Kommentar zum Anschlag in Straßburg: Wider die Spaltung

Kommentar zum Anschlag in Straßburg : Wider die Spaltung

Der Attentäter schlug perfiderweise da zu, wo das Leben und die Freude herrschen. Der neuerliche Schlag kommt zu einem für Frankreich ohnehin schweren Zeitpunk. Statt Zurückhaltung zu üben treiben Rechtspopulistin die Spaltung des Landes voran.

Der Attentäter vom Straßburger Weihnachtsmarkt hat Frankreich an einer empfindlichen und zu dieser Jahreszeit besonders schönen Stelle verwundet. Perfiderweise schlug er ausgerechnet dort zu, wo das Leben und die Freude herrschen, wo gemeinsam gefeiert wird und Menschen aus der ganzen Welt hinströmen. Dasselbe galt auch für die Anschläge auf Barterrassen, eine Konzerthalle und ein Fußballstadion in Paris 2015 sowie die Strandpromenade von Nizza 2016. In Deutschland kommen schmerzhafte Erinnerungen an das Attentat auf dem Berliner Weihnachtsmarkt an der Gedächtniskirche hoch.

Der neuerliche Schlag kommt zudem zu einem für Frankreich ohnehin schweren Zeitpunk. Längst sind die gute Laune und Leichtigkeit verflogen, die der Sieg bei der Fußballweltmeisterschaft dem Land im Sommer beschert hat.

Nach Wochen der teils von Gewalt begleiteten Proteste der „Gelbwesten“ ist die Stimmung gereizt und angespannt, auch unter den Sicherheitskräften und den Politikern. Auf die politische und soziale Krise folgt nun eine Sicherheitskrise. Auf das Gefühl des Verdrusses droht das der Angst zu folgen. Dabei schien sie weitgehend überwunden zu sein.

Präsident Emmanuel Macron steht jetzt nicht mehr unmittelbar im Fokus, um die soziale Revolte zu beruhigen. Beim ersten größeren Terroranschlag in seiner Amtszeit ist er in der Rolle des Landesvaters gefragt, der besonnen reagiert und den Franzosen Sicherheit gibt. Zurückhaltung wäre bei der Opposition angebracht. Rechtspopulistin Marine Le Pen und Republikaner-Chef Laurent Wauquiez treiben stattdessen die Spaltung des Landes voran, indem sie die dramatischen Ereignisse unmittelbar für ihre politischen Zwecke ausschlachten. Sie spielen ein übles Spiel, wenn sie behaupten, dass sie Terroranschläge mit härterem Durchgreifen, dem präventiven Wegsperren ohne jede legale Grundlage oder dem Schließen der Grenzen verhindern könnten.

Der Täter war in Straßburg geboren. Die Behörden kannten ihn wegen diverser Delikte und wussten auch von seiner Radikalisierung. Doch die französische Gefährderliste enthält mehr als 20.000 Personen – viel zu viele, um sie alle engmaschig zu überwachen. Die Gefahr durch die Attentäter im eigenen Land ist eine gesellschaftliche Herausforderung und ihr zu begegnen verlangt einen langen Atem bei der Vorbeugung und Verfolgung statt schnell herausgebrüllter Anschuldigungen.

Den Franzosen ist zu wünschen, dass sie sich durch diese neuerliche Erschütterung nicht weiter spalten lassen, sondern dass sie zu einem einenden Gefühl zurückfinden und mit einem Ja zum Leben auf die Bedrohung der Mordlustigen antworten. Um gemeinsam gegen die dumpfe Gewalt zu stehen, die ja gerade darauf abzielt, eine Gesellschaft zu zerstören.

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