Brandts letzter Wohnort: Gerhard Schröder würdigt Willy Brandt in Unkel

Brandts letzter Wohnort : Gerhard Schröder würdigt Willy Brandt in Unkel

An diesem Montag vor 50 Jahren wurde Willy Brandt zum Bundeskanzler vereidigt. Aus diesem Anlass kam Gerhard Schröder nach Unkel, Brandts letztem Wohnort. Dort würdigte er den sozialdemokratischen Übervater - und seine eigene Politik.

„Ein Traumfoto“, sagt Gerhard Schröder, zieht die Augenbrauen hoch und streckt seinen Kopf ein Stück nach vorne. Er blickt auf Willy Brandt, der vor einer jubelnden Menge vor dem Brandenburger Tor steht. Das Bild entstand am 10. November 1989, einen Tag nach dem Mauerfall. Brandt blickt gütig lächelnd vom Foto herab zurück auf den Betrachter.

Es ist diese direkte Linie zwischen den beiden sozialdemokratischen Kanzlern, zwischen dem Übervater Brandt und dem „Brandt-Enkel“ Schröder, die heute hier sichtbar werden soll. Schröder und seine Frau So-yeon Schröder-Kim sind an diesem Sonntagmorgen nach Unkel gekommen, dem letzten Wohnort Brandts, um den 50. Jahrestag der Vereidigung zum Bundeskanzler am 21. Oktober 1969 zu feiern.

Geduldig lässt sich das Ehepaar durch das Willy-Brandt-Forum führen. Ein Haus voller Andenken an den großen Kanzler. Büsten, Gemälde, Fotos, auch sein Schreibtisch mit Unterlagen und Brille, der aussieht, als wäre Brandt noch da und nur eben kurz aufgestanden, um sich einen Tee zu holen.  „Interessant“, sagt Schröder ein ums andere Mal, oder „Das ist aber schön“. Die Schröders lassen sich Zeit, während die Ehrengäste in der Lobby warten, darunter Brandts Witwe Und Forums-Gründungsstifterin Brigitte Seebacher mit Ehemann Hilmar Kopper, die ehemalige EU-Kommissarin Monika Wulf-Mathies und der ehemalige Verteidigungsminister und rheinland-pfälzische Ministerpräsident Rudolf Scharping.

Wenig später, beim Festakt vor knapp 600 Zuhörern im Unkeler Center Forum, bekommt Schröder dann die Gelegenheit, den großen SPD-Kanzler zu würdigen. Das macht er ernst und staatstragend, er liest vom Manuskript ab. „Eine der Lichtgestalten der deutschen Geschichte“ sei Brandt gewesen, sagt Schröder zu Beginn, zudem „ein faszinierender Mensch und beeindruckender Politiker“. Seine Wahl sei ein Aufbruch gewesen, „wie ihn die Bundesrepublik Deutschland seither nicht mehr erlebt hat“. Als so genannter „Enkel Brandts“ habe er wie auch Scharping, Björn Engholm und Oskar Lafontaine in den 70er Jahren beim politischen Aufstieg dem damaligen Parteivorsitzenden sehr viel zu verdanken gehabt. Seine Wegweisung, so Schröder, sei für ihn sowohl als Bundeskanzler als auch als SPD-Vorsitzender „immer eine Verpflichtung“ gewesen. Zu seiner Rechten auf der Bühne wie ein stummer Zeuge: Brandts Stuhl aus dem Bonner Bundestag. Nummer 5, erste Reihe. Jener Stuhl, aus dem er sich am 21. Oktober 1969 erhob und sagte: „Herr Präsident, ich nehme die Wahl an“.

Schröder fliegt durch die viereinhalb Jahre Kanzlerschaft Willy Brandts. Ein „modernes Denken“ sei ins Kanzleramt eingezogen, unter dem Stichwort „Mehr Demokratie wagen“ seien „rückwärtsgewandte Strukturen“ aufgebrochen worden, ein „neuer Blick für die Verantwortung der Industrieländer gegenüber den Völkern der Dritten Welt“ habe sich gezeigt. Besonders würdigt Schröder die Aussöhnung mit den Nachbarn im Osten und Westen („ein Wunder“), den Kniefall von Warschau 1970, die Friedenspolitik, für die Brandt 1971 den Friedensnobelpreis erhielt. Als „Patriot des guten Deutschlands“ habe sich Brandt in der Welt präsentiert, und es sei in großen Teilen ihm zu verdanken, dass Deutschland heute ein „souveränes und selbstbewusstes Land“ sei.

Das alles habe Brandt trotz massiven Widerstands erreicht. Seine Politik erforderte „Mut und Standhaftigkeit“, da sie innenpolitisch auf das Heftigste bekämpft worden sei. An anderer Stelle zitiert er den am Samstag verstorbenen SPD-Vordenker Erhard Eppler (siehe Nachruf unten): „Politik ist an der Grenze dessen angesiedelt, was Menschen leisten können, ohne Schaden zu nehmen an ihrer Seele“.

Wenn Schröder Brandts Standhaftigkeit betont, so ist der Gedanke an die eigene Politik des bislang letzten sozialdemokratischen Kanzlers sicher nicht unbeabsichtigt gewesen. Es geht an diesem Tag in Unkel zwar um Brandt, aber natürlich auch um seinen erfolgreichsten Enkel. So leitet Schröder seine unter großem Widerstand eingeführten Agenda-Reformen direkt von Brandt ab. Dieser habe unter Gerechtigkeit auch verstanden zu verhindern, dass Menschen „dauerhaft von staatlicher Unterstützung abhängig werden“. Da klingt der Agenda-Slogan „fördern und fordern“ mit. Auch außenpolitisch nimmt Schröder Brandt als Vorbild: Dieser sei ein „Kämpfer für den Frieden gewesen – aber kein Pazifist“. Das Nein zum Irak-Krieg sei folglich Ausdruck sowohl des Primats der Politik als auch der Souveränität Deutschlands gewesen. Die Beteiligung im Kosovo-Krieg dagegen folge Brandts Maxime, dass militärische Mittel in Ausnahmelagen zu verantworten seien.

Historischer Moment am 21. Oktober 1969: Willy Brandt legt vor Bundestagspräsident Kai-Uwe von Hassel im Bonner Bundestag den Amtseid ab. Foto: picture-alliance/ dpa/dpa

Es ist, als würde Schröder seine eigene Kanzlerschaft im Lichte des großen Übervaters Willy Brandt noch einmal rechtfertigen. Gleichzeitig ist es auch ein wehmütiger Ausflug in die großen Zeiten der Sozialdemokratie. Unerwähnt bleibt freilich, dass die SPD sowohl unter Brandt als auch unter Schröder deutlich an Zuspruch verlor. Seit der Wahlniederlage Schröders 2005 und der Spaltung der politischen Linken in SPD und Linkspartei haben sich die Genossen nie wieder erholt. Derzeit dümpeln sie in nationalen Umfragen bei rund 15 Prozent, und viele betrachten Schröder als den Schuldigen. Ihr Heil suchen die Sozialdemokraten in einem Kurs nach Links.

Nichtsdestotrotz gibt Schröder seinen Nachfolgern einen Ratschlag mit auf den Weg: „Wahlerfolge jenseits der 40 Prozent waren nur möglich, weil eine Politik gemacht wurde, die die Mitte erreicht“, sagt er und bekommt einen Lacher vom Publikum. „Wer mag, kann das als Ratschlag für heute betrachten“.

 Deutlicher wird Brandts Witwe Brigitte Seebacher, die nach Schröder spricht. Über die Partei, die gerade aufwendig eine neue Führung sucht, sagt sie: „Ein Urenkel ist leider nicht in Sicht“.

Mehr von GA BONN