Interview mit Dorothea Schäfer: „Die größte Baustelle ist die Inklusion“

Interview mit Dorothea Schäfer : „Die größte Baustelle ist die Inklusion“

Dorothea Schäfer, NRW-Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, zur Schulsituation im Land.

Frau Schäfer, die Landesregierung wurde zuletzt für ihre Schulpolitik hart kritisiert. Ist auch etwas gut gelaufen in diesem Schuljahr?

Dorothea Schäfer: Ja. Manche Schulleiter haben mehr Zeit bekommen für ihre Arbeit, das Referendariat ist auch in Teilzeit möglich, und es wurden tatsächlich Tausende zusätzliche Lehrerstellen geschaffen. Die Landesregierung hat es sich zum Glück nicht so leicht gemacht und die Arbeitszeiten der Lehrer verlängert oder die Klassen schlicht vergrößert.

Also doch eine gute Note für NRW?

Schäfer: Ich will keine Noten vergeben. Aber schulpolitisch ist vieles noch nicht gut gelungen. Die größte Baustelle ist die Inklusion, also der gemeinsame Unterricht von behinderten und nicht behinderten Kindern. Dafür müsste es viel mehr zusätzliche Lehrer und Sonderpädagogen geben. Die Inklusion wird nun auch in den 6. und 7. Klassen Standard, dennoch haben die Regelschulen und die Förderschulen für diesen Unterricht insgesamt weniger Lehrer zur Verfügung.

Funktioniert die Integration von Flüchtlingskindern?

Schäfer: Die Lehrer engagieren sich dafür ungeheuer. Dennoch ist die Aufgabe derzeit kaum zu bewältigen. In den Vorbereitungsklassen sitzen 15 bis 18 Kinder, und für die gibt es eine halbe Stelle zusätzlich. Zwölf Kinder pro Klasse und eine ganze Stelle wären angemessen. Denn die Kinder dort sind unterschiedlich alt, kommen aus unterschiedlichen Ländern, manche haben noch nie eine Schule von innen gesehen.

Eine Umfrage hat jüngst ergeben, dass sich viele Grundschulen als „Stiefkinder“ in der NRW-Schullandschaft verstehen. Wird die Grundschule vernachlässigt?

Schäfer: Die Klagen sind berechtigt, haben uns auch erreicht, und wir haben sie ans Schulministerium weiter gegeben. An den Grundschulen sind nicht nur viele Leiterstellen unbesetzt, es gibt auch einen Lehrermangel. Das liegt an den Flüchtlingskindern, die dazu gekommen sind, aber auch an der veränderten Lehrerausbildung, die von sechs auf zehn Semester verlängert wird. Dadurch entsteht eine Lücke bei den Absolventen. Schlecht ist es auch, dass die Grundschulen regional sehr unterschiedlich besetzt sind. Im Sieger- und Sauerland finden die Schulen viel weniger Bewerber für freie Stellen als im Münsterland, in Köln oder im Ruhrgebiet.

Was müsste sich ändern?

Schäfer: NRW sollte den Seiteneinstieg in den Grundschullehrberuf erleichtern, Lehrer, die im offenen Ganztag arbeiten, im Unterricht einsetzen und die Anerkennung ausländischer Lehrerabschlüsse erleichtern. Das würde uns zum Beispiel an der Grenze zu den Niederlanden weiterhelfen.

In einer Umfrage der Landeselternschaft an Gymnasien in diesem Jahr haben sich fast 80 Prozent für eine neunjährige Gymnasialzeit ausgesprochen. Müssen wir wieder zurück zu G9?

Schäfer: Wir müssen nicht zurück zu G9. Aber wir brauchen die Wiederherstellung der einheitlichen Sekundarstufe 1. Auch die Gymnasien sollten wieder eine normale Mittelstufe anbieten mit den Klassen 5 bis 10. Das wäre eine wichtige Aufgabe für die nächste Landesregierung. Die Einführung von G8 nach dem heutigen Muster war ein schlimmer Fehler, der nie korrigiert wurde. Die verkürzte Mittelstufe an Gymnasien erschwert den „Aufstieg“ während der Mittelstufe von Kindern aus Haupt-, Real- und Sekundarschulen aufs Gymnasium. Am Ende der 9. Klasse können Schüler an Gymnasien zwar in die Oberstufe wechseln, aber sie haben dann noch keinen Schulabschluss. Das muss sich ändern.

Und was schlagen Sie für die Oberstufe vor?

Schäfer: Die gymnasiale Oberstufe muss flexibler werden. Schüler, die weniger Zeit zum Lernen brauchen, könnten in zwei Jahren zum Abitur geführt werden. Damit wären wir wieder bei „G8“. Andere könnten drei Jahre in der Oberstufe sein.

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