Ex-Außenminister Klaus Kinkel

"Hier habe ich entscheidende Jahre verbracht"

Klaus Kinkel mit seinem Hund Jago in seinen Büro in Bonn

Klaus Kinkel mit seinem Hund Jago in seinen Büro in Bonn

Bonn. Ein Interview mit Klaus Kinkel und dem General-Anzeiger über die Bonner Republik, die B 9 und den Regierungsumzug nach Berlin.

Klaus Kinkel empfängt den General-Anzeiger in seinem Büro der Telekom-Stiftung an der Graurheindorfer Straße. Obwohl das Interview am Ende anderthalb Stunden dauern sollte, macht der frühere FDP-Vorsitzende Druck. „Setzen Sie sich“, oder: „So, legen Sie los!“ schwäbelt der ehemalige Bundesminister im Stakkato.

Auch mit 77 Jahren hat er kaum etwas von seiner berühmten impulsiven Art eingebüßt. Immer wieder schlägt er mit der rechten Hand auf den Tisch. Kinkel trägt einen schlichten Pullover, dazu eine nicht mehr ganz neue Jeans. Weil er Hund Jago nehmen musste, hatte er sich nach Terminen am Vormittag dann mittags aus dem Anzug geschält. Ein Foto in diesem Aufzug? „Der Genscher und die anderen zeigen sich nur im Anzug. Die Leute denken dann, was ist mit dem Kinkel los?“ Schließlich lässt „der Kinkel“ doch noch ein Foto zu – lächelnd und mit Hund. Vorher hat er sich mit Sebastian Fink und Moritz Rosenkranz über die B 9, die Bonner Republik und den Umzug nach Berlin unterhalten.

Herr Kinkel, was verbindet Sie mit der B 9?
Klaus Kinkel: Ich habe in Bonn studiert und bin seit langen Jahren im Raum Bonn zu Hause. Außerdem habe ich hier fast meine ganze berufliche Zeit gearbeitet. Deshalb verbindet mich schon einiges mit der B 9, die mitten durch Bonn führt. Sie ist die zentrale Verbindungsachse – auch zwischen vielen Gebäuden, die etwas zu tun haben mit der Bonner Geschichte, insbesondere mit der politischen Vergangenheit dieser Stadt.

Sie haben diese Zeit mitgeprägt.
Kinkel: Das ist mir etwas zu anspruchsvoll. Ja, ich habe in der Bonner Republik alle möglichen Funktionen inne gehabt. Wenn man durch das Koblenzer Tor fährt, kommt bald das Auswärtige Amt, wo ich sechseinhalb Jahre als Außenminister tätig war. Dann der Sitz des Bundespräsidenten, den ich oft besuchen durfte. Dann links kommt das Kanzleramt, in dem ich natürlich als Minister, Staatssekretär und auch als Präsident des Bundesnachrichtendienstes sehr oft war. Das Museum Koenig auf der rechten Seite ist erwähnenswert – Tagungsort des Parlamentarischen Rates und der Ort, an dem das Grundgesetz verabschiedet wurde.

Was herrschte in Zeiten der Bonner Republik für eine Atmosphäre?
Kinkel: In Bonn war fast alles fußläufig erreichbar. Es hat sich alles im Bundestagsviertel abgespielt, alles war sehr eng beieinander. Hierdurch herrschte eine fast familiäre Atmosphäre, selbstverständlich bei allen politischen Gegensätzen und durchaus auch Streitereien. Ich habe das besonders empfunden, als ich mit dem Bundestag nach Berlin umgezogen bin. Dort ist alles viel weitläufiger. In Bonn war immer ein Gewusel, in dem man auch den Medienvertretern auf Schritt und Tritt begegnet ist. Es herrschte einfach ein anderes Klima. Das hat sich zweifellos verändert.

Lag das an Bonn oder einfach an der Zeit?
Kinkel: An beidem. Das Aufeinandersitzen hat manches menschlicher gemacht, Vertraulichkeiten sind auch eher vertraulich geblieben.

Galt das auch für die Politiker?
Kinkel: In Bonn war es sicher persönlicher, das Parlament war kleiner. In Berlin wohnen die Politiker in verschiedenen Gegenden, in Bonn dagegen wohnten sie meist rund um das Bundestagsviertel.

Seine Verfallszeit sei „längscht“ überschritten, schwäbelt Kinkel immer wieder. Die Bitten von Freunden, seine Memoiren zu schreiben, hat er noch nicht erhört. Dabei, so betonen diese oft, sei Kinkel doch ein guter Anekdotenerzähler. „Nägschde Frage.“

1991 fiel die Entscheidung des Regierungsumzugs, acht Jahre später war es dann soweit. Wie haben Sie das damals empfunden?
Kinkel: Es war für mich ein einschneidendes Erlebnis. Als Justizminister – zunächst ohne Parteimitgliedschaft und ohne Bundestagsmandat – saß ich zwar auf der Regierungsbank, durfte bei solchen Anlässen aber nicht mitstimmen oder reden. So auch bei der Bonn-Berlin-Entscheidung – eine eigenartige Situation. Ich war traurig, dass ich nur still daneben sitzen musste.

Wie hätten Sie gestimmt?
Kinkel: Ich war der Überzeugung, dass wir es uns als Bundesrepublik nicht leisten konnten, in Bonn zu bleiben. Ich hätte für Berlin gestimmt, so sehr ich an Bonn hänge.

Ihr Herz hätte Bonn gesagt, ihr Kopf Berlin?
Kinkel: Ja, das trifft es gut. Aber an der Entscheidung habe ich nie gezweifelt. Die Emotionen in Bonn verstand ich, mein Herz hat ja immer für Bonn geschlagen. Die Stadt war in schwierigster Anfangszeit der Republik ein sehr guter Gastgeber. Aber der Verstand war klar für Berlin. Deutschland war wiedervereinigt und rückte ins Herz Europas zurück. Hier zu bleiben, wäre schwer vermittelbar gewesen. Für Bonn war das natürlich schwer.

 

Jago hat es sich auf seiner Decke neben Kinkels Schreibtisch gemütlich gemacht. Sein Herrchen greift mehrfach beherzt zum Süßigkeitenteller, nimmt sich ein stück Schokolade. „Sie müssen auch zugreifen, sonst habe ich keine Berechtigung“, sagt er zu seinen Gästen. „Weiter.“

Bonn war oft Gastgeber der großen Politik, gleiches galt für sie als Außenminister. Gab es besondere Momente, die Sie nicht vergessen werden?
Kinkel: Viele. Zu Viele! Ich habe unzählige Male für Deutschland auf dem Petersberg gegessen und getrunken, das gehört nun mal zum Amt des Außenministers. Leider reicht der Platz nicht aus, um alle Geschichten zu erzählen.

Wie hat sich Bonn seitdem entwickelt?
Kinkel: Bonn hatte natürlich nach dem Umzug ein paar Probleme, hat sich aber insgesamt sehr gut gehalten. Etwa die Hälfte aller Bundesbediensteten wohnt ja noch hier; Bonn kann sich über die beim Umzug getroffenen Sonderregelungen im Grunde nicht beschweren.

Auch wenn Innenminister Thomas de Maizière daran arbeitet, diese Regelung aufzuweichen?
Kinkel: De Maizière, so glaube ich, ist im Grunde ein großer Bonn-Anhänger. Es hat aber keinen Sinn, sich etwas vorzumachen: Die normative Kraft des Faktischen wird auf Dauer dazu führen, dass die Situation sich für Bonn eben ändert.

Haben große Firmen wie die Deutsche Telekom oder die Post die Stadt Bonn am Leben gehalten?
Kinkel: Eindeutig. Die Telekom ist der größte Arbeitgeber in Bonn, die Post nicht zu vergessen. Auch die UN hat mit ihren Einrichtungen der Stadt gut getan. Das war ein gewisser Ausgleich.

Gemeinsam erläutern Bundesaußenminister Klaus Kinkel (r) und seine amerikanische Amtskollegin Madeleine Albright am Sonntag morgen (08.03.1998) im Weltsaal des Bonner Auswärtigen Amtes die Ergebnisse ihres Gesprächs. Im Mittelpunkt des Meinungsaustauschs standen die Lage im Kosovo, die Irak-Krise sowie der Nahost-Friedensprozeß.

Kinkel mit der US-Außenministerin Madeleine Albright im Jahr 1998 in Bonn

Wann begann denn ihre Zeit in Bonn?
Kinkel: Ich habe an der Bonner Universität Jura studiert. Ich war – und das bekenne ich mit großer Freude – beim Repetitor Paul Schneider in der Kaiserstraße, der „wichtigsten Hochschule der Republik“, wie er immer sagte. Alles was als angehender Jurist Rang und Namen hatte war in meiner Zeit bei Schneider. Ich werde nie vergessen, wie er mich und meinen Freund, den späteren Staatsminister Anton Pfeifer im Kanzleramt, aufgrund unseres schwäbischen Dialekts unter den gut 200 Zuhörern immer mit den Worten in Schutz nahm: „Stören Sie die ersten Sprachversuche meiner süddeutschen Hörer nicht.“

Als der 77-Jährige über sein Studium und die Zeit bei Schneider spricht, schlägt er immer energischer mit der flachen Hand auf den Tisch und muss lachen. Er erklärt den rheinischen Begriff „Fisternöllchen“ (Liebschaft) und kann nicht glauben, dass seine Gäste diesen nicht kennen. Sein Labrador Jago schnarcht mittlerweile laut vor sich hin. „Aber das ist jetzt Abweichung. Weiter.“

Wie war der erste Eindruck von Bonn?
Kinkel: Meine Studienzeit in Bonn habe ich genossen. Ich habe viel Sport getrieben und in der Gronau meine Runden gedreht. Wir haben die damals schon beachtlichen kulturellen Veranstaltungen besucht. Wir haben im Bavarenhaus Gott Bacchus gehuldigt, das kann ich ja heute offen sagen. Es war eine wunderschöne Zeit. Aber die köstlichsten Erinnerungen habe ich an Schneider. Der jüngste Sohn Adenauers war auch Schneiderianer. Schneider rief immer: „Herr Adenauer, sie sind wieder einmal nicht präpariert. Mussten Sie wieder das Geschirr nach Mikojans (1964/65 Staatsoberhaupt der Sowjetunion, Anm. d. Red.) Besuch spülen?“ Mit Schneiders Sprüchen könnte ich Sie stundenlang unterhalten.

Das glauben wir Ihnen gerne. Aber kommen wir zum Abschluss noch einmal zurück zur B 9: Gibt es für sie hier eine Lieblingsstelle?
Kinkel: Das ist schon das Auswärtige Amt. Da bin ich viele Jahre beruflich zu Hause gewesen. Auch das Justizministerium, mein wichtiger Anlaufpunkt zehn Jahre lang, ist ja nicht weit von der B 9 entfernt. In den beiden Ministerien habe ich die meiste Zeit verbracht, entlang der B 9 sozusagen entscheidende Jahre meines beruflichen Lebens absolviert. Schon deshalb hänge ich an Bonn, ich bin ein Bonn-Fan.