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Saudischer Kronprinz soll Handy von Amazon-Chef Bezos angezapft haben

Amazon-Chef Jeff Bezos : Datenklau per Videoclip

Der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman soll das Handy von Amazon-Chef Jeff Bezos angezapft haben. Kritiker behaupten: Der Thronfolger wollte belastendes Material über den Milliardär beschaffen.

Als der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman im Frühjahr 2018 bei einem Besuch in den USA hochrangige Politiker und die wichtigsten Bosse der amerikanischen Wirtschaft traf, zählte auch Amazon-Chef Jeff Bezos zu seinen Gesprächspartnern. In Los Angeles setzte sich der Thronfolger beim Abendessen mit Bezos zusammen, dem reichsten Mann der Welt und Besitzer der „Washington Post“. Die beiden plauderten und tauschten Handy-Nummern aus. Einen Tag darauf erhielt Bezos auf seinem Telefon ein Video vom Prinzen. Der Film hatte es im wahrsten Sinne des Wortes in sich.

Wie am Mittwoch bekannt wurde, installierte der Clip damals wohl auf Bezos‘ Handy unbemerkt ein Spezial-Programm, das in den folgenden Monaten große Mengen Daten abschöpfte, darunter Aufzeichnungen intimer Unterhaltungen des Unternehmers mit seiner Geliebten. Kritiker werfen dem Kronprinzen vor, er habe mit dem Hacker-Angriff belastendes Material über Bezos beschaffen wollen, um den Milliardär zu einer positiveren Berichterstattung der „Post“ über Saudi-Arabien zu bewegen. Saudi-Arabien weist den Vorwurf zurück. Doch Experten der Uno fordern eine genaue Untersuchung des Falles.

Die neuen Enthüllungen, von denen die britische Zeitung „Guardian“ am Mittwoch zuerst berichtete, sind ein schwerer Rückschlag bei den Bemühungen der saudischen Regierung, das Image des Königreichs nach dem Mord an dem Dissidenten und „Washington-Post“-Journalisten Jamal Khashoggi im Herbst 2018 wieder zu verbessern und westliche Investoren ins Land zu holen. Wie beim Khashoggi-Mord, der vom Kronprinzen Mohammed angeordnet worden sein soll, steht der Thronfolger wieder als grausamer Herrscher am Pranger, der seine Interessen rücksichtslos verfolgt.

Der „Guardian“ zitierte den Nahost-Experten und früheren amerikanischen Präsidentenberater Andrew Miller mit den Worten, der Prinz habe vermutlich angenommen, die „Washington Post“ in ihrer Berichterstattung über Saudi-Arabien mit dem erbeuteten Material über Bezos beeinflussen zu können. Iyad e-Baghdadi, ein in Norwegen lebender Kritiker des Prinzen, schrieb am Mittwoch auf Twitter, ein halbes Jahr nach dem Datenklau bei Bezos habe sich Mohammed bin Salman, genannt MBS, dank des beschafften Materials sicher genug gefühlt, um Khashoggi in Istanbul ermorden zu lassen. Auch Baghdadi steht nach Erkenntnissen der norwegischen Sicherheitsbehörden im Visier der Saudis und wird von der Polizei geschützt.

Bezos bemerkte den Hackerangriff im Januar vergangenen Jahres, wenige Monate nach dem Mord an Khashoggi: Das amerikanische Revolverblatt „National Enquirer“ veröffentlichte private Mitteilungen des damals noch verheirateten Bezos mit seiner Geliebten Lauren Sanchez. Bezos‘ Sicherheitschef Gavin de Becker kam bei seinen Nachforschungen über die Quelle der „Enquirer“-Geschichte zu dem Schluss, dass Saudi-Arabien dahintersteckte: Wie erst jetzt bekannt wurde, fand Becker das Video von MBS. Demnach spielte Riad das belastende Material dem amerikanischen Boulevardblatt zu.

Informationen für USA unangenehm

Uno-Vertreter, die sich Beckers Ermittlungen angeschaut haben, sind nach Beratung mit externen Fachleuten zu denselben Schlüssen gekommen. Die Experten der Weltorganisation arbeiten unter anderem für Agnes Callemard, die UN-Beauftragte zur Untersuchung von außergerichtlichen Hinrichtungen, die auch den Fall Khashoggi betreut. Die Uno-Vertreter fordern weitere Untersuchungen in Saudi-Arabien und den USA.

Für die US-Regierung sind die neuen Informationen über den mutmaßlichen Hackerangriff auf Bezos unangenehm. MBS-Kritiker Baghdadi schrieb, der saudische Kronprinz habe den Angriff auf das Handy des Amazon-Chefs mit einer israelischen Software geführt. Den Zugang zu dem Programm bekam der Prinz demnach durch Vermittlung von Jared Kushner, Präsident Donald Trumps Schwiegersohn. Trump ist wie MBS für seine Abneigung gegen die „Washington Post“ bekannt.

„Absurd“ seien die Vorwürfe, erklärte die saudische Botschaft in Washington am Mittwoch. Mit ähnlichen Worten hatten die saudischen Behörden im Herbst 2018 auch Meldungen über den Mord an Khashoggi abgetan – nur um wenig später zugeben zu müssen, dass ein Mordkommando aus Riad den Journalisten im saudischen Konsulat in Istanbul getötet hatte.