US-Präsidentenwahl: Flynns Visionen

US-Präsidentenwahl : Flynns Visionen

Merkels langjähriger außenpolitischer Berater Christoph Heusgen wagt einen Besuch beim Trump-Team. Er soll die Lücken füllen, die im Berliner Bild der künftigen US-Regierung noch offen sind.

Auf der Suche nach den Grundkoordinaten der künftigen amerikanischen Außenpolitik rüstet Bundeskanzlerin Angela Merkel eine Ein-Mann-Expedition aus. Christoph Heusgen, langjähriger außenpolitischer Berater der Regierungschefin und bald Deutschlands UN-Botschafter, kommt ab diesem Montag in New York mit Vertretern des Teams des designierten Präsidenten Donald Trump zusammen.

Ziel ist es, die Lücken zu füllen, die im Berliner Bild von der künftigen Administration in Washington herrschen. „Wir wissen nicht, wohin die Reise geht,“ sagte ein Diplomat in Washington. Eine Person auf Heusgens Liste fällt dabei sofort auf: Michael Flynn, der künftige nationale Sicherheitsberater und damit demnächst der zentrale Ansprechpartner des Präsidenten in allen globalen Konfliktfragen.

Leider, finden in Washingtoner Sicherheitskreisen nicht wenige. „Der Mann bringt mich wirklich um den Schlaf“, sagte bei einer Diskussionsrunde in der Deutschen Botschaft der renommierte Buchautor und „New Yorker“-Redakteur George Packer. Flynn, ehemaliger Drei-Sterne-Generalleutnant, war Chef des Militärgeheimdienstes DIA. Präsident Obama setzte dem 57-Jährigen, der als aufbrausend, eitel („der Boss hat immer Recht“) und führungsschwach gilt, 2014 den Stuhl vor die Tür.

Verstärker von Verschwörungstheorien

In Washington hat sich der Rechtskonservative als Verstärker von Verschwörungstheorien einen zweifelhaften Ruf erworben. Sein Urteilsvermögen wird als „volatil“ beschrieben. Als die absurde Falschmeldung aufkam, dass die demokratische Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton an einem Pädophilen-Ring beteiligt sei, war es Flynn, der auf Twitter schrieb: „Entscheiden Sie – New York Police Department enthüllt neue Hillary E-Mails: Geldwäsche, Sexverbrechen mit Kindern, etc. Muss man gelesen haben!“

Tatsache war, die Polizei in New York hatte so etwas nie getan. Als ein 28-Jähriger in dem Washingtoner Restaurant, in dem angeblich Kinder zwecks sexueller Ausbeutung im Keller festgehalten würden, vor einigen Tagen mit einer Waffe auftauchte und schoss, schrieb Flynns Sohn, inzwischen aus dem Trump-Team entlassen: „Bis Pizzagate als unwahr bewiesen ist, bleibt es eine Nachricht.“

Michael Flynn fiel auch negativ auf, als er in einem Buch den Islam als größte Gefahr für Amerika brandmarkte. „Ich betrachte den Islam nicht als Religion, ich betrachte ihn als politische Ideologie“, schrieb Flynn, „Angst vor Muslimen ist rational.“ Der einst in Afghanistan und im Irak mit der Feindaufklärung betraute Soldat löste damit selbst in Republikaner-Kreisen Stirnrunzeln aus.

Nähe zu Russland

Zu Flynns Behauptungen gehört auch, dass Radikal-Islamisten über die Grenze zu Mexiko in die USA eingeschleust würden, um im Schutz der Religions- und Meinungsfreiheit die Grundordnung zu zersetzen. Dazu will Flynn an der Grenze Hinweisschilder gesehen haben. In arabischer Sprache. Die Grenzbehörde weiß davon nichts.

Angreifbar hat sich der öffentlich verkniffen und selbstironiefrei auftretende Militär zudem durch seine Nähe zu Russland gemacht. Auf dem vom Kreml finanzierten Propagandakanal RT war er mehrfach Interview-Partner. Bei einem Bankett in Moskau platzierte man ihn 2015 neben Präsident Wladimir Putin. Flynn bestärkt Trump in der Meinung, dass Amerika stärker mit Russland kooperieren müsse. Von Deutschland war in Flynns Redebeiträgen zuletzt nie die Rede. Christoph Heusgen wird spüren, ob das so bleibt.

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