Kommentar zu den Vorwürfen gegen Papst Franziskus: Im Zwielicht

Kommentar zu den Vorwürfen gegen Papst Franziskus : Im Zwielicht

Der aktuelle Missbrauchs-Skandal in der katholischen Kirche bringt Papst Franziskus in die Bredouille. Ein Kommentar von Raimund Neuß.

Ein Hoffnungsträger droht zu scheitern. Papst Franziskus gerät im Skandal um sexuellen Missbrauch von Kindern durch Geistliche immer stärker unter Druck. Wen schützt er eigentlich, die Opfer oder die Täter?

Diese Frage drängt sich auf – auch unabhängig von der Rücktrittsforderung des früheren Vatikan-Diplomaten Carlo Maria Viganò. Dessen Schreiben ist mit Vorsicht zu genießen. Wieso etwa konnte der ehemalige Kardinal Theodore McCarrick an der Vorbereitung der letzten Papstwahl teilnehmen, wenn er doch angeblich zurückgezogen in Gebet und Buße leben musste?

Bezeichnenderweise kommen in Viganòs Papier Kinder nur einmal vor – bei der Nennung einer Kommission –, Minderjährige fünfmal und Homosexuelle 17mal. Daher weht der Wind: Homosexualität ist für Viganò wie für viele Ewiggestrige das eigentliche Problem, Kindesmissbrauch allenfalls dessen Folge. Schlimmer kann man dieses Verbrechen kaum verharmlosen.

Nein, es sind andere Vorgänge, die das Verhalten des Papstes ins Zwielicht rücken: die Rückendeckung, die er belasteten Bischöfen in Chile lange gab und US-Kollegen immer noch gibt. Sein Abwarten im Fall des wegen Missbrauchs angeklagten Kardinals George Pell. Das Gefasel über kulturelle Unterschiede, die ein Tribunal für Bischöfe ausschlössen.

Fünf gerade sein lassen und nicht immer in die Ortskirchen reinregieren: Das ist oft gut und richtig – aber nicht, wenn es um die Aufklärung schwerster Delikte geht. Franziskus muss tun, was Franziskus nicht mag: durchgreifen. Man kann nur hoffen, dass es nicht zu spät ist.

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