Jetstream: Der Jetstream ist Europas mächtiger Wettermacher

Jetstream : Der Jetstream ist Europas mächtiger Wettermacher

Der Polarfront-Jetstream schwächelt seit Jahren, weil das Meereis der Arktis schrumpft. Extrem kalte Winter und heiße Sommer in Europa (oder umgekehrt) werden wahrscheinlicher.

Vier große Jetstreams (Strahlströme) rasen in einer Höhe zwischen 8 und 15 Kilometern und von West nach Ost mit Tempo 200 bis 500 um die Erde. Sie können Flugzeuge beschleunigen und deren Kerosindurst verringern, aber auch bremsen. Wichtiger: Sie bestimmen die Lebensgrundlagen eines Großteils der wachsenden Weltbevölkerung, indem sie die darunterliegenden Hochs und Tiefs steuern. Das entscheidet, in welchem Erdwinkel es eher zu heiß, zu kalt oder zu trocken ist. Die schwächeren Subtropen-Starkwindbänder spielen für Europa kaum eine Rolle, aber der Polarfront-Jetstream auf der Nordhalbkugel ist eine große Wettermacht. Seine Triebkräfte bezieht er aus dem Temperaturgefälle zwischen kalter Polarluft und wärmeren Luftmassen. Je größer der Temperaturunterschied zwischen diesen Bereichen, desto mehr Tempo hat dieser Strahlstrom und rotiert in flachen Wellen um die Erde.

Nun hat die Arktis sich mehr als doppelt so stark erwärmt wie der Rest der Welt. Die zentrale Ursache dafür ist die Eis-Albedo-Rückkopplung: Wenn das großflächige helle Meereis taut, bleiben dunkle Ozeanflächen übrig, die nicht mehr das Sonnenlicht ins All reflektieren, sondern in Wärmestrahlung verwandeln. So wurde die Arktis zum Epizentrum der globalen Erwärmung. Nicht nur das: Der Temperaturunterschied zwischen polaren und wärmeren Breiten verringerte sich. Das machte den Jetstream kraftloser, ließ ihn stottern und schlingern, insbesondere im Sommer, wenn das Temperaturgefälle (auch ohne Klimawandel) ohnehin geringer ausfällt als im Winter. Tendenz: Seit Jahren ist das Starkwindband langsamer geworden, flattert und wirft vermehrt große Schleifen und mäandert wie ein Fluss, dessen Bett nicht mit Beton begradigt wurde.

Diese weit nach Norden und Süden reichenden Wellen sind eine Art atmosphärische Kreißsäle, die Wetterzentren gebären: Unter den nördlichen Wellenbergen („Höhenrücken“) bilden sich kräftige Hochs (Hitze, Trockenheit), während innerhalb der südlichen Wellentäler („Tröge“) Tiefdruckgebiete entstehen. Je langsamer der Jetstream von Westen nach Osten weht, desto weniger wechselt das Wetter darunter. Und „je mehr Bäuche im Jetstream, desto mehr “stehende Wetter„“, hat Professor Anders Levermann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (pik) einmal gesagt und auf seinen russischen Kollegen Vladimir Petoukov verwiesen. Der hatte 2013 in einer im US-Fachmagazin „Proceedings of the National Academy of Sciences“ veröffentlichten Studie erstmals berichtet, dass ein langsamer Jetstream, wenn er in sieben Großwellen gemächlich um den Globus wandert, an der Erdoberfläche quasi einen „Wetter-Stillstand“ produziert. Dann ist das Wetter übermorgen so, wie es schon vorgestern und lange davor auch war. Petoukov und Kollegen hatten viele Feuer-, Hitze- und Flutkatastrophen aus den Jahren vor 2013 untersucht und simuliert. Ergebnis: Diese planetaren Wellen waren jeweils „wie eingefroren. Sie blieben wochenlang fast unverändert“, so Petoukov. Noch ist das keine Standardtheorie, aber immer mehr Forscher (siehe Haupttext) tendieren dazu. Extrem kalte Winter und heiße Sommer in Europa (oder umgekehrt) werden so wahrscheinlicher und sind zwei Seiten der selben Fernwirkungsmedaille.

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