Kommentar zum deutsch-französischen Verhältnis: Unverzichtbare Achse

Kommentar zum deutsch-französischen Verhältnis : Unverzichtbare Achse

Die Achse Paris-Berlin beschreibt eine starke Verzahnung beider Länder. Doch auch am Tag des Élysée-Vertrags ist der Ruf nach einer "neuen Dynamik" ein wichtiger Schritt, kommentiert GA-Korrespondentin Birgit Holzer.

Es wirkt schon fast gewohnheitsmäßig, wenn deutsche und französische Jugendliche, Studenten und Politiker jedes Jahr am Tag des Élysée-Vertrags eine „neue Dynamik“ für die Beziehungen zwischen beiden Ländern fordern – wie auch an diesem Montag. Gewohnheitsmäßig, aber auch überraschend: Denn die Verzahnung beider Länder auf allen Ebenen ist beispiellos.

Politisch zeigt sich die starke Achse Paris-Berlin an der engen Abstimmung und am Bemühen, auf der europäischen Bühne meist mit einer Stimme zu sprechen. Ob Städtepartnerschaften, Schülerbegegnungen oder grenzüberschreitende Kulturprojekte – die deutsch-französischen Bande auch unter den Bürgern scheinen zu einer Selbstverständlichkeit geworden zu sein. Einerseits.

Andererseits gilt dies für einen bestimmten Kreis, eine Elite. Außerhalb von ihr kennt man den Nachbarn oft erstaunlich wenig. Zu Recht setzt das Deutsch-Französische Jugendwerk auf die Förderung sozial benachteiligter junger Menschen, die sonst kaum eine andere Nation kennen lernen könnten.

Immer weniger Deutsche sprechen Französisch

Doch manchmal scheitert der Erfolg solcher Initiativen an der Kenntnis der Sprache; sie nimmt in beiden Ländern ab. Dass das Interesse der Schüler sinkt, ist bedauerlich, denn beide Nationen und Kulturen sind einander so nah und so unterschiedlich zugleich, dass ihre Kombination stets bereichernd wirkt.

Diese anregende Verschiedenartigkeit trifft auch auf die politische Kultur zu. Seit Charles de Gaulle und Konrad Adenauer am 22. Januar 1963 mit dem Élysée-Vertrag den Willen zur verstärkten Zusammenarbeit besiegelten, besteht und funktioniert diese. Trotz der Misstöne und Konflikte, die es auch gab. Oft kam die Frage auf, wer gerade wen dominiert.

Das aktuelle Duo Angela Merkel und Emmanuel Macron will diese Logik überwinden. Bemerkenswert erscheint, wie sehr beide auf ein harmonisches Auftreten von Partnern setzen, die auf Augenhöhe verhandeln. In keiner großen Rede Macrons fehlt der Hinweis auf Deutschland, nicht zuletzt jener zur Zukunft der EU.

Paris atmet auf

Mit vielen konkreten Vorschlägen unter anderem zu einer weitreichenden Integration der Eurozone hat der französische Präsident vorgelegt. Seitdem wartet er auf Impulse aus Berlin, das mit der langwierigen Koalitionssuche beschäftigt ist. Dass eine wahrscheinliche große Koalition mehr Geld für Europa bereitstellen will und Macrons Ideen aufgeschlossen gegenübersteht, ließ Paris aufatmen.

Wie diese im Detail umgesetzt werden, kann zu neuer Uneinigkeit führen – an deren Ende dürfte aber ein Kompromiss stehen. Diese Konsenssuche erscheint nicht als rein deutsch-französische, sondern als europäische. Dass Europa neue Legitimation und Glaubwürdigkeit bei den Bürgern braucht, steht außer Frage. Daher könnte der Ruf nach „neuer Dynamik“ auf den ersten Blick obsolet erscheinen. Aber er ist berechtigt – immer noch und immer wieder.

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