Kommentar zur Zeitumstellung: Verkrampft

Kommentar zur Zeitumstellung : Verkrampft

Ticken unsere Uhren bald anders? Die Frage nach der Zeit ist eine Frage der Lebenseinstellung, sagt GA-Korrespondent Detlef Drewes.

Es sah alles so einfach aus. Die EU-Kommission schafft die zweimal jährliche Fummelei an den Uhren einfach ab. Die Mitgliedstaaten sagen, ob sie lieber die winterliche Normalzeit behalten oder dauerhaft im Sommerzeit-Alter leben wolle, und schon sind Europas Bürger glücklich. Zumal Brüssel sich auch noch auf eine Online-Befragung der Wähler berufen und somit so etwas wie Bürgernähe kurz vor dem Wahlgang Ende Mai demonstrieren könnte. Doch seither ist niemand mehr so wirklich glücklich mit dem Vorpreschen und schon gar nicht mit dem Beschluss selbst. Denn die Union und ihre Mitgliedstaaten suchen fast schon verzweifelt nach Begründungen, warum sie das, was so lange gefordert worden war, nun auch wollen sollten.

Es wirkt fast verkrampft, wenn man in Brüssel auf die Vereinfachungen für die Verkehrsunternehmen verweist, weil Flüge und Züge, Busse und Schiffe künftig nicht mehr die Uhren umstellen müssen, wenn sie die Grenze überqueren. Aber längst haben sich Airlines und Bahngesellschaften, Logistiker und Lieferanten auf das Miteinander von alter und neuer Zeit eingestellt. Wer ehrlich ist, gibt zu, dass die Frage nach der Zeit eher mit dem Lebensgefühl zusammenhängt. Sommerzeit klingt nach mehr Freizeit in der Dämmerung. Dass sie mit nicht enden wollendem Dunkel im Winter erkauft wird, gehört allerdings auch zur Wahrheit. Welche Folgen dies für das Gemüt hat, sollte man sich ebenso ausmalen.

Und so erscheint die Abschaffung der Uhrenumstellung wie das Abhaken eines zwar lästigen, aber letztlich doch überflüssigen Themas. Es würde nicht überraschen, wenn im Kreis der Mitgliedstaaten am Ende eine Mehrheit für das Festhalten am gegenwärtigen Modell plädieren würde.

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