Abubakr al-Baghdadi ist tot: Tod des Dschihadisten-Chefs wird den IS nicht aufhalten

Abubakr al-Baghdadi ist tot : Tod des Dschihadisten-Chefs wird den IS nicht aufhalten

Abubakr al-Baghdadi, der Chef des Islamischen Staates, ist in der Nacht zum Sonntag gestorben. Baghdadis Tod wird die Globalisierung des IS aber nicht aufhalten. Der Dschihadisten-Chef bestimmte vor Monaten einen Nachfolger.

Wenn man Donald Trump glauben kann, dann starb der gefährlichste Dschihadist der Welt „wie ein Hund“. Abubakr al-Baghdadi, der Chef des Islamischen Staates, wurde in der Nacht zum Sonntag von US-Elitesoldaten im Nordwesten Syriens in einen Tunnel getrieben. „Wimmernd, heulend und schreiend“ und außer sich vor Angst habe Baghdadi seine letzten Minuten verbracht, sagte Trump am Sonntag in Washington. Der IS-Chef zerrte demnach drei seiner Kinder mit in den Tunnel und zündete eine Selbstmordweste.

Trump beschrieb das Ende des Dschihadisten im Detail, weil er hofft, dass sich potenzielle Anhänger der Extremisten von dem IS-Chef abwenden, der noch vor wenigen Jahren große Teile von Syrien und Irak beherrschte. Baghdadi sei ein Feigling gewesen, sagte Trump. Doch die Rechnung des US-Präsidenten geht möglicherweise nicht auf. Die USA haben den IS mit Baghdadis Tod zwar enthauptet, aber nicht besiegt. Die Extremisten arbeiten bereits seit längerem an einer globalen Terror-Strategie.

Zwei Wochen lang hätten die US-Geheimdienste den IS-Chef im Visier gehabt, sagte Trump. Als der 48-jährige Baghdadi schließlich mit seiner Familie in einem Anwesen nahe des Dorfes Barisha in der syrischen Provinz Idlib wenige Kilometer von der türkischen Grenze entfernt ankam, fiel die Entscheidung, ihn dort zu stellen. Insgesamt acht amerikanische Hubschrauber brachten die Elitetruppen nach Baschir. Wo sie gestartet waren, wollte Trump nicht sagen.

Die US-Soldaten sprengten Löcher in die Wand von Baghdadis Haus und töteten mehrere Mitglieder seiner Leibwache sowie mindestens zwei Frauen. Elf Kinder wurden unversehrt in Sicherheit gebracht. Baghdadi selbst flüchtete laut Trump mit drei Kindern in den Tunnel – eine Sackgasse. Als er sich und die Kinder in die Luft sprengte, stürzte der Tunnel ein. Eine schnelle DNA-Analyse der zerfetzten Leiche ergab, dass es sich bei dem Toten tatsächlich um den 48-jährigen Baghdadi handelte.

Trump sagte, Baghdadi sei nach Idlib gekommen, um nach der militärischen Niederlage des IS im Frühjahr die Dschihadisten-Gruppe neu aufzubauen. Baghdadis könnte aber auch in der Gegend gewesen sein, um mit seiner Familie in die Türkei zu fliehen. Sehr willkommen war Baghdadi in Idlib sicher nicht: Die Provinz wird als letzte Rebellenhochburg in Syrien von der islamistischen Miliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS) beherrscht, einem Erzfeind des IS. Baghdadis Tod ist der zweite spektakuläre Schlag gegen den internationalen Dschihadismus in jüngster Zeit. Auch der Sohn des ehemaligen Al-Kaida-Anführers Ossama bin Laden, Hamza bin Laden, soll irgendwann zwischen 2017 und Anfang dieses Jahres bei einer US-Militäraktion getötet worden sein.

Baghdadi wusste, dass seine Zeit ablief. Schon Monate vor seinem Tod hatte er einen Nachfolger bestimmt; in seiner letzten Video-Botschaft vom Frühjahr wirkte Baghdadi stark gealtert und entweder krank oder verwundet. Abdullah Qardash, ein früherer irakischer Offizier unter Diktator Saddam Hussein, wurde im Sommer zum künftigen IS-Chef gekürt. Baghdadi, der wie sein designierter Nachfolger aus dem Irak kam, und Qardash hatten sich im Jahr 2003 in amerikanischer Haft im Irak kennengelernt. Trump sagte, die USA seien nun auf der Jagd nach Baghdadis Nachfolgern.

Auch ohne Baghdadi an der Spitze werde die Ideologie des IS fortleben, betonte der Sicherheitsexperte H.A. Hellyer vom britischen Royal United Services Institute. Die Bedeutung von Baghdadis Tod dürfe nicht überbewertet werden, schrieb Hellyer auf Twitter. „Die Gruppe wird sich verändern – sie wird nicht verschwinden“, schrieb er über den IS. Die Terrormiliz ist längst dabei, sich von ihrem geographischen „Kalifat“, das im Frühjahr endgültig besiegt wurde, zu lösen und auf Anhänger in aller Welt zu setzen. Im Zuge einer Neuordnung der IS-Gebiete wurde die Bedeutung der Kerngebiete Syrien und Irak für die Terrormiliz abgestuft, während „Provinzen“ in Afrika und Asien aufgewertet wurden, wie die Terrorexperten Charlie Winter und Aymenn al-Tamimi im US-Magazin „The Atlantic“ schrieben. Sie interpretierten deshalb die Oster-Anschläge von IS-Anhängern in Sri Lanka, bei denen im April fast 260 Menschen starben, als „Test“ für die neue IS-Strategie. Zwar gibt es in der IS-Führung auch Spannungen, etwa zwischen irakischen Ex-Offizieren wie Qardash und anderen Gruppen wie Extremisten aus Zentralasien. Zudem können IS-Gruppen im Irak, Syrien, Jemen, Libyen und anderen Ländern nur schwer miteinander kommunizieren.

Doch der IS setzt auf den Fortbestand der Gruppe in vielen Teilen der Welt. Im Sommer veröffentlichte die Terrormiliz eine Serie von Videos, in denen Kämpfer aus Nordafrika, den Philippinen, der Türkei, dem Kaukasus und Afghanistan ihre Gefolgschaft zu Baghdadi bekunden. Nach Berichten britischer Medien fanden sich auf einer Computer-Festplatte, die bei getöteten IS-Kämpfern in Syrien gefunden wurden, auch Pläne für neue Anschläge in Europa. Auch Qardash wird sich auf die Loyalität von IS-Anhängern verlassen können.