Mord in Berlin: Hauptverdacht fällt auf Tschetschenenführer Kadyrow

Tiergarten-Mord : Spur führt nach Mord in Berlin zu Tschetschenenchef

Beim Tiergarten-Mord fällt der Hauptverdacht auf Tschetschenenchef Ramsan Kadyrow. Aber auch in Moskau ist man nicht wirklich entsetzt über die Tat.

Der Killer fuhr gern Fahrrad. Er kam auf einem E-Bike, um den früheren tschetschenischen Feldkommandeur Selimchan Changoschwili im Berliner Tiergarten zu erschießen, und floh nach der Tat auch darauf. Schon 2013 hatte sich Vadim Krasikow, alias Vadim Sokolow, auf einem Fahrrad bewegt, um in Moskau einen nordkaukasischen Geschäftsmann zu erschießen. Die deutsche Bundestaatsanwaltschaft glaubt, der Fahrradfahrer habe in Berlin im Interesse der Behörden Russlands oder seiner Teilrepublik Tschetschenien gemordet, Berlin wies deshalb zwei Mitarbeiter der russischen Botschaft aus.

Russlands Offizielle dementieren jede Beteiligung ihres Staates. So wie sie es seit Jahrzehnten bei vergleichbaren Mordtaten in Westeuropa tun. 2006 wurde der Kremlkritiker Alexander Litwinenko mit hochradioaktivem Polonium vergiftet. Der Richter Sir Robert Owen stellte nach einer Untersuchung fest, der russische Staatssicherheitsdienst FSB habe Litwinenko ermordet, wahrscheinlich mit der Billigung Wladimir Putins. Einer der Tatverdächtigen, der Ex-KGB-Beamte Andrei Lugowoi, wurde 2007 in die Staatsduma gewählt, Putin verlieh ihm einen Orden. Vergangenen März überlebten der frühere russische Doppelagent Sergei Skripal und seine Tochter im englischen Salisbury einen Mordanschlag mit einem russischen Nervenkampfstoff nur knapp. Zwei russische Handlungsreisende, die am Tag des Verbrechens an Skripals Wohnort unterwegs waren, wurden später als Agenten des russischen Militärgeheimdienstes GRU enttarnt, beide sind in Russland abgetaucht.

Der Tiergartenmord erinnert allerdings mehr an den Tod des tschetschenischen Flüchtlings Umar Israilow. Ihn erschossen Landsleute 2009 in Wien auf offener Straße. Wie der Killer in Berlin wurden damals auch in Wien sieben Tatverdächtige festgenommen. Aber ihre Hintermänner sind bis heute noch völlig unbekannt.

Und wieder stellt sich die Frage, ob einer der russischen Geheimdienste, etwa GRU oder FSB, den Killer Krasikow ausgesandt haben. Oder ob es nicht Ramsan Kadyrow gewesen ist, das Oberhaupt der Tschetschenenrepublik. Kadyrow gilt als gewalttätig, Menschenrechtler halten ihn für den Auftraggeber des Attentats auf seinen Exleibwächter Israilow, aber auch für zahlreiche Morde in Moskau, unter anderem die Erschießung des Oppositionspolitikers Boris Nemzow 2015. Nach Angaben deutscher Ermittler reiste Vadim Krasikow Ende Juli 2019 mit einem echten Reisepass auf den Namen Sokolow aus. Laut dem britischen Rechercheportal Bellingcat fehlen alle Angaben zu diesem Pass in der zentralen Datenbank der russischen Einwohnermeldebehörden. Das gilt auch für eine Datenbank, mit denen die russische Polizei die Reisetätigkeiten ihrer Bürger festhält. Bellingcat vermutet, die Behörden hätten diese Angaben nach Krasikows Festnahme in Berlin gelöscht, um seine Spuren zu verwischen. Hätten sie vor seiner Ausreise gefehlt, wäre Krasikow schon bei der Grenzkontrolle aufgeflogen.

Der Moskauer Menschenrechtler Sergei Dawidis schließt nicht aus, dass Beamte des FSBs oder im Einwohnermeldeamt Krasikow geholfen haben. „Aber das war kaum Korruption, das Opfer war ja kein Geschäftsmann, sondern ein alter Feind Kadyrows“, sagt Dawidis unserer Zeitung. „Wahrscheinlicher ist, dass Moskauer Sicherheitsorgane einen Wunsch Kadyrows erfüllt haben.“

Ohne die Hilfe verschiedener russischer Behörden wäre der Killer zur Tatzeit jedenfalls kaum auf seinem E-Bike im Tiergarten unterwegs gewesen. Und wie in den Fällen Litwinenko oder Skripal mischt sich eine Spur Genugtuung in die Moskauer Unschuldsbeteuerungen. Gestern zitierte die Staatsagentur Interfax zwei anonyme Sicherheitsbeamte, die das Berliner Mordopfer Changoschwili als Terroristen bezeichneten: Er habe im Nordkaukasus Anschläge im Auftrag terroristischer Gruppen aus dem Nahen Osten organisiert.

Das erinnert an Wladimir Putin, der Skripal nach dem Giftstoffanschlag als „Vaterlandsverräter und Abschaum“ beschimpfte – als beanspruche außer Kadyrow auch der Kreml inzwischen das Recht auf staatliche Blutrache im westlichen Ausland. Menschenrechtler Dawidis meint, Deutschland solle nun von Russland Kooperation bei der Aufklärung verlangen. „So kann die russische Seite ihre Unschuld doch beweisen.“ Falls Moskau aber keine Beweise liefere, wären Sanktionen die logische Folge.