GA-Klimazeitung: Was das Klimarisiko von den Menschen erfordert

GA-Klimazeitung : Was das Klimarisiko von den Menschen erfordert

Wenn die Demokratien und ihre Bürger die letzte Ausfahrt vor einer Heißzeit nutzen wollen, müssen sie mehr Altruismus entwickeln, meint GA-Redakteur Wolfgang Wiedlich.

Angetrieben von allen, die vor „for Future“ nun statt „Fridays“ Eltern, Forscher, Lehrer oder Studenten schreiben, hat der Klimawandel es nun auf einen Spitzenplatz der politischen Agenda geschafft und das CO2 (Kohlendioxid) in so viele Köpfe wie nie zuvor. Immer mehr Menschen sitzen vor CO2-Online-Rechnern und checken ihr Treibhausgas-Leben. Einsparungen im Privaten könnten immerhin ein Drittel des deutschen Pro-Kopf-Ausstoßes verringern, und die Forscher haben oft betont, jedes Zehntel Grad weniger helfe gegen die Erderwärmung.

So ein CO2-Rechner kann ziemlich überraschen, indem er nicht nur CO2 in Gramm oder Kilo auswirft, sondern gleich Anschauliches liefert. 100 Gramm Rindfleisch entsprechen etwa dem CO2-Ausstoß eines Mittelklassewagens auf rund acht Kilometern, der Jahresverzicht aufs tägliche Frühstücksei gar 291 Kilometern. Wer in einem unsanierten Albau wohnt und/oder einmal im Jahr in den Fernflieger steigt, kann sich alle CO2-Feinheiten jedoch gleich sparen.

Der aufgeklärte Klimaschutzbürger erkennt schnell, wie kompliziert die Dinge liegen, wenn es um die individuelle, freiwillige Antwort auf die Klimakrise geht. Die politischen und gesellschaftlichen Fragen sind noch einmal komplexer, doch auf beiden Ebenen ist es wie mit jeder Krankheit: Je länger man wartet, desto unangenehmer die Therapie. Für eine CO2-Radikalentwöhnung stehen die Chancen auch deshalb ungünstig, weil der Mensch seit Erfindung des Faustkeils nur eine Richtung kennt: Schneller, weiter, manchmal auch kalorienreicher und vor allem von allem mehr. Noch vor rund 200 Jahren legte ein Mensch (von 1,1 Milliarden Menschen) durchschnittlich nur 40 Meter pro Tag zurück, heute sind es 40 Kilometer (bei mehr als 7,7 Milliarden Menschen). Die individuelle Mobilität hat sich durch unsere fossilen Siebenmeilenstiefel mal eben vertausendfacht. Doch es muss sich etwas ändern, und wenn die Menschheit nichts verändert, werden die Treibhausgase unser Leben verändern.

Klimawandel wie Autounfall in Zeitlupe

Der Klimawandel erscheint heute wie ein Autounfall in Zeitlupe, der bereits begonnen hat. In der Arktis dringt die wärmere Welt bereits durch jede Ritze menschlicher Existenz. Während die Klimaforscher beobachten, wie sich ihre Prognosen jedes Jahr mehr bestätigen, sind nun andere alarmiert: Umweltpsychologen, Pflanzenzüchter, Soziologen, Artenretter, Demokratieforscher, Mediziner, Stadtplaner. Und Politiker? Sie reagieren, wie die Medien, mehr auf Vorfälle, etwa Wahlergebnisse, als auf Vorgänge.

Es dämmert allmählich, wie groß die Herausforderung sein könnte und dass es weit teurer käme, beim Klimaschutz heute weiter nur an den kleinen Schrauben zu drehen und später horrende Anpassungs- und mancherorts Überlebenskosten zu tragen. Die Großzügigkeit à la Kohlekompromiss wird sich nicht wiederholen; 40 Milliarden zur Kompensation von 20.000 bis 30.000 Arbeitsplätzen waren denn auch mehr ein politischer Preis gegen mögliche AfD-Gespenster. Obwohl ökonomisch seriöse Hochrechnungen aller Art Klimaschutz vor Klimaanpassung favorisieren, reicht der Umsteuerungsehrgeiz nur zu Trippelschritten. Warum ist das so?

Wenn wir alle Bremseinflüsse für den Klimaschutz, etwa Generationen-Egoismen, Wiederwahl-Zwänge und Lobbyistentum, einmal ausblenden, müsste das Tempo des Handelns und die Bereitschaft zu Wohlstands- oder Freiheitsverzichten von Aussicht bestimmt sein, was uns erwartet. Bereits hier klaffen große Verständnislücken. Die Gasmüll-Folgen im Alltag machen uns so richtig noch keine Angst. Aber wie könnten sich Dürre-Sommer oder Extremwetter in einer Zwei-Grad-Welt anfühlen, wenn schon die Kräfte einer Ein-Grad-Welt Existenzen vernichten? Kann man sich das überhaupt vorstellen?

Das Ende 2015 von der Staatengemeinschaft in Paris beschlossene Ziel, die Temperaturerhöhung „auf deutlich unter zwei Grad zu begrenzen“, ist so eine Erzählung, zu der die meisten Klimaforscher zunächst betreten schweigten. Der Nasa-Physiker James Hansen hat das Zwei-Grad-Ziel einmal als „Anleitung für eine lang andauernde Katastrophe“ bezeichnet“ – wohl wissend, dass es sich nur um einen Durchschnittswert handelt. Aktuell bewegen wir uns jedoch auf eine Drei- bis Vier-Grad-Welt zu, weil 30 Jahre Nichtstun uns bessere Optionen genommen haben.

Klimakrise trägt tiefes Rot

Mittlerweile trägt die Klimakrise ein tiefes Rot. Es geht um Kippschalter im Klimasystem, und man darf bezweifeln, dass Vokabeln wie „irreversibel“ oder „exponentiell“ die nötige Dringlichkeit vermitteln. Die Vorstellung, dass ab dem Überschreiten einer Schwelle das Klima in einen (noch) wärmeren Zustand springt, ohne dass der Mensch noch gegensteuern könnte, widerspricht unseren gelernten Ursache-Wirkung-Erfahrungen im Alltag. Die Käfer-Panzer-Geschichte des Australiers Tim Flannery erklärt das Klimarisiko so: Ein VW-Käfer schiebt einen Panzer den Hang hinunter. Erst ist es mühsam, das Monstrum überhaupt zu bewegen, aber wenn es dann rollt, kann der Käfer kaum noch etwas tun, um den Kurs des Panzers zu ändern. Und genau das wollen Klimaforscher verhindern, wobei sie nicht exakt wissen, ob die Kippschalter (Eisschilde, Regenwälder) bei 1,5 oder 1,75 oder 2,1 Grad wie Dominosteine fallen. Mancher glaubt gar, der Mensch habe diese rote Linie schon überschritten.

Was bedeutet also engagierter Klimaschutz, der nicht nur das Gewissen beruhigt? Braucht es die vielbeschworene Ökodiktatur? Oder können wir das Erwünschte auch mit marktwirtschaftsverträglichen Instrumenten (CO2-Zertifikaten und CO2-Steuer) erreichen? Ist der demokratische Einigungsprozess zu langsam, wie gerade die Energiewende lehrt? Darf die Debatte überhaupt ideologisch sein? Liberal, links, rechts, Mitte, grün: Müssten wir diese Wertesysteme nicht konsequent ausschalten, weil die Menschheit der Natur gleichgültig ist und nur physikalisch tickt? Es kommt nur auf eine einzige Zahl (CO2-Weltemission in Gigatonnen) an. Muss Politik in den nächsten Jahren alles dieser Zahl unterordnen? Wer anfängt darüber nachzudenken, merkt schnell, dass eine ehrliche Debatte darüber noch gar nicht begonnen hat. Gleichzeitig drängt die Zeit, was möglicherweise bereits eine beschönigende Formulierung ist.

Unangenehme Fragen am Horizont

Am Horizont lauern unangenehme Fragen, die jedoch nur ohne ideologische Tabus und mit korrigierten Lebenslügen zu beantworteten sind, wenn sie physikalisch wirken sollen. Müssen wir notfalls gar der Atomkraft eine Renaissance als klimaneutrale Brückentechnologie erlauben und zum nächsten risikoreichen Schritt – Geo-Engineering (eine Art planetarische Chirurgie) „Ja“ sagen? Indem alle grün wählen, ist noch nichts erreicht, und es gibt keine Physik, die der politischen Farbenlehre gehorcht. Und wir müssen uns mehr in das Klimasystem „hineindenken“: Es ist träge, aber konsequent; es vergisst keine Emission; es reagiert zeitverzögert. Insofern verlangt das CO2-Dilemma allen Demokratien auch einen gewissen Altruismus ab. Bis mindestens 2050 ist die Erwärmungsdynamik festgelegt. Was wir ab morgen weniger in die Atmosphäre blasen, wirkt erst für spätere Generationen. Kühlen wird das nicht mehr, aber wenn wir es richtig und radikal und unideologisch machen, ersparen wir den Nachkommen das heute Unvorstellbare – eine unerträgliche Heißzeit.

„Fast alles, was wir über die Erderwärmung wissen, war bereits 1979 bekannt“, schreibt Nathaniel Rich in seinem 68-seitigen Essay in der New York Times, das nun als Buch „Losing Earth“ auch in Deutschland erschienen ist. Darin beschreibt Rich, wie nahe die Welt damals war, sich in eine 1,5-Grad-Welt zu retten – und warum sie scheiterte. Rich hat den damaligen Stabschef John Sununu unter US-Präsident George Bush Senior befragt, warum es 1989 keinen verpflichtenden Klimavertrag gab, obwohl die Sterne dazu günstig standen. Sununu: „Weil sich die Staatschefs damals zwar alle den Anschein gaben, als würden sie diese Politik unterstützen, dabei aber keine Zusagen machten, die ihr Land um wesentliche Ressourcen gebracht hätten. Das war damals das kleine schmutzige Geheimnis.“ Die Staaten seien nur daran interessiert gewesen, dass es so aussähe, als würde etwas unternommen. „Seien wir ehrlich“, sagt Sununu, „da stehen wir noch heute.“

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