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Interview mit Felix Banaszak: Co-Vorsitzende der NRW-Grünen: „1000 Schulen besonders fördern“

Interview mit Felix Banaszak : Co-Vorsitzende der NRW-Grünen: „1000 Schulen besonders fördern“

Felix Banaszak ist seit zwei Jahren Co-Vorsitzender der nordrhein-westfälischen Grünen. Und er will es bleiben. Ein Interview mit dem 30-Jährigen Duisburger.

Seit zwei Jahren ist Felix Banaszak Co-Vorsitzender der nordrhein-westfälischen Grünen. Und er will es bleiben. Beim Landesparteitag Anfang Juni in Siegen möchte der 30-jährige Duisburger genau wie seine Kollegin Mona Neubaur wieder für das Amt kandidieren.

Im Herbst stehen in NRW Kommunalwahlen an. Wie viele Oberbürgermeister wollen Sie denn holen?

Felix Banaszak: Natürlich gibt es Städte, in denen wir uns Chancen ausrechnen, die OB-Wahl zu gewinnen – etwa in Bonn mit Katja Dörner. Landesweit ist uns aber wichtig, dass wir so stark in die Räte und Kreistage einziehen, dass man an uns und unseren Themen nicht vorbeikommt. Bei der Europawahl haben wir gesehen, was für uns möglich ist.

Da waren es für die NRW-Grünen 23 Prozent. Haben Sie denn eigentlich genug Kandidaten?

Banaszak: Die haben wir. Im ländlichen Raum gründet sich ein Ortsverband nach dem anderen. Inzwischen haben wir in fast allen der 396 Kommunen starke Grüne-Strukturen, vor ein paar Jahren waren es deutlich weniger. So schließen sich die weißen Flecken.

Ist denn überall grün drin, wo grün draufsteht?

Banaszak: Wir organisieren gerade das größte Personalentwicklungsprogramm in der Geschichte des nordrhein-westfälischen Landesverbands, um zu vermitteln, wie Kommunalpolitik funktioniert und was die grünen Ziele sind. Dabei erleben wir, dass sich das Spektrum der Menschen erweitert, die für die Grünen antreten wollen.

Von bis?

Banaszak: Von der Fridays-for-Future-Aktivistin bis zum Unternehmer, der 40 Jahre FDP gewählt hat, aber möchte, dass seine Enkel auch einen lebenswerten Planeten vorfinden. Früher kamen viele aus den Naturschutzverbänden oder dem ADFC zu uns, um im Rat an ihren Themen zu arbeiten. Heute kommen viele wegen der unsicheren Weltlage oder der Klimakrise . Die Herausforderung ist jetzt oft, den Hebel umzulegen vom globalen Denken zum lokalen Handeln.

Glauben Sie, dass der jetzige Höhenflug nachhaltig ist? Nach Fukushima ist der Faden irgendwann gerissen.

Banaszak: Seit drei Jahren steigen unsere Mitgliederzahlen kontinuierlich. Zur Landtagswahl 2017 waren es 12 600 in NRW, jetzt sind wir bei knapp 19 300. In den Umfragen halten wir das hohe Niveau stabil. Viele erkennen an, dass wir uns seit 40 Jahren konsequent für Klima- und Umweltschutz einsetzen und ernsthaft versuchen, Lösungen zu finden, Menschen einzubinden und Bündnisse auch mit jenen zu schließen, deren Anliegen in der Politik sonst nicht repräsentiert sind. Wir wollen aus diesem Momentum eine stabile Entwicklung schaffen.

Profitieren Sie auch von der Schwäche der SPD?

Banaszak: Natürlich. Gerade im Ruhrgebiet erleben wir oft, dass weder CDU noch SPD zugetraut wird, den Strukturwandel zu gestalten, weil mit ihnen die Rezepte von gestern verbunden werden. Bei uns nehmen die Menschen Zukunftsfähigkeit und Optimismus wahr . Deshalb sind viele, die traditionell bei der SPD verortet sind, offen für uns – etwa Betriebsräte in der Stahlindustrie.

Auf Landesebene haben Sie vor, das Bildungssystem zu erneuern. Was schwebt Ihnen da vor?

Banaszak: Wir haben uns nach der Landtagswahl in einen intensiven Lernprozess begeben. Ich war in Dutzenden Schulen. Wir bleiben unseren Zielen treu, was das längere gemeinsame Lernen angeht – aber wir sind bereit, neue Wege zu gehen. Unsere Leitidee ist: Bildung im digitalen Wandel heißt mehr, als digitale Geräte in Schulen zu stecken und sonst nichts zu verändern. Der pädagogische und didaktische Ansatz soll ein anderer werden – mit anderen Unterrichtsformen, Leistungsbeurteilungen und fächerübergreifendem Lernen.

Zum Beispiel?

Banaszak: In Geschichte, Englisch und Erdkunde wird irgendwann die Globalisierung diskutiert, in jedem Fach einzeln und ohne die Bezüge herzustellen . Wenn wir fächerübergreifenden Projektunterricht zur Regel machen, entstehen neue Verknüpfungen in den Köpfen der Schülerinnen und Schüler. Das führt auch dazu, dass Lehrkräfte viel mehr kooperieren und seltener als Einzelkämpfer dastehen. Wir wollen weg von einer Fixierung auf Wissen, das man auswendig lernen muss, hin zu Fertigkeiten, die man im Alltag und in der Lebenspraxis gebrauchen kann. Da ist unser Schulsystem noch weit hinterher. Nur Leistung, Leistung, Leistung, wie es die FDP will, reicht nicht.

Die Unterschiede zwischen den Schulen sind noch recht groß. Wie wollen Sie das ändern?

Banaszak: Wir müssen weg vom Gießkannenprinzip, dass jede Schule die gleichen Mittel bekommt. Schulen mit besonders vielen Kindern ohne Herkunfts- und Verkehrssprache Deutsch oder aus Familien im ALG-II-Bezug brauchen aber mehr Geld und Lehrer als andere.

Die Landesregierung hat jetzt Talentschulen auf den Weg gebracht, um dort mehr Geld und Lehrer reinzustecken, wo mehr bildungsfernere Kinder und Jugendliche unterrichtet werden. Das ist doch auch Ihr Ansatz.

Banaszak: Wir haben etwa 5700 Schulen im Land. Wenn Sie objektiv nachvollziehbare Kriterien – einen Sozialindex – anlegen, müssten davon etwa 1000 eine besondere Förderung erhalten. Es gibt aber nur 60 „Talentschulen“. Schwarz-Gelb hat die Schulen damit in eine Konkurrenz gegeneinander geschickt, statt das Problem an der Wurzel zu packen.

Mit wem wollen Sie denn Ihre neue Schulpolitik umsetzen?

Banaszak: In der Bildungspolitik sind die Unterschiede zu CDU und FDP deutlich größer als zur SPD.

Haben Sie einen Lieblingspartner?

Banaszak: Meine Freundin.

Und in der Politik?

Banaszak: Die Zeiten sind vorbei, in denen wir uns vor Wahlen binden. Wir konzentrieren uns auf uns und machen den Menschen in NRW ein eigenständiges grünes Angebot für alle Zukunftsfragen des Landes. Wir wollen gestalten.

In Umfragen liegen Sie vor der SPD. Mit der Linken zusammen könnten Sie auf eine Mehrheit kommen. Wäre das für Sie als Linker bei den Grünen ein attraktives Bündnis?

Banaszak: Es ist ja nicht mal klar, was SPD und Linke wollen, ob sie überhaupt regierungsbereit und -fähig sind. Ob das eine tragfähige Koalition wäre, kann ich heute doch noch gar nicht absehen.

Hätten Sie denn schon einen Ministerpräsidentenkandidaten?

Banaszak: Wir konzentrieren und jetzt erst mal auf die Kommunalwahlen. Alle anderen Fragen werden wir dann beantworten, wenn sie anstehen. Katja Dörner hat ja auch nicht schon vor zwei Jahren gesagt, dass sie Oberbürgermeisterin von Bonn werden will.