Rettungsschiff für Flüchtlinge: Bonnerin droht für Einsatz im Mittelmeer Gefängnis

Rettungsschiff für Flüchtlinge : Bonnerin droht für Einsatz im Mittelmeer Gefängnis

Die Bonnerin Pia Klemp war Kapitänin auf dem Rettungsschiff „Sea-Watch 3“. Weil ihr ein Prozess droht, ging sie von Bord. Derzeit kann sie nicht mehr zur See fahren.

Pia Klemp wollte Menschenleben retten, jetzt droht ihr in Italien dafür Gefängnis. Die Bonnerin war als Kapitänin monatelang auf zwei Rettungsschiffen von Hilfsorganisationen im Mittelmeer unterwegs. Mehrere Tausend Flüchtlinge zog sie mit ihrer Crew aus dem Wasser. Im Juni vergangenen Jahres allerdings erfuhr Klemp, dass die italienischen Behörden gegen sie und weitere freiwillige Helfer verschiedener Schiffe ermitteln. Zeitgleich riet ihr Anwalt ihr, von Bord zu gehen. Würde sie noch einen weiteren Flüchtling an Land bringen, drohe ihr Untersuchungshaft.

Die italienische Staatsanwaltschaft wirft der 35-Jährigen Beihilfe zur illegalen Einwanderung vor. Mit der Kritik, Schleppern das Geschäft zu erleichtern, sehen sich Nichtregierungsorganisationen wie der Berliner Verein Sea-Watch – dessen Schiff gerade zwei Wochen mit Flüchtlingen vor Malta ausharren musste – häufiger konfrontiert. Im Fall von Klemp und einige Mitstreitern gehen die italienischen Ermittler allerdings noch einen Schritt weiter: Die Besatzung soll demnach mit Schleppern sogar gemeinsame Sache gemacht haben. „Es gibt Fotos, die angeblich belegen sollen, dass wir Boote zur libyschen Küste zurück gebracht hätten, dass die Schlepper sie erneut verwenden können“, erzählt Klemp im Gespräch mit dem GA. In Wahrheit seien die Fotos vor der Küste Maltas aufgenommen worden. „Wir haben nie mit diesem Menschen zusammengearbeitet“, sagt die Kapitänin.

Klemp ist in Bonn aufgewachsen

Klemp, die in Bonn aufwuchs, ein paar Semester Biologie studierte und seit zehn Jahren zur See fährt, heuerte 2017 zuerst auf dem Rettungsschiff „Iuventa“ an. Einen Monat später allerdings wurde das Schiff der Flüchtlingshilfeorganisation Jugend Rettet von Italien beschlagnahmt. Bis dahin hatte die Besatzung seit dem Jahr 2016 insgesamt mehr als 14 000 Menschen gerettet. Nachdem das Schiff beschlagnahmt worden war, stellte sich heraus, dass die Crew monatelang von italienischen Strafverfolgungsbehörden überwacht wurde. Die Brücke war verwanzt, Telefone wurden abgehört.

Zu diesem Zeitpunkt war jedoch noch nicht bekannt, dass gegen einzelne Besatzungsmitglieder ermittelt wurde. Deshalb heuerte Klemp kurze Zeit später, im September 2017, auf der „Sea-Watch 3“ an. Etwa neun Monate später erfuhr Klemp dann von den Ermittlungen – und kehrte dann auf Anraten ihres Anwalts nach Deutschland zurück.

Wenn es in den nächsten Monaten in Italien zu einer Anklage kommt, was laut Klemps italienischem Anwalt sehr wahrscheinlich ist, drohen der Bonnerin im schlimmsten Fall 5 bis 20 Jahre Haft. „Das wird kein normaler strafrechtlicher Prozess“, sagt sie. „sondern ein politisch motivierter Schauprozess“. Die Stimmung habe sich mit der neuen italienischen Regierung verändert.

Ende vergangenen Jahres wurde das Einwanderungsgesetz verschärft. Innenminister Matteo Salvini wolle jetzt durchsetzen, was er im Wahlkampf versprochen hat. Nichtregierungsorganisationen sollten abgeschreckt werden, weitere Missionen zu starten. „Vor zwei Jahren war es noch wesentlich einfacher“, sagt Klemp. „Dann hat es immer länger gedauert, bis uns ein Hafen zugewiesen wurde, wo wir anlegen konnten.“

Daher kann die 35-Jährige die Situation, in der sich die Besatzung der „Sea-Watch 3“ die vergangenen zwei Wochen vor der Küste Maltas befand, sehr gut nachempfinden. Die Crew und die eines weiteren Schiffs bemühten sich seit Weihnachten darum, in einem europäischen Hafen anlegen zu dürfen – sie erhielten allerdings keine Erlaubnis. „Einige Freunde von mir waren an Bord, wir hatte auch per Mail Kontakt“, erzählt Klemp.

In einer solchen Situation versuche die Crew die Geflüchteten auf dem Laufenden zu halten und keine falschen Versprechungen zu machen, erklärt Klemp. Sie befand sich schon in einer ähnlichen Situation. Doch im Gegensatz zu ihren Mitstreitern vor Malta musste sie damals nur drei Tage aushalten. „Die Situation ist auch für die Crew eine Belastung.“ Schließlich seien die Flüchtlinge meist traumatisiert, die Stimmung könne auch jederzeit kippen und sich gegen die Besatzung richten. Dazu sei es aus gesundheitlichen Gründen bedenklich: Viele Menschen, wie auch jetzt auf der „Sea-Watch 3“ würden seekrank und müssten sich tagelang übergeben, auf engem Raum mit so vielen Menschen tagelang zusammengepfercht.

Flüchtlingshelfer beklagen Willkür der Behörden

Insgesamt kritisieren Hilfsorganisationen, dass die Seenotretter mehr und mehr der Willkür der Behörden ausgeliefert seien. Klemp und der drohende Prozess gegen mehr als 20 Besatzungsmitglieder mehrerer Schiffe ist nicht das einzige Beispiel, dass die Situation beschreibt: Ein bereits laufender Prozess wird derzeit in Malta verhandelt. Dort steht der Kapitän des Dresdner Flüchtlingsrettungsschiffs „Lifeline“, Claus-Peter Reisch, vor Gericht. Ihm droht ebenfalls eine Gefängnisstrafe, die Vorwürfe sind allerdings andere: In seinem Fall geht es darum, dass das Schiff, das unter niederländischer Flagge unterwegs war, angeblich nicht richtig registriert war.

„Wir hatten das Schiff als Sportboot registriert“, erklärt der Vorstand des Vereins Mission Lifeline, Axel Steier. „Das konnte man in den Niederlanden mit jedem Schiff machen, das nicht kommerziell gefahren ist.“ Aber damit hatten die maltesischen Behörden offenbar Probleme. Steier fliegt in dieser Woche nach Malta, um im Prozess als Zeuge auszusagen. Sein Kapitän, der von der SPD im bayerischen Landtag 2018 mit dem Europapreis ausgezeichnet wurde, reist derzeit regelmäßig nach Malta zum Prozess. Um ihn zu unterstützen, sammelte der Satiriker Jan Böhmermann für Reisch im vergangenen Jahr 200.000 Euro.

Einschüchtern lässt sich der Verein davon allerdings nicht, erklärt Steier. Auch wenn das Schiff beschlagnahmt sei, planen sie im Frühjahr weitere Missionen mit Yachten europäischer Yachtbesitzer. Zeitgleich könnte dann gegen die Bonner Kapitänin Anklage erhoben werden. Derzeit besucht Klemp Freunde in Berlin, betreibt Öffentlichkeitsarbeit und sammelt Spenden für den anstehenden Prozess. Arbeiten und zur See fahren kann sie derzeit nicht, weil sie sich auch inhaltlich auf den Prozess vorbereiten muss. Denn sie will auf jeden Fall aussagen – und dabei deutlich machen, dass sie und ihre Besatzungskollegen nichts Illegales getan haben.

Auf der Internetseite solidarity-at-sea.org berichtet Pia Klemp über die aktuellen Entwicklungen in der Seenotrettung und sammelt Spenden für den anstehenden Prozess.

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