Deutschland/Russland: Wer hat Angst vor Wladimir Putin?

Deutschland/Russland : Wer hat Angst vor Wladimir Putin?

Wladimir Putin hat den Niedergang der einstigen Weltmacht Sowjetunion bis heute nicht verwunden. Er provoziert den Westen, wo er nur kann. Jetzt kommt er nach Berlin, um über die Lösung der Ukraine-Krise zu reden.

Wladimir Putin wird heute mit wenig Vorfreude zu den Ukraine-Verhandlungen in Berlin erwartet. Er hat sich zum Angstgegner gemausert, gibt dem Westen immer neue Rätsel auf.

Ob es nicht doch möglich sei, Russlands Gegensanktionen zu mildern, fragte ein Journalist des Kreml-Pools Wladimir Putin. „Fig im!“, antwortete der russische Staatschef leicht grinsend. „Fig im“ ist kein salonfähiger Zweisilber, vorsichtig könnte man ihn „Die können uns mal“ übersetzen. Der Kreml strich die Antwort lieber aus dem Protokoll der Pressekonferenz vom Brics-Gipfel in Goa.

Der Zweisilber ist nicht die einzige Grobheit, die Russlands starker Mann in jüngster Zeit auf den Westen abgeschossen hat. Seit Wochen bewegt sich Wladimir Putin nicht nur an der Grenze der politischen Korrektheit, sondern der Politik überhaupt. Angela Merkel, François Hollande und Pjotr Poroschenko erwarten ihn mit Skepsis in Berlin zu Gesprächen über den festgefahrenen Friedensprozess in der Ukraine. Putin hat vorher bei den Treffen des „Normandie-Quartetts“ gepokert, gedroht und geblufft. Nächtelang. Und nicht nur dort. Aber inzwischen schimmern auch seine Nerven durch – ziemlich blank.

Einerseits scheint Putin die USA, die Nato und die EU zu narren wie ein zauberkräftiger Kobold, ein Tausendsassa, den keine Sanktion bremsen kann. Putins Wörtchen „Ja“ auf die Frage, ob er die Ölförderbeschränkung der Opec unterstützen würde, reichte Anfang September, um den Barrel-Preis in wenigen Stunden um drei Prozent zu heben. Er amüsiert sich über die Ängste des politischen Establishments der USA, die Attacken russischer Staatshacker könnten die Präsidentschaftswahlen manipulieren.

Putin piesackt den Westen, gibt ihm immer neue Rätsel auf. Auch, weil er sich selbst oft nicht der Ziele seiner Offensiven gewiss zu sein scheint. Der hybride Einmarsch in der Ostukraine, die Intervention in Syrien, aber auch das jüngste russisch-türkische Pipeline-Projekt wirken improvisiert wie die Schlachtpläne des jungen Napoleons: Erst mal losschlagen und dann schauen, was passiert. Nur ist Putin nicht der junge Napoleon. Der 63-Jährige zeigt sich im Clinch mit der westlichen Welt angeschlagen. Zwar kündigte er Anfang Oktober das Abkommen mit den USA über die Vernichtung waffenfähigen Plutoniums – laut Hillary Clinton immerhin genug Brennstoff für 17.000 Atomsprengköpfe. Putin kehrte damit in die Zeiten zurück, als atomare Abschreckung und Overkill zum politischen Alltagsvokabular gehörten.

Dazu aber listete er in einem von ihm persönlich in der Staatsduma eingebrachten Gesetzentwurf Bedingungen auf, die die Amerikaner erfüllen müssten, um das Abkommen zu retten. Sie grenzten an Reparationsforderungen: Abzug sämtlicher US-Streitkräfte, die nach 2000 in Osteuropa stationiert wurden, die Aussetzung von „unfreundlichen“ Maßnahmen wie dem Gesetz zur Unterstützung der Freiheit der Ukraine von 2014, außerdem Entschädigungen für die Verluste, die Russland durch die amerikanischen Sanktionen wegen der Ukraine sowie durch die russischen Gegensanktionen erlitten habe. „Eher ein Wutschrei als ein Gesetzentwurf“, schreibt die Internetzeitung gazeta.ru.

Amerika ist immer ein Feind

Putin hat durchaus Ängste. Wie der Moskauer Journalist Michail Sygar in seiner Putin-Biographie „Endspiel“ schreibt, fürchtet der Kremlchef so um seine Gesundheit, dass er niesende Untergebene aus seinem Kabinett jagt. Aber seine Hauptphobie gilt dem Westen.

Im Gegensatz zu Europa und Nordamerika, für die Putins Russland jahrzehntelang nur zweitrangig war, konzentrierte der seine Aufmerksamkeit von Anfang an auf den Westen. Laut Putin „legten unsere geopolitischen Gegner mit Hand an“ beim Zusammenbruch der Sowjetunion, nutzten diesen danach skrupellos aus, um prowestliche Regime und Antiraketensysteme an der russischen Grenze zu installieren. „Amerika ist immer ein Feind und will Russland vernichten“, formuliert Alexander Baunow vom Moskauer Carnegie-Zentrum das Credo des früheren KGB-Beamten Putin. Der bemüht gern selbst das Klischee vom russischen Bären, den der Westen erst an die Kette legen wolle, um ihm dann Krallen und Zähne – also seine Atomwaffenarsenale – zu ziehen. „Danach stopft man ihn als Trophäe aus.“

So abgebrüht Putin sich gibt, seine innersten Motive sind emotional. Hinter seiner Entschlossenheit gegenüber dem Westen steht auch sehr persönliche Existenzangst. Putin glaubt, die USA steckten hinter den Rebellen in Tschetschenien, hinter der Maidan-Revolution in der Ukraine, sie finanzierten auch die liberale Opposition in Russland, um ihn mit einer Straßenrevolution zu stürzen. Den juristisch trockenen Ermittlungsbericht der niederländischen Staatsanwälte zum Abschuss der malaysischen Boeing über dem Donbass sieht Putin als Vorbereitung eines Kriegsverbrecherprozesses gegen ihn persönlich, ähnlich wie die westlichen Vorwürfe wegen der russischen Bombardements auf Aleppo.

Vor Putins Besuch in Berlin haben Russlands Kampfbomber in Aleppo eine „humanitäre Pause“ eingelegt, der Kreml bietet wieder Verhandlungen an. Das ändert nichts daran, dass Putin in Syrien wie in der Ostukraine dem Westen weiter soviel Kopfzerbrechen wie möglich machen wird.

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