Kommentar zum Weltklima-Report: Unvertraute Risiken

Kommentar zum Weltklima-Report : Unvertraute Risiken

Der Weltklimarat hat eine Frage gestellt: Will die Weltgemeinschaft mit ihrem Schneckentempo-Klimaschutz das Untergehen der Inselstaaten riskieren?

Klar ist: Mit weniger Autofahren, Fleischkonsum und mehr Hausdämmung ist die große Transformation in ein kohlendioxidfreies Dasein nicht mehr zu schaffen.

Ob die Nachricht des UN-Weltklimarats aus Südkorea die 195 Staaten, die Ende 2015 in Paris das Zwei-Grad-Ziel beschlossen hatten, wirklich überrascht hat? Der Treibhausgas-Zug hat seitdem weitere Warnsignale überfahren und nun, so die Kernaussage des UN-Weltklimarats, braucht es eine Vollbremsung, wenn eine bald Neun-Milliarden-Weltbevölkerung sich noch halbwegs an die Folgen des Klimawandels anpassen können soll. Dazu darf die durchschnittliche Erdtemperatur sich nur um 1,5 Grad Celsius erhöhen, wovon 1,1 Grad schon erreicht sind.

Mit etwas weniger Autofahren, Fleischkonsum und mehr Hausdämmung ist die große Transformation in ein kohlendioxidfreies Dasein jedenfalls nicht mehr zu schaffen. Während die Politik so tut, als würde hier plötzlich ein neues radikales Szenario vom Himmel fallen, wusste die jubelnde Diplomatenschar in Paris schon, dass selbst das Zwei-Grad-Ziel nur mit Kunstgriffen erreichbar sein würde. Doch davon erfuhr die Öffentlichkeit nur in Fachzeitschriften etwas. „Negative Emissionen“ heißt der sperrige Begriff. Motto: Was wir mit Treibhausgas-Einsparungen nicht schaffen, holen wir später aus der Lufthülle wieder heraus. Nur existieren dazu keine Technologien, aber das irritiert niemanden.

Die konkrete Botschaft aus Südkorea ist indes eine Frage: Will die Weltgemeinschaft mit ihrem Schneckentempo-Klimaschutz das Untergehen der Inselstaaten riskieren? Oder will sie die bis zu zwei Millionen Menschen dort doch noch vor der Klimavertreibung bewahren? Denn das 1,5-Grad-Ziel kam nur deshalb in einen Nebensatz des Paris-Protokolls, weil die Pazifikatolle sonst die Unterschrift verweigert hätten. Deshalb auch der jüngste 1,5-Grad-Prüfauftrag an den UN-Weltklimarat. Das Ergebnis provoziert geradezu einen Schwur: Lassen wir sie untergehen oder nicht?

Die aktuellen Daten und Diagramme über die wahrscheinliche Klimazukunft treffen auf eine Öffentlichkeit und in Teilen auch auf Politiker, denen der Unterschied zwischen 1,5 und 2,0 Grad harmlos erscheint, weil der Mensch in vertrauten linearen Ursache-Wirkungs-Beziehungen denkt. Nur beim eigenen Fieber weiß er, dass ab 40 Grad plötzlich jedes zehntel Grad zählt – und über Leben und Tod entscheiden kann. Kaum anders verhält es sich beim Erdklima, von Kipp-Punkten sprechen die „Erdklimamediziner“. Ab einer unbestimmten Schwelle ist der Totalkollaps der gigantischen Eismasse Grönlands nicht mehr zu verhindern, und das Messen und Beobachten aus dem All via Satellit legen nahe, dass dieser Zeitpunkt sehr wahrscheinlich vor der Zwei-Grad-Schwelle liegt.

Ja, es war – trotz der Trockenheit – ein schöner Sommer, und 25 Grad im Oktober finden Menschen auch wohltuend. Aber leider taugt die Wetter-Konsumentenbrille nicht, um ein Gespür dafür zu entwickeln, welche Hitzefalle da auf uns zuschleicht.

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