Muslimisches Gebet: In Paris hat erstmals eine Imamin gepredigt

Muslimisches Gebet : In Paris hat erstmals eine Imamin gepredigt

In Frankreich hat erstmals eine Imamin das muslimische Gebet geleitet. Damit verbunden ist die ebenso kontroverse Neuerung "gemischter" Moscheen. Offizielle Islamvertreter in Paris lehnen die Demarche ab.

Der Ort blieb aus Sicherheitsgründen geheim. 70 Muslime versammelten sich am Samstag irgendwo in Paris zum Gebet, das wie üblich mit dem auf Arabisch deklamierten Satz „Allah ist groß“ begann. Und doch war alles anders. Das Publikum bestand aus Männern und vielen Frauen; die predigende Stimme war weiblich. Erstmals in Frankreich - wo die größte moslemische Gemeinschaft Europas lebt - wurde das öffentliche islamische Gebet von einer Frau gehalten. Sie heißt Eva Janadin (30) und wurde bei diesem für Frankreich geradezu bahnbrechenden Gottesdienst sekundiert von einer anderen Französin namens Anne-Sophie Monsinay. Die beiden Frauen waren vor gut zehn Jahren getrennt zum Islam übergetreten, weil sie den Koran als „Weiterführung der Bibel“ betrachten, wie Janadin sagt.

Noch etwas war anders: „Aus logistischen Gründen“, wie es hieß, fand das Freitagsgebet erst am Samstag statt. Am Vortag waren die Moscheen offenbar anderweitig - eben durch männliche Imams - belegt gewesen. Das spricht Bände über die Schwierigkeit des Unterfangens. Die beiden Imaminnen werden von einem Verein namens „Stimme des aufgeklärten Islam“ unterstützt. Seine 200 Mitglieder sind aber bis anhin eine verschwindend kleine Minderheit. Sie werden im besten Fall nicht beachtet und oft über das Internet bedroht.

Prophet und Koran schließlich Predigerinnen nicht aus

Trotzdem lassen sie sich nicht beirren. Sie berufen sich auf den Umstand, dass der Prophet oder der Koran weibliche Predigerinnen nie ausgeschlossen hatte. Im Gegenteil hatte Mohammed mit Umm Waraqa auch einmal eine Frau zur Gebetsleitung bestimmt. Der Koran sagt nicht, ob dies nur vor Frauen oder vor einem gemischten Publikum geschah. Der Passus wird deshalb von Islamexperten bis heute unterschiedlich interpretiert. In einigen westlichen Ländern gibt es bereits Imaminnen, so etwa in den USA, Dänemark oder Deutschland, von wo die Berlinerin Seyran Ateş zum „Samstagsgebet“ nach Paris angereist kam.

Im laizistischen und emanzipatorischen Frankreich, wo die Würdenträger, Moscheerektoren und Imame meist aus den maghrebinischen Staaten stammen und auf ein sehr traditionelles Publikum zählen, war die überaus brisante Frage weiblicher Predigerinnen bisher nie ein öffentliches Thema. Entsprechend ablehnend äußern sich nun auch die offiziellen Wortführer in der Großen Moschee von Paris. Dasselbe tun die Vertreter des moslemischen Kultusrates in Frankreich (CFCM), der von Ex-Präsident Nicolas Sarkozy geschaffen worden war und sonst gerne vermittelnde Positionen einnimmt. Ihr Generaldelegierter Abdallah Zekri sprach sich am Samstag gegen Imaminnen und das gemischte Gebet in den Moscheen aus. Ersteres begründete er gar nicht erst; und die „mixité“ (Durchmischung) lehnt er mit einem schlagenden Argument ab: „Wenn Sie in der Moschee eine Frau vor sich haben und dazu auch ihren Hintern während des Gebetes auf den Knien, ist das nicht unbedingt sehr ästhetisch, um es mal so sagen. Die Religionen sind mehrere Jahrhunderte alt und lassen sich nicht von einem Tag auf den anderen modifizieren.“

Islamverein ruft zum gemischten Gebet

Dessen ungeachtet will der aufgeklärte Islamverein nun einmal im Monat zum gemischten und weiblich geleiteten Gebet rufen. Der Name der Moschee soll in Anlehnung an den im Sufismus vorkommenden Vogel „Simorgh“ lauten und ein traditionelles Rituell bieten, wie Eva Janadin erklärte; sein Standort ist aber noch nicht bekannt. Weitgehend von Konvertiten getragen, dürfte seine Ausstrahlung begrenzt sein.

Mehr zu reden gibt derzeit der Versuch der Islamologin Kahina Bahloul, in Paris eine geschlechtsmässig gleichberechtigte Moschee ohne Kopftuchzwang aufzuziehen. Die 40-jährige Franko-Algerierin hat im Frühling selbst die Ausbildung zur Imamin abgeschlossen und strebt ein gemischtes Publikum an, wobei Frauen und Männer nebeneinander beten sollen, allerdings durch einen Mittelgang in zwei Lager getrennt wären. Diese Lösung stellt einen Kompromiss dar und ist gar nicht so weit entfernt von der Praxis in schwarzafrikanischen Ländern wie Mali, wo die Musliminnen oft im gleichen Raum wie die Männer, aber hinter ihnen beten. „Es geht nicht länger an, dass Frauen in die zweite Position oder gar ins Untergeschoss oder in Garagen abgeschoben werden“, erklärt Kahina Bahloul, die für ihr zwei Millionen Euro teures Vorhaben ein Crowdfundingprojekt gestartet hat. Fürs erste hat sie aber vor allem Beschimpfungen und Todesdrohungen erhalten.

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