Klimawandel: Wie kann die Erderwärmung gestoppt werden?

Klimawandel : Wie kann die Erderwärmung gestoppt werden?

Der G7-Gipfel auf Schloss Elmau, die aktuelle UN-Klimakonferenz in Bonn und viele andere Gremien beschwören beim Kampf gegen die globale Erwärmung das Zwei-Grad-Ziel. Ist es wissenschaftlich begründet? Wie viel Sicherheit bietet es der Menschheit? Was steckt genau dahinter? Und warum laufen die Inselstaaten dagegen Sturm?

Die Dramaturgie des Untergangs ist überall gleich: Erst dringt das Salzwasser ins Erdreich, dann sterben die Palmen und steigen die Lebensmittelimporte. Eines Tages müssen die Menschen flüchten. Einige unbewohnte flache Eilande wie Tebua Tarawa oder Abanuea im Königreich von Kiribati sind infolge des steigenden Meeresspiegels schon 1999 untergegangen. Es gab ein paar Zeilen in der Rubrik "Vermischtes" der Weltpresse, aber keinen Aufschrei. Den machte die Vereinigung Aosis (Alliance of Small Island States), die von Fidschi über Malediven und Tuvalu bis Kiribati 44 Mini-Staaten im Pazifik vertritt: rund 7,3 Millionen Menschen oder 0,11 Prozent der Weltbevölkerung, die 0,03 Prozent der klimaschädlichen Weltemission verursacht haben.

Anote Tong ist Präsident von Kiribati. Sein Reich, bestehend aus 31 Atollen, lugt im Durchschnitt nur zwei Meter aus dem Wasser. Er sagt seit Jahren: "Bei zwei Grad Celsius mehr gehen wir unter." Doch genau auf diese zwei Grad Temperaturerhöhung seit der industriellen Entwicklung hat sich die Mehrheit der Staaten auf den UN-Weltklimagipfeln 2009 (Kopenhagen) und 2010 (Cancun) eingeschworen, um den Klimawandel in Schach zu halten. Wie sinnvoll ist das? Wie viel Sicherheit bietet eine auf dieses Ziel fixierte Klimaschutzpolitik? Und vor allem...

  • ...reicht die Zeit? 97 Jahre liegen zwischen dem ersten Verdacht (1891) auf eine globale Erwärmung, entfacht durch Treibhausgase aus der Verbrennung fossiler Brennstoffe, und der konkreten Befürchtung der Welt (1988), dass sich hier etwas anbahnt, was die Menschheit existenziell gefährden könnte: Das UN-Umweltprogramm gründet 1988 das Intergovernmental on Climate Change (IPCC) - ein Gremium, das aus den weltweit besten Klimaforschern bestehen soll. Das IPCC wird alle vier bis sechs Jahre einen Weltklimareport verfassen: 1990, 1995, 2001, 2007, 2013. Schritt für Schritt und Report für Report verflüchtigt sich der Nebel und bestätigt sich der Anfangsverdacht des schwedischen Chemikers und späteren Nobelpreisträgers Svante Arrhenius (1891): Nicht eine natürliche Ursache, sondern die Menschheit heizt mit ihrem starken Kohle- und Öl-Konsum den Globus auf.

"Bei zwei Grad Celsius mehr gehen wir unter"

  • Zwei Grad: Warum? Zunächst legte sich die EU auf das Zwei-Grad-Ziel fest, später auch 194 Staaten. Es handelt sich um eine politische Festsetzung aufgrund einer unsicheren wissenschaftlicher Empfehlung für mehr Sicherheit im Umgang mit der großen Ungewissheit: Demnach bedeutet ein höherer Temperaturanstieg als zwei Grad Celsius (gegenüber 1850) einen "gefährlichen Klimawandel". Gefährlich heißt unkontrolliert: Die Menschheit kann dann nichts mehr beeinflussen, weil Rückkopplungsmechanismen im Erdsystem die Erwärmung beschleunigen. Auch die Folgen eines Klimawandels jenseits der Zwei-Grad-Grenze wird sehr wahrscheinlich die Anpassungsfähigkeit einiger Regionen erheblich übersteigen.
  • Wie entstand das Ziel? Die Menge/Konzentration an Kohlendioxid (CO2) und anderer Treibhausgase bestimmt den Temperaturanstieg. Die Wissenschaft errechnete: Von 2000 bis 2050 darf die Menschheit noch rund 1000 Gigatonnen CO2 in die Lufthülle blasen, wenn die Zwei-Grad-Grenze nicht überschritten werden soll. Weil die CO2-Weltemission steigt und steigt, füllt sich die Gasabfall-Deponie schneller als erwartet. Die Hälfte des Budgets ist bereits seit dem Jahr 2000 verbraucht. Die CO2-Weltemission stieg von 1,9 Gigatonnen im Jahr 1900 über 20 Gigatonnen (1990) bis mehr als 32 Gigatonnen (2014). Setzt sich der Trend fort oder beschleunigt sich weiter, wären die 1000 Gigatonnen spätestens 2030 verbraucht. Deshalb steht es auf der Klimaschutz-Uhr nicht fünf vor, sondern fünf nach zwölf.
  • Kohle- und Ölreserven: Würde die Menschheit alle heute bekannten und mit konventionellen Methoden förderbaren Kohle- und Ölvorräte zur Energiegewinnung nutzen, entspräche das einer Emission von fast 3000 Gigatonnen CO2. Die Londoner Forscher Christopher McGlade und Paul Etkins vom University College haben im Fachmagazin "Nature" Zahlen veröffentlicht, was von den bekannten Reserven im Boden bleiben müsste, um das Zwei-Grad-Ziel zu realisieren: 35 Prozent des Öls, 52 Prozent des Erdgases, 88 Prozent der Kohle - Rohstoffe, die bei zahlreichen großen Energiefirmen allerdings bereits als Vermögenswerte bilanziert sind. Tatsächlich stehen die Zeichen jedoch nicht auf Verzicht, sondern auf fossile Expansion: Ölsande in Kanada werden bereits gefördert, Bohrungen nach Erdöl in der auftauenden Arktis sind schon genehmigt.
  • Temperatur heute: Seit Beginn der Industrialisierung um 1850 ist die Durchschnittstemperatur um 0,8 Grad Celsius gestiegen. Weitere 0,5 bis 0,8 Grad gelten im trägen Klimasystem für die nächsten Jahrzehnte bereits als angelegt. Zwischenfazit: 1,3 bis 1,6 Grad Celsius sind auf dem Weg zur Zwei-Grad-Schallmauer nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Das verdeutlicht, wie notwendig eine Vollbremsung bei der CO2-Weltemission wäre, um den Temperatur-Stopp noch vor der gewählten Grenze zu erreichen. Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur (IEA), traut der Welt das nicht zu und hält die notwendige Emissionsreduktion "für praktisch ausgeschlossen".
  • Der Bremsweg: Der eines Autos oder Tankers lässt sich exakt berechnen, der der globalen Erwärmung nicht. Die Forscher können nur Wahrscheinlichkeiten nennen: Würden bis 2050 tatsächlich nur noch 1000 Gigatonnen CO2 freigesetzt, läge die Wahrscheinlichkeit, das Zwei-Grad-Ziel zu schaffen, bei etwa 75 Prozent. Zudem müsste der Gipfel der Weltemission zwischen 2015 und 2020 liegen. Mit jedem Jahr, um das sich die Kehrtwende verspätet, sinkt die Erfolgswahrscheinlichkeit für eine sanfte Landung beziehungsweise wächst die Dimension, in der CO2 eingespart werden muss.

"Die Erwärmungspause kann man zu den Akten legen. Sie hat so nie existiert"

  • Was sagen die Forscher? Welche Sicherheit bietet das Zwei-Grad-Ziel? Keine. Ob "gefährlicher Klimawandel" bei 1,9 oder 2,1 Grad Temperaturerhöhung beginnt, weiß auch künftig kein Forscher. Ursprünglich glaubte das IPCC, dass eine Temperaturerhöhung um bis zu zwei Grad verhindert, dass die 3000 Meter dicke Eismasse Grönlands komplett abschmilzt. Nicht nur ein bis zu sieben Meter hoher Meeresspiegelanstieg wäre die Folge, sondern ein Rückkopplungsmechanismus, der die Erde weiter erwärmt: Mehr dunkle Fläche würde mehr Sonnen- in Wärmestrahlung umwandeln. Grönland gilt - neben Dauerfrostböden und Regenwäldern - als ein Kippelement des Erdklimas. Nun erfolgen die Schmelzprozesse in der Arktis aber rascher als erwartet und haben auch den Westantarktischen Eisschild erreicht.
  • Vor diesem Hintergrund plädieren nicht nur Aosis-Vertreter für ein 1,5-Grad-Ziel. Etliche Wissenschaftler verweisen darauf, welche Fluten, Dürren und Wetterextreme bereits eine um 0,8 Grad wärmere Welt - die Gegenwart - hervorbringt und ziehen neue Grenzen. Die der zwei Grad liege nicht zwischen "tolerablem" und "gefährlichem" Klimawandel, sondern zwischen "gefährlichem" und "sehr gefährlichem". Zum Vergleich: Während der letzten Eiszeit lag die globale Mitteltemperatur nur rund fünf Grad unter der heutigen Warmzeit.
  • Ein völliges Umdenken fordern zwei US-Klimaforscher. "Begrabt das Zwei-Grad-Ziel" appellieren die Professoren David Victor und Charles Kennell aus San Diego in "Nature". Das Ziel sei eine "dreiste Vereinfachung" und führe in die falsche Richtung. "Politisch erlaubte es einigen Regierungen die Behauptung, sie würden ernsthafte Maßnahmen ergreifen, um die Erderwärmung einzudämmen, obwohl sie in Wahrheit nichts erreicht hatten. (...) Die Politiker fokussieren sich völlig auf die globalen Temperaturen, die aber in Wahrheit nicht mit den wirklichen Gefahren des Klimawandels im Gleichschritt marschieren."
  • Erwärmungspause? Klimaskeptiker verweisen darauf, dass die globale Mitteltemperatur seit Beginn des 21. Jahrhunderts auf hohem Niveau stagniere. Andere Forscher signalisieren, der Klimawandel gehe aber trotzdem weiter. "Die Erwärmungspause kann man zu den Akten legen. Sie hat so nie existiert", sagte indes Professor Hans Joachim Schellnhuber im Januar in Berlin. Der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung hatte dabei die globale Temperatur im Jahr 2014 im Blick - das wärmste Jahr seit 1880. Professor Jochen Marotzke, Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie in Hamburg, erklärt die Entwicklung mit "dem Wirken aller chaotischen Umwelteinflüsse". Aus der breiten Palette der Erklärungen ragen NASA-Messungen heraus, wonach sich zuletzt vor allem die oberen Schichten des Weltozeans erwärmten.
  • Klimawandel-Tempo: Nach der letzten Eiszeit dauerte es rund 1000 Jahre, bis die mittlere Erdtemperatur um ein Grad Celsius gestiegen war. Heute vollzieht sich das rund zehnmal schneller. Dadurch entstehen dramatische Belastungen für die Ökosysteme - Basis der Welternährung. Schon heute verschieben sich Lebensräume für Pflanzen und Tiere um durchschnittlich 500 bis 1000 Meter pro Jahr polwärts. Teilweise hat die große Wanderung bei Insekten, Fischen und Vögeln längst begonnen. Problem: Pflanzen können so schnell nicht "wandern", was insbesondere für Bäume und Wälder, die wichtige CO2-Speicher sind, gilt.
  • Forschungsobjekt Klima: Weltweit haben die Wissenschaftler es versäumt, der Öffentlichkeit das unberechenbare Klima an sich zu erklären. Wie andere chaotische Systeme, die sich selbst organisieren und nach Störungen stets ein neues Gleichgewicht anstreben, ist auch das dynamische Klimasystem außerordentlich komplex. Alle Faktoren, die zur Selbstorganisation beitragen, sind gleichzeitig Variable, die miteinander wechselwirken. Daraus ergibt sich zwangsläufig, dass Vorhersagen über Systeme, die von Zufall und Chaos regiert werden, mit Unsicherheiten im Detail behaftet sind.
  • Die Klimaforschung hat indes vom rasanten Technologie-Fortschritt profitiert. So konnten immer leistungsfähigere Höchstleistungsrechner Klimamodelle mit immer mehr Variablen verarbeiten. Aus der fehlerfreien Simulation der Klima-Vergangenheit ziehen Forscher das Vertrauen in die aktuellen Klimamodelle. Die werfen Ergebnisse zur Temperaturerhöhung von 1,6 bis 5,5 Grad Celsius bis 2100 aus - je nachdem, welches Szenario sie berechnen sollen: eine Laissez-faire-Welt ohne jeglichen Klimaschutz, mit ein bisschen Energiewende - oder mit einer radikalen Emissionswende.

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