Datenautobahn und Verträge: Ein virtuelles Krankenhaus für NRW

Datenautobahn und Verträge : Ein virtuelles Krankenhaus für NRW

Die Konstruktion eines virtuellen Krankenhauses soll Leben retten. Bei schweren Fällen sollen Experten per Bildschirm hinzugezogen werden. Die Krankenkassen reagieren zunächst positiv.

Weder Patienten noch Ärzte werden es je zu Gesicht bekommen. Denn der Kern des „virtuellen Krankenhauses“, das NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) aufbauen will, besteht nur aus einer Datenautobahn und ein paar Verträgen.

Und doch soll die Konstruktion Leben retten. Immer dann, wenn behandelnde Ärzte in schwierigen Fällen nicht weiter wissen. Dann soll Laumanns virtuelles Krankenhaus die besten Spezialisten des Landes mit den herkömmlichen Krankenhäusern und Facharztpraxen verknüpfen, um sicherzustellen, dass für den Patienten keine Chance ungenutzt bleibt. „Wir wollen Räume überwinden, Wissen teilen und so das Leben verbessern und verlängern“, kündigt Laumann das Projekt an, das er selbst „eines der wichtigsten meiner Gesundheitspolitik“ nennt.

Ab kommendem Frühjahr sollen behandelnde Ärzte in NRW sich mit dem Start der Pilotphase bei seltenen Erkrankungen und schwierigen Fällen mit den jeweiligen Koryphäen des Fachs über Bildschirme beraten, mit ihnen Laborwerte, Röntgenbilder, Filme von schlagenden Herzen oder Bewegungsstörungen austauschen können. Teilweise sollen auch Patienten virtuelle Sprechstunden besuchen können.

Internetgestützte Super-Experten-Netzwerke zur Gewährleistung der bestmöglichen Versorgung in der Fläche wurden in NRW allerdings schon oft versprochen. Obwohl die Patienten von entsprechenden Modellprojekten fast immer profitiert haben, verliefen die meisten im Sande. Meistens, weil nach dem Auslaufen der öffentlichen Fördergelder niemand mehr die Kosten übernehmen wollte.

Für die dauerhafte Finanzierung seines virtuellen Krankenhauses greift der altgediente Gesundheitspolitiker Laumann deshalb in die Trickkiste der Behördenverfahren. In dem Krankenhausplan, mit dem er gerade ohnehin die gesamte Krankenhauslandschaft in NRW neu organisieren will, ist für sein virtuelles Krankenhaus jetzt schon ein Platz reserviert. So kann das virtuelle Krankenhaus von Anfang an eigenständige Verträge mit Krankenkassen aushandeln. Die Aufbauphase unterstützt das NRW-Gesundheitsministerium mit zwei Millionen Euro pro Jahr.

Die Zustimmung der wichtigsten Krankenkasse hat Laumann sich schon gesichert: „Insbesondere bei unvorhersehbaren Komplikationen und für Patienten, deren Gesundheitszustand eine Verlegung in ein anderes Krankenhaus nicht zulässt, bietet dieses telemedizinische Versorgungsprojekt eine große Chance“, kommentierte AOK-Vorstand Matthias Mohrmann Laumanns Pläne.

Auch Thomas Ittel, Chef des Uniklinikums der RWTH Aachen, ist zuversichtlich: „Das ist eine Chance, Ungleichheiten der Lebensverhältnisse auszugleichen und gleiche Qualität an allen Orten verfügbar zu machen." Die entscheidende Rolle von Expertenwissen habe jüngst eine bundesweite Studie aufgezeigt. Immerhin bei einem Drittel von 500 untersuchten Patienten mit Lebermetastasen, die von ihren Ärzten aufgegeben worden waren, hätten Experten noch Chancen gesehen.