Hackerattacke auf Politiker und Prominente: Der Daten-GAU wird Konsequenzen haben

Hackerattacke auf Politiker und Prominente : Der Daten-GAU wird Konsequenzen haben

Der weitreichende Datenklau hat unmittelbare Folgen für Politiker, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Unions-Netzexperte Thomas Jarzombek rät dringend zu mehr Eigenvorsorge vor allem im Umgang mit Twitter, Facebook und E-Mails.

Es ist ein GAU, ein Daten-GAU. Der größte anzunehmende Unfall im Umgang mit persönlichen Kontakten, Informationen und Dokumenten. Auch wenn es zunächst nicht danach aussieht, dass Staatsgeheimnisse gehackt wurden und die Sicherheit des Landes in Gefahr ist – so handelt es sich doch um einen empfindlichen Vertrauensverlust. Denn Telefonnummern und Privatadressen von Hunderten Prominenten, auch Daten der Kanzlerin und des Bundespräsidenten, waren eine Zeit lang im Internet – und die Sicherheitsbehörden haben es nicht bemerkt. Das wird Konsequenzen haben.

Handynummern sind heiße Ware in der Welt von Politikern und Journalisten. Wer einen direkten Draht zu Ministern, Parteivorsitzenden, Abgeordneten oder Prominenten hat, ist im Vorteil. Im Fall der Fälle ist damit die Chance auf eine schnelle und abgesicherte Information gegeben. Für den Austausch der Kontakte sind aber viele Gespräche und gute Erfahrungen nötig. Oft dauert es Wochen bis Vertrauen entsteht. Manchmal gelingt es nie. Anders an diesem 4. Januar 2019. Durch den womöglich bisher größten Datenklau in Deutschland waren – wenn auch zeitlich begrenzt – Hunderte der begehrten Zahlen im Netz abrufbar. Einfach so.

Die Informationen kursierten zwar auch schon vorher – nur ist es eben niemandem aufgefallen. Zuerst wurde der Sender rbb-Inforadio am Donnerstagsabend hellhörig, dann kamen auch die Parteien darauf. Das Kanzleramt erfuhr kurz vor Mitternacht davon, anschließend wurden die Sicherheitsbehörden eingeschaltet. Und ausgelöst wurde alles nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur durch Anrufe eines Unbekannten bei dem früheren SPD-Chef Martin Schulz. Danach hatte einer seiner Mitarbeiter am Donnerstag der Polizei in Aachen mitgeteilt, Schulz sei von Fremden auf seiner nicht öffentlich zugänglichen Nummer angerufen worden.

Aber nicht nur Handy-Nummern, auch Privatadressen, Namen von Familienmitgliedern, Dokumente, Passwörter, Impfpässe, Chatverläufe waren einsehbar. Alles hübsch geordnet veröffentlicht über einen Twitteraccount in einem „Adventskalender“. Sorgfältig wurden Listen von Politikern aller Ebenen, von der Landes- bis zur Europaebene, angefertigt. Außer von der AfD, was Politiker anderer Parteien zu der Vermutung veranlasst, dass die Diebe aus dem rechten Spektrum kämen. Zumal auch die betroffenen TV-Moderatoren Jan Böhmermann, Christian Ehring und Oliver Welke zu hartnäckigen AfD-Kritikern gehören. Bemühungen unserer Redaktion, die Alternative für Deutschland zu einer Reaktion zu bekommen, schlugen am Freitag aber fehl.

Der oder die Datendiebe lieferten an verschiedenen Stellen der Listen gleich persönliche Einschätzungen zu Inhalt und Brisanz mit. Zum Beispiel: „Nur Laberei in der E-Mail“ oder „Nacktfotos, die zugeschickt wurden.“

Betroffene müssen Handy-Nummern wohl ändern

Nun dürfte sich einiges ändern. Nicht nur die ein oder andere Handynummer. Politiker, die so wichtig sind, dass sie immer und überall erreichbar sein müssen, können ihr Mobiltelefon auch nachts nicht auf lautlos stellen. Auch deshalb geben sie ihre Nummer nur zuverlässigen und möglichst wenigen Menschen. Sie müssen sich vor Klingelstreichen, Belästigungen und auch Eingriffen in ihre Privatsphäre schützen. Kaum jemand von ihnen, dessen Nummer im Netz stand, wird diese behalten können.

Von Bundeskanzlerin Angela Merkel waren immerhin die E-Mail-Adresse und ein paar Briefe im Netz. Diese waren aber bereits bekannt. Von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier tauchte eine Handynummer auf. Dennoch stuft die Bundesregierung das noch als überschaubar ein. Solche Daten können schnell geändert werden. Außerdem ist es keinesfalls sicher, ob veraltete oder falsche Angaben gemacht wurden.

Der Angriff hat aber unmittelbare Folgen für Politiker, die im Fokus der Öffentlichkeit stehen. Ein Grünen-Abgeordneter erzählt, er habe seine Frau seit zehn Jahren vor der Öffentlichkeit geschützt, indem er nicht mit ihr auf Veranstaltungen gegangen sei. Nun aber sei ihr Name im Internet zu sehen gewesen. Noch unerträglicher für ihn: Auch ein Foto seines Kindes tauchte auf. Dabei hatte er bereits erfolgreich gegen eine Veröffentlichung solcher Fotos geklagt. Die Grünen-Fraktionschefs Katrin Göring-Eckardt und Anton Hofreiter stellten im Namen der gesamten Fraktion Strafantrag gegen unbekannt. Die Parlamentsgeschäftsführerin der Grünen, Britta Haßelmann, bezeichnete den Hackerangriff als „Angriff auf unsere Demokratie“.

Forderung nach Sondersitzung des Digitalausschusses

Offenbar handele es sich bei der Auswertung der ausgeforschten Daten um „akribische“ Einzelarbeit, sagt der FDP-Digitalpolitiker Manuel Höferlin. Die vielen Kontakte hätten nicht einfach aus einem Ordner kopiert werden können. Höferlin, und nicht nur er, wundert sich darüber, warum die staatliche Cyberabwehrbehörde (BSI) nichts von der Veröffentlichung im Netz mitbekommen hat. Er beantragt eine Sondersitzung des Digitalausschusses des Bundestages. „Offenbar gibt es Optimierungsbedarf bei den 17 Kriminalämtern, beim BSI und beim Verfassungsschutz“, sagt Höferlin. Der Vorgang unterstreiche, wie wichtig es für jeden Nutzer sei, mit unterschiedlichen Passwörter umzugehen.

Der Netzexperte der Unionsfraktion, Thomas Jarzombek, rät dringend zu mehr Eigenvorsorge vor allem im Umgang mit Twitter und Facebook und E-Mails. Oft würden dieselben Passwörter verwendet wie bei dem Kauf eines Toasters im Internet, persönliche E-Mails würden meistens nicht verschlüsselt. Es gebe zwar keine hundertprozentige Sicherheit, und die Balance zwischen Praktikabilität und Verschlüsselung solle gewahrt werden. Aber das größte Potenzial, kompromittiert zu werden, liege für Menschen nun einmal im Privaten. Aus eigenem Interesse sollten sie sich besser schützen.

Was den Schutz durch die staatlichen Sicherheitsbehörden betrifft, gilt eigentlich dasselbe. Sie sollten Politiker besser schützen. Zumindest sollten sie Lücken besser mitbekommen.

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