Historischer Bundesrat in Bonn: Bundespräsident diskutiert mit Schülern

Historischer Bundesrat in Bonn : Bundespräsident diskutiert mit Schülern

Am letzten Tag seines Bonn-Besuchs hat sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mit Schülern aus der Region getroffen. Die stellten bei dem Termin literarisch dar, was ihnen das Grundgesetz bedeutet.

Hätte es Frank-Walter Steinmeier leichter, wenn er mehr auf lustige Tiere setzen würde? Er habe einmal beim Besuch in Estland eine junge Frau gefragt, erzählt der Bundespräsident, wie man im schnelllebigen Internet auch mit nüchternen Botschaften noch durchdringt. Ganz einfach, habe sie geantwortet: „Setzen Sie ein Katzenvideo davor.“ Wahrgenommen werde im Netz eben nur das, was Emotionen auslöst.

Das muss eigentlich ein niederschmetternder Befund sein für einen Bundespräsidenten, dessen wichtigstes Einflusswerkzeug das nüchterne, getragene Wort ist. Doch Frank-Walter Steinmeier guckt vergnügt, als er die Anekdote erzählt. Denn die Aufmerksamkeit seines Publikums an diesem Freitagvormittag hat er gewiss. Der Präsident sitzt im historischen Bundesrat, neben ihm seine Ehefrau Elke Büdenbender und vor ihm rund 130 Schüler der Mittel- und Oberstufe aus Bonn und Brühl. Sie sind hier, um mit ihrem Präsidenten über Grundgesetz und Demokratie zu sprechen. Und das auch noch in jenem Saal, in dem der Parlamentarische Rat von 1948 bis 1949 das Grundgesetz schuf.

Heute, 70 Jahre später, machen die Schüler eine Kunstform daraus. „Democracy-Slam“ heißt die Veranstaltung an diesem Freitag, organisiert von der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Haus der Geschichte. Ähnlich wie beim Poetry-Slam sollen die Schüler literarisch darstellen, was ihnen das Grundgesetz bedeutet. „Freizügigkeit verleiht Flügel“, dichtet etwa ein Mädchen. Ein Junge sagt: Die Kunstfreiheit sei wichtig, „aber wenn ich die Musik zu laut aufdrehe, beschwert sich mein Bruder und beruft sich auf der Recht auf körperliche Unversehrtheit“. Ein anderer ruft einfach: „GG – Good Game“.

Sorgen um die Demokratie

Steinmeier lacht und klatscht. Er hat die Verteidigung der Demokratie zu einem Schwerpunkt seiner Amtszeit gemacht – und zumindest heute in Bonn muss er sich beim Anblick dieser Schüler ausnahmsweise mal keine Sorgen darum machen. Bedrohliches wie die Ausschreitungen in Chemnitz, rechtspopulistische Tendenzen, Demokratiemüdigkeit oder die Sehnsucht nach einem neuen Autoritarismus – all das ist hier gerade sehr weit weg.

Hier hat Steinmeier ein Heimspiel. Hier sitzen Schüler, die sich Gedanken über das Grundgesetz machen. Sie werfen etwa die Frage auf, ob Armut die Würde des Menschen bedroht. Sie fordern, Umweltschutz im selben Rang wie die Menschenwürde zu behandeln. Sie prangern die Ungleichheit bei der Bezahlung von Männern und Frauen an. Sie hinterfragen die Verlässlichkeit von Internet-Quellen und zweifeln die Lauterkeit von Influencern auf Plattformen wie Youtube oder Instagram an.

Steinmeier dürfte zufrieden sein mit diesem Termin. Er macht sich freilich trotzdem Sorgen um die Demokratie, wie er den Schülern noch mahnend mitgibt. Zwar sei das Grundgesetz „die beste Verfassung, die es je auch deutschem Boden gegeben hat“. Dennoch sei die Demokratie nicht vom Himmel gefallen, sagt der Präsident. Es sei „Auftrag an uns alle“, sie zu gestalten. Und das sei mitunter auch anstrengend. Das sind klassische, getragene Bundespräsidenten-Worte. Hier im Saal kommen sie an. Auch ohne Katzenvideos.