Zum Tod von Rupert Neudeck: Der moderne Samariter

Zum Tod von Rupert Neudeck : Der moderne Samariter

Zeit seines Lebens widmete Rupert Neudeck seine ganze Kraft der Hilfe bedürftiger und bedrängter Menschen in aller Welt. Jetzt hat ihn die Kraft verlassen. Am Dienstag starb er im Alter von 77 Jahren. Ein Nachruf von GA-Chefreporter Wolfgang Kaes.

Der Mann besaß die seltene Gabe, aufmerksam zuzuhören und über das Gehörte erst einmal nachzudenken, bevor er antwortete. Was Rupert Neudeck zu sagen hatte, war in der heutigen Zeit der Flüchtlingskrise, die Deutschland entzweit und Europa spaltet, hilfreicher denn je. Jetzt werden wir ohne seinen Rat auskommen müssen. Am Dienstag ist der Flüchtling, Theologe, Journalist, Menschenrechtler und Gründer der Hilfsorganisationen „Komitee Cap Anamur“ und „Grünhelme“ im Alter von 77 Jahren nach einer Herzoperation gestorben.

Neudeck war ein Pragmatiker und Visionär zugleich. Nicht jeder, auch nicht jeder Politiker, wird seinen Rat vermissen. Zum Beispiel diesen: „Wir brauchen gebieterisch ein großzügiges und klares Einwanderungsgesetz.“ Oder diesen: „Der Geldgeber des Terrorismus ist Saudi-Arabien. Wenn wir Saudi-Arabien nicht isolieren, müssen wir über anderes gar nicht mehr reden.“ Oder: „Wir werden auch eine Migration wegen des Klimawandels bekommen.“

Rupert Neudecks Sicht auf die Dinge passten weder in das simple, schablonenhafte Weltbild der Pegida-Anhänger noch zu einer romantisierenden Alle-Willkommen-Kultur. Kurz vor seinem 75. Geburtstag, noch vor der Flüchtlingskrise, sagte er im Gespräch mit dem General-Anzeiger: „Die deutsche Integrationspolitik war immer zu kurz gedacht und beruhte nur auf Mitleid: Asylbewerber in Decken packen und heißen Tee reichen. Vielleicht ein Nachholeffekt aus unserer furchtbaren Geschichte. Den Menschen, die bei uns leben wollen, müsste gleich klargemacht werden: Nach einem Jahr endet die staatliche Unterstützung, bis dahin müsst ihr die deutsche Sprache können, und wer sich nicht benimmt, fliegt raus.“

Der Mann, der mehr als 10 000 vietnamesische Flüchtlinge vor dem Ertrinkungstod im Südchinesischen Meer bewahrte, nannte ein Beispiel: „Wir hatten hier in Troisdorf mal Somalis untergebracht. Die sagten: Wir können nicht unter einem Dach leben, wir sind nämlich von verschiedenen Stämmen. Da habe ich gesagt: Wir sind hier in Deutschland, wir haben hier keine Stammesordnung. Wenn ihr in Stämmen leben wollt, dann geht zurück nach Somalia.“

„Wir...“ – so begann Neudeck viele seiner Sätze. Aus Respekt und aus Dankbarkeit gegenüber seiner Frau Christel, die er 1970 heiratete („wir wollten nicht mehr alleine glücklich sein“), mit der er drei Kinder großzog und mit der (und dem Kölner Schriftsteller Heinrich Böll) er 1979 das Komitee „Ein Schiff für Vietnam“ gründete (später „Komitee Cap Anamur“). Seine engste Mitarbeiterin, Vertraute, Ratgeberin. „Wir hatten immer die Idealvorstellung, dass man das nebenbei machen muss, ehrenamtlich, ohne Bezahlung. Um unabhängig zu bleiben.“ Damals arbeitete er noch als Redakteur beim Deutschlandfunk.

Da kam es nicht selten vor, dass er am Freitagabend seinen Schreibtisch im Kölner Funkhaus verließ und in ein Flugzeug stieg, um etwa im Hafen von Singapur ein technisches oder bürokratisches Problem mit dem zum Lazarettschiff umfunktionierten Stückgutfrachter zu lösen, und am Montagmorgen wieder am Schreibtisch saß. Stets hielt Christel Neudeck die Stellung in der Einsatzzentrale der Organisation – dem Wohnzimmer des Reihenhäuschens im Troisdorfer Ortsteil Spich. An den Tagen vor seinem 75. Geburtstag stellten wir ihm die Frage, ob das jetzt nicht ein Alter sei, in dem man zufrieden die Füße hochlegen sollte? Neudeck dachte eine Weile nach. „Darüber habe ich noch nie nachgedacht“, stellte er verblüfft fest. Was bringt einen Menschen dazu, über Jahrzehnte auf Urlaub und Feierabend zu verzichten, um anderen zu helfen? „Das Samariter-Gleichnis im Evangelium. Eine sehr moderne Parabel. Ein Angriff auf unser modernes Denken. Außerdem meine Biografie.“ Rupert Neudeck wurde am 14. Mai 1939 in Danzig geboren.

Reaktionen zum Tod von Rupert Neudeck

Am 30. Januar 1945, da war er fünf Jahre alt, versuchte die Familie auf der Flucht vor der Roten Armee vergeblich, die „Wilhelm Gustloff“ zu erreichen, die im Hafen von Danzig Flüchtlinge aufnahm. Der überfüllte KdF-Dampfer lief ohne die Familie Neudeck aus – und wurde wenig später von den Torpedos eines sowjetischen U-Boots versenkt. Mehr als 9000 Menschen ertranken in der eiskalten Ostsee. Auch die anschließende Odyssee der Mutter mit ihren fünf Kindern gen Westen hinterließ bei dem Jungen tiefe Spuren auf der Seele: „In Westfalen unterhielten die Quäker Suppenküchen für Flüchtlinge. Noch heute habe ich den Geschmack auf der Zunge. Stellen Sie sich das einmal vor: 13 Millionen Flüchtlinge wurden damals in Westdeutschland aufgenommen. Dagegen ist doch die Zahl der heutigen Flüchtlinge ein Klacks.“

Nach dem Abitur studierte er Philosophie, Germanistik, Soziologie und Katholische Theologie, trat dem Jesuitenorden bei und wieder aus, promovierte 1972 über Politische Ethik und war seit 1977 Redakteur beim Deutschlandfunk. Zwei Jahrzehnte nach „Cap Anamur“ wurde 2003 das „Internationale Friedenskorps Grünhelme“ gegründet. Zum 30. Jahrestag der Gründung von „Cap Anamur“ sagte er: „Ich möchte nie mehr feige sein. Cap Anamur ist das schönste Ergebnis des deutschen Verlangens, niemals wieder feige, sondern immer mutig zu sein.“

Im Zentrum von Troisdorf steht zur Erinnerung ein Original-Boot, aus dem er 1982 Flüchtlinge vor dem Ertrinken rettete. Vor zwei Monaten nahmen er und seine Frau den „Erich-Fromm-Preis“ entgegen, vergangenen Monat erhielt er den „Bornheimer“, eine Auszeichnung der Europaschule in jener Stadt, die seinem Freund Heinrich Böll im letzten Lebensabschnitt Wahlheimat war. Den Schülern gab Neudeck eine Botschaft mit auf den Weg: „Wer Hindernisse überwinden will, muss leichtfüßig sein.“

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