Von Bonn in die Berliner Republik: Die Politik hat sich nach dem Wegzug aus Bonn verändert

Von Bonn in die Berliner Republik : Die Politik hat sich nach dem Wegzug aus Bonn verändert

Von der Bonner in die Berliner Republik: Die Politik und ihre Macher haben sich verändert. Mehr Tempo, mehr Oberflächlichkeit, mehr Konkurrenz und alles ist viel größer.

Am anderen Ende der Leitung: Peter Struck. „Schreib‘ mal auf, ich hab‘ da was. Wir haben gerade eine Aktuelle Stunde durchgesetzt. Der Dicke kann sich warm anziehen.“ Struck war in seinem Element. Als Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion zog er Strippen, auch solche am Telefon, wenn er in Sitzungswochen in Bonn spätabends die diensthabenden Redakteure der Nachrichtenagenturen anrief. Die Szene wäre heute undenkbar. Inzwischen gibt es für solche Dinge öffentliches, weltweit verbreitetes Gezwitscher, kurz Twitter. Ein Tweet, ein Druck auf den Sendeknopf, schon ist die Sache in Echtzeit in der Welt. Richtig oder falsch. Auf Twitter glaubt jeder, alles zu dürfen.

Den Begriff „Fake News“, als Synonym für systematisch verbreitete Falschmeldungen gegen besseres eigenes Wissen, gab es damals noch nicht, auch wenn Halbwahrheiten, Unwahrheiten oder Lügen natürlich schon zu Bonner Zeiten Instrument versuchter politischer Beeinflussung und Irreleitung waren. Wenn gar nichts mehr hilft, sollte es ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss richten. Hoffte die Opposition. Und das tut sie bis heute. Otto Schily, Innenminister noch in der Bonner, aber auch schon in der Berliner Republik, zerbricht bei einem Zeugenauftritt seine Brille. Hans-Christian Ströbele bietet ihm eine Ersatzbrille an. Schily: „Herr Abgeordneter, ich weiß nicht, ob Sie meine Weitsicht haben.“

Weitsicht. Nahsicht. Innensicht. Vor allem um Letzteres, um den Blick in innere Entscheidungszirkel, geht es in der Politik. Klein, gemütlich, überschaubar und einigermaßen berechenbar war das Politikgeschäft in Bonn, der Stadt am Rhein, deren Gemütsverfassung der Krimiautor John Le Carré auch so beschrieb: „Entweder es regnet oder die Bahnschranken sind runter. Tatsächlich passiert natürlich beides gleichzeitig. Eine Insel, durch den Nebel von der Welt abgeschnitten, so sieht’s hier aus. Es ist ein recht metaphysischer Flecken: Die Träume haben die Realität völlig verdrängt…“

Berliner Republik steht für eine andere Zeit

Erst das Raumschiff Bonn. Nun schwebt das Raumschiff seit 20 Jahren über Berlin, das übertragen und gemessen an der gewachsenen Bedeutung Deutschlands in der Welt schon beinahe die Bedeutung und Größe einer Internationalen Raumstation hat. Anfangs glaubten viele „Bonner“, man könnte Gepflogenheiten von Bonn nach Berlin einfach so hinübernehmen, dann hofften sie, man könnte sie wenigstens hinüberretten. Inzwischen ist klar: Diese Berliner Republik steht für eine andere Zeit, für einen Umbruch, für Neuanfang, für eine andere Größe.

Wer in Bonn als Abgeordneter, Lobbyist, Wahlkreisbesucher oder Korrespondent nachmittags, abends oder nachts bei „Ossi“ in der Bar des Wasserwerks oder im „Mierscheid“ in der Südstadt auf Informations- und Spurensuche ging, konnte sicher sein, jemanden aus dem politisch-publizistischen Milieu dort zu treffen. „Weißt Du schon, der Mayer will jetzt mit dem Müller eine Initiative starten… Ist noch nicht durch, aber er will das morgen einbringen.“

Im Bundestag in Berlin gibt es auf der Fraktionsebene im dritten Obergeschoss zwar auch eine schöne Bar mit Blick auf den Rasen vor dem Reichstagsgebäude, aber diese Bar verkauft an elfeinhalb von zwölf Monaten im Jahr: null Liter Bier, null Liter Wein, null Liter Wasser. Sie ist da, aber kaum in Betrieb. Nur zu besonderen Anlässen, wie etwa dem Abend vor der Wahl des Bundespräsidenten oder wenn Bundestagsfraktionen zu einem Frühjahrs- oder Herbstempfang laden, gibt es Kaltgetränke zum politischen Zwiegespräch. Feste Kneipen als Börse für mehr oder minder harte Nachrichten wie in Bonn gibt es heute im Regierungsviertel keine mehr.

Das Stete in Berlin ist der Wandel

Anfangs hat man versucht, mit dem „Kanzlereck“ oder auch in der „Ständigen Vertretung“ (StäV) am Schiffbauerdamm so etwas einzurichten. Aber im Kanzlereck kocht jetzt ein Asiate und garantiert den schnellen Mittagstisch. Und die „StäV“ ist mehr Partyzone für Berlin-Besucher als Polittreff für Insider. Das „Café Einstein“ Unter den Linden ist vielleicht noch so etwas wie eine Halbwegs-Konstante der Polit-Treffpunkte. Doch in Berlin bleibt nichts sehr lange angesagt, weil die nächste Welle sich schon aufbaut. Gestern noch Kreuzberg und Prenzlauer Berg, dann Friedrichshain und Lichtenberg, morgen wieder der alte Westen: Charlottenburg. Hippe Kneipennamen: „Der Club der polnischen Versager“. Aber wenn Polen mit den Versagern genug verdient hat, zieht die Karawane eben weiter. Berlin ist einfach auch die Stadt, die nicht fertig wird: Baustellen überall. Permanent ist vor allem Veränderung. Das Stete in Berlin ist der Wandel, das Tempo, auch eine gewisse Oberflächlichkeit.

Eine Stadt mit dieser Geschwindigkeit wirkt sich natürlich auch auf die Art und Weise aus, in der Politik gemacht wird. 709 Abgeordnete hat dieser 19. Bundestag – so viele wie nie zuvor. Jeder von ihnen drängt in die Nachrichten. Der Kampf um Öffentlichkeit, darum, in dieser Metropole mit 3,7 Millionen Menschen überhaupt wahrgenommen zu werden, ist sehr hart geworden. Auf beiden Seiten. Bei den Politikschaffenden und bei den Journalisten. Die neue Währung: das Zitate-Ranking. Wer schafft es wie oft in die überregionalen Medien?

Hintergrundkreise gibt es weiter, doch anders als in Bonn, wo das Hintergrundgespräch zuverlässig noch Hintergründe beleuchtete, ist mit dem Umzug die Zahl dieser vertraulichen Zirkel deutlich nach oben gegangen. Dabei ist auch eine gewisse Unübersichtlichkeit und Durchlässigkeit mit nach Berlin gezogen. Was „unter drei“, also in der Rubrik „vertraulich“ erzählt wird, hat häufig keine Relevanz. Und falls doch, wird es je nach Lage dann doch verbreitet.

Berlin ist auch ein Weltmeister im Ignorieren

Berlin ist Hauptstadt und pleite. „Arm, aber sexy“, hat der ehemalige Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit die Tatsache beschrieben, dass das Bundesland Berlin mit 60 Milliarden Euro überschuldet ist. „Berlin ist pleite, und das ist auch gut so“, sang ein musikalisches Kabarett. Denn Berlin ist auch ein Weltmeister im Ignorieren. „Bin ick nich‘ für zuständig“ oder „Kolleje kommt gleich“, stehen für eine in Berlin weit verbreitete Mentalität der Gleichgültigkeit. In einer Stadt, in der jeder im Schlafanzug und Bademantel in die Kneipe gehen kann, wenn ihm gerade danach ist, ohne dass er auf seinen Gemüts- oder Geisteszustand angesprochen wird, wird auch Politik anders wahrgenommen. Alles nicht so wichtig. „Kieka, da kommt schon wieder die jroße Politik“, mosert der Berliner, wenn wieder eine Wagenkolonne mit Blaulicht den Verkehr an der Siegessäule oder dem Ernst-Reuter-Platz unnötig aufhält.

Unlängst saß ein früherer Vorsitzender einer Bundestagsfraktion in einem Charlottenburger Lokal, keine Frittenbude, sondern eher ein Treff des links-liberalen Bürgertums. Das bestellte Auto des Fahrdienstes des Deutschen Bundestages fährt vor. Der Kellner gibt dem Abgeordneten Bescheid: „Da ist gerade so eine Politik-Bonzenkarre vorgefahren. Das muss für Sie sein.“ Er stimmt zu, steigt in den Wagen und lässt sich zurückbringen – in die Raumstation Berlin.

Alle bisher erschienen Teile der Serie "20 Jahre Regierungsumzug Bonn/Berlin" gibt es unter www.ga-bonn.de/regierungsumzug

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