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Naturschutzstudie des Bonner Bundesamtes: Der Deutsche mag keine Stromtrassen

Naturschutzstudie des Bonner Bundesamtes : Der Deutsche mag keine Stromtrassen

Die gute Nachricht zuerst: Die Deutschen stehen hinter der Energiewende. Die schlechte Nachricht: Aber die dazu notwendigen neuen Hochspannungsleitungen mögen sie ganz und gar nicht.

Beides steht in der Studie zum Naturbewusstsein 2011, die das Bundesamt für Naturschutz (BfN) und das Bundesumweltministerium in Bonn vorstellten.

Die Studie wurde nach 2009 zum zweiten Mal durchgeführt. Befragt wurden in einer repräsentativen Stichprobe mehr als 2000 Bürger. Die Auswertung der Daten dauert an, im Herbst wird es erst die Komplettanalyse geben. Nachteil der langen Auswertung: Ob der Deutsche heute noch so denkt, weiß man nicht, glaubt man aber.

Das Ergebnis hat auch Umweltstaatssekretärin Ursula Heinen-Esser im Detail überrascht, wie sie gestern bekannte. Denn die Mehrheit akzeptiert Veränderungen der Landschaft in Folge des Ausbaus erneuerbarer Energien. Im einzelnen fallen die Daten allerdings sehr unterschiedlich aus:

  • 87 Prozent akzeptieren Windenergieanlagen auf dem Meer.
  • Überraschende 79 Prozent akzeptieren die gleichen Anlagen auf dem Land,
  • 77 Prozent sagen Ja zu Solaranlagen außerhalb von Wohnsiedlungen.
  • 67 Prozent haben keine Einwände gegen mehr Rapsfelder,
  • 63 Prozent keine gegen Maisanbau. Damit ist das vermeintlich sogar wahlkampfrelevante Thema der "Verspargelung" der Landschaft wohl vom Tisch. Der deutsche liebt Spargel - nicht nur auf dem Teller, sondern auch im Landschaftsbild. Jedenfalls regt sich kein nennenswerter Protest im Grundsätzlichen. Ganz anders sieht das bei Hochspannungsleitungen und auch beim verstärkten Holzeinschlag im Wald aus.
  • Nur 42 Prozent akzeptieren eine Zunahme von Hochspannungsleitungen,
  • sogar nur 35 Prozent machen beim Holzeinschlag im Wald mit. Kommentar von BfN-Präsidentin Beate Jessel: "Der Deutsche hat halt ein ganz besonderes Verhältnis zum Wald."

Direkte praktische Konsequenzen lassen sich aus der Naturschutzstudie nicht ableiten. Nur so viel: "Wir werden den Leitungsausbau ganz klar brauchen", sagt Ursula Heinen-Esser.

Daran führe kein Weg vorbei. Also könne es nur darum gehen, das Thema mit den betroffenen Bürgern besser zu kommunizieren - und, das sagt sie ganz leise, eventuell auf den einen oder anderen der geplanten Tausende von neuen Leitungskilometer zu verzichten.

Ansonsten können Bundesamt und Bundesministerium mit ihrer Bevölkerung zufrieden sein. 96 Prozent der Befragten sehen den Schutz der Natur als Pflicht des Menschen an. 18 Prozent sagen, sie täten dafür auch aktiv etwas. Womit viele jedoch nur das Aufhängen eines Nistkastens meinen.

Der Deutsche interessiert sich für den "nachhaltigen Konsum" von Fleisch, Gemüse, Obst, will wissen, wie Textilien entstanden sind. Allerdings: Naturbewusstsein hängt mit Bildung und Einkommen zusammen: je mehr, desto mehr. Was aber nicht gleichzusetzen ist mit tatsächlichem Verhalten.

Auf deutsch: Wer die Natur liebt, schützt sie noch lange nicht. Immerhin: Für 93 Prozent gehört Natur zu einem guten Leben, 86 Prozent macht es glücklich, in der Natur zu sein. Mit oder ohne "Spargel" in der Landschaft.