 mit 41,5 Prozent Zustimmung nur äußerst knapp an der absoluten Mehrheit für die Unionsparteien, für die damals noch harmonischen Schwestern von CDU und CSU, vorbeigerauscht. Haushoher Wahlsieg und vierter Stern. Sie steht im Zenit ihrer Karriere.

Der Abschwung. Über Merkel, seit 2005 im Amt, und Löw, seit 2006 im Amt, ist so viel bekannt: Beide sind sehr öffentliche Personen. Löw hat neben sich noch etwa 82 Millionen weitere Bundestrainer. Alle Kenner der Materie, die jeden Samstag in Sportschau-Ausschnitten ihre Mannschaft neu aufstellen, nichts über eine anaerobe Schwelle wissen und das Trainingsspiel „Rondo“ womöglich mit Rodeo verwechseln. Das Privatleben halten Löw und Merkel bedeckt. Merkels Raute. Löws Espresso. Urlaub auf Sylt (Löw) oder in Südtirol (Merkel). Sie gehören kraft ihres Amtes gewissermaßen der Allgemeinheit.

Bundeskanzlerin ist man an 365 Tagen im Jahr. Urlaub ist das Synonym für einen Tag, an dem man sich vielleicht nur sechs Stunden mit Regierungsgeschäften beschäftigen muss. Zum Wohle des deutschen Volkes. Wenn etwas im Land nicht läuft? Schuld ist die Regierung. „Wir schaffen das“, hat Merkel 2015 gesagt. Es war dann so interpretiert worden, als wollte sie noch mehr Flüchtlinge ins Land lassen. Die CSU hat sich daraufhin ein Langzeitziel gesetzt: Sie will Merkel schaffen.

Mechaniker von Macht und Mannschaft

Merkel und Löw sind nicht aus der Zeit gefallen. Ganz bestimmt nicht. Beide haben einen ausgeprägten Sinn für die Realität, für das Machbare. Beide sind akribisch, ausdauernd, präzise. Die eine Mechanikerin der Macht, der andere Mechaniker eines formabhängigen Gefüges, das sich Mannschaft nennt. Die Mannschaft. Beide sind als permanent öffentliche Personen angreifbar. Beide kennen Sieg und Niederlage. Sie kennen das Gefühl: ganz oben.

Aber von dort ist der Aufprall besonders hart. Beide leben letztlich vom Resultat. Fußball ist ein Ergebnissport. Politik nicht minder, wenn man die Rücktritte nach verlorenen Wahlen nimmt. Trainer werden entlassen. Einen Bundeskanzler entlässt der Wähler, wenn sie nicht durch konstruktive Misstrauensvoten gestürzt werden oder Vertrauensfragen verlieren, was bei Merkel noch kommen könnte. Es könnte sein, dass sich für beide gerade herausstellt, dass sie den Zeitpunkt für einen selbstbestimmten Abgang verpasst haben oder dabei sind, diesen zu verpassen.

Merkel hat im Dezember 2016 betont, sie trete wieder „für die volle Legislaturperiode“ an. Bis 2021. Ihre Regierungsbildung wird so schwierig wie die Gruppenspiele bei dieser WM. Das Spiel gegen Schweden mit dem Last-Minute-Tor von Toni Kroos kommt der Einigung auf die große Koalition im März gleich. Auch so ein Last-Minute-Ereignis. Jetzt ist Fußball-Deutschland raus. Wir schaffen das? Löw hat es nicht geschafft. Ohne Worte. Kasan werden sie später in einem Satz neben Cordoba und Gijon nennen. Synonym für Schmach. Ob Löw weiter macht? Ob Merkel weiter machen kann? Vielleicht gibt es für Merkel bald in Deutschland ein Kasan: München, Sitz der CSU-Zentrale.

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