US-Vorwahlen: Das Elend der Hillary Clinton

US-Vorwahlen : Das Elend der Hillary Clinton

Vom krassen Außenseiter zum Favoriten: Bernie Sanders hängt die Polit-Veteranin ab. Sie gesteht Nachholbedarf ein und schaut nach vorn.

Wer heute das Elend der Hillary Clinton verstehen will, muss sie fragen nach Marianne Pernold. Die Fotografin österreichischer Abstammung war es, die der früheren First Lady 2008 in New Hampshire durch Zufall zum Sieg verhalf. Im Café Espresso in Portsmouth stellte sie der Kandidatin damals kurz vor dem Urnengang vor laufender Kamera eine Frage, die der ganzen Welt vor Augen führte: Clinton ist doch keine unnahbare Maschine. Clinton hat Gefühle.

Gut 10.000 Stimmen mehr als Barack Obama brachte ihr der Beinahe-Tränenausbuch damals ein. Diesmal blieb das Wunder von New Hampshire aus. „Ich mag sie immer noch“, sagte Pernold am Montag bei einer Tasse Kaffee in eben jenem Restaurant über die Kandidatin Clinton, „aber all diese Legenden um ihre politische Natur. Ich habe Zweifel, ob ihre Glaubwürdigkeit nicht über die Jahre zu großen Schaden genommen hat.“

Das Wahlergebnis 2016 beweist: Sie hat. Als die Wahllokale geschlossen waren und der Außenseiter Bernie Sanders die Favoritin des Partei-Establishmentes pulverisiert hatte (60 Prozent zu 38 Prozent), stellte sich heraus, was viele Clinton-Anhänger nie auf dem Zettel hatten. In der Kategorie „Vertrauenswürdigkeit“ kam der Sohn jüdisch-polnischer Einwanderer auf Zustimmungswerte von über 90 Prozent. Clinton, die in der Affäre um ihren privaten E-Mail-Server vom FBI untersucht und nebenbei allzu großer Nähe zur Hochfinanz verdächtigt wird, landete bei katastrophalen fünf Prozent. Ein Misstrauensvotum erster Güte, eine Demütigung.

Auch dass Sanders bei jungen Wählern unter 25 insgesamt und gesondert bei junge Frauen mit einem gewaltigen Vorsprung, muss als „alarmierend“ gewertet werden, schreiben viele US-Zeitungen. Clinton gestand ein, in den genannten Wählergruppen „großen Nachholbedarf“ zu haben. Sie hakte die Niederlage mit einem verkrampften Lächeln ab und richtete den Blick auf die kommenden Vorwahlen. Was sonst?

"Realistische Veränderungen"

Dabei gab die frühere Außenministerin zwischen den Zeilen einen Vorgeschmack auf das, was ihre Wahlkampfmaschine für Sanders bereithält: Attacke pur. Amerika benötige „realistische Veränderungen“, sagte sie.

Die auf Umverteilung, Reichensteuer, Bankenzerschlagung und massive Ausweitung sozialer Leistungen setzende Programmatik Sanders‘ böten dagegen nicht mehr als unbezahlbare und politisch nicht durchsetzbare Scheinlösungen. „Ich werde härter als jeder andere dafür arbeiten, tatsächlichen Wandel herbeizuführen und Euer Leben besser zu machen“, rief sie ihren Anhängern zu.

Sanders, dem ein Sieg in New Hampshire seit Wochen prophezeit worden war, sieht sich dagegen an der Spitze einer Zeitenwende.

„Was heute Nacht passiert ist, wird ein Echo haben von Wall Street bis nach Washington“, erklärt der haushohe Sieg. „Die Botschaft lautet: Die Regierung unseres Landes gehört allen Menschen, und nicht nur einer Handvoll Superreichen.“

Analysten aller Denkschulen sind jedoch im Zweifel, ob Sanders‘ Erfolg nachhaltige Wirkung haben wird. Schon die nächsten Vorwahlen in Nevada und South Carolina stellen den 74-Jährigen Senator aus dem weißen Vermont vor ein komplett anderes Wählerspektrum: In beiden Staaten gibt es starke afro-amerikanische und hispanische Bevölkerungskreise. Anders als Sanders genießt Hillary Clinton seit der Amtszeit ihres Mannes Bill im Weißen Haus dort nicht nur einen großen Bekanntheitsgrad – sondern auch mehr als respektables Ansehen.

Spätestens am 1. März, wenn 14 Bundesstaaten wählen, wird sich zeigen, wie stark der Außenseiter Sanders wirklich ist. Und wie schwach die Frau, die Amerikas erste Präsidentin werden will.

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