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Monarchie im 21. Jahrhundert: Ein Herrscher ohne Pomp und Protokoll

Monarchie im 21. Jahrhundert : Ein Herrscher ohne Pomp und Protokoll

Heute Kloschüsselweitwurf, und morgen ein König. Der Mann, der seinen Spitznamen der Vorliebe für untergäriges Bier zu verdanken hat, regiert heute die Niederlande.

Nach 123 Jahren der weiblichen Regentschaft übernahm im April 2013 mit Willem-Alexander erstmals wieder ein Mann den Thron im Königreich, das heute 200 Jahre alt wird. Gefeiert wird wegen der Unabhängigkeit von den Franzosen im Jahr 1813 bereits seit zwei Jahren und noch bis Ende 2015.

Doch der König wird ja ohnehin jedes Jahr gefeiert: am Königstag, Willem-Alexanders Geburtstag am 27. April, der vor 2013 Königinnentag hieß und am 30. April begangen wurde. Gleichwohl: Ans Königreich erinnern inmitten des Partytrubels und der Flohmärkte, die überall die Straßen säumen, nur orangefarbene Plastikkrönchen auf den Köpfen der Feiernden und die vereinzelten Protestler, die mit Schildern, auf denen "Ik ben geen onderdaan" ("Ich bin kein Untertan") steht, ihre Ablehnung der Monarchie kundtun. Bei den offiziellen Feierlichkeiten geht es nach Angaben des zuständigen Nationalen Komitees nun vor allem darum, die Stabilität des modernen Rechtsstaats, die Internationalität, aktive Bürgerrechte und -pflichten, Einheit in Verschiedenheit und das höchste niederländische Gut, die Freiheit, zu feiern.

[kein Linktext vorhanden]Der 48-jährige Willem-Alexander ist der siebte König der Niederlande - denn staatsrechtlich waren auch seine drei Vorgängerinnen Beatrix, Juliana und Wilhelmina Könige, nur eben weibliche. Deshalb darf Willem-Alexanders Frau Máxima auch den, wenngleich rechtlich bedeutungslosen, Titel "Königin" tragen, während etwa Beatrix? Mann "nur" Prinz Claus war.

In einem großen Interview nur zwei Wochen vor der Krönung erklärte Willem-Alexander (in seinen etwas wilderen Jugendjahren gern auch "Prins Pilsje" genannt), dass es ihm persönlich herzlich egal sei, wie er als künftiger König von den Menschen angesprochen werde: "Ich bin kein Protokoll-Fetischist." Das unterscheidet ihn deutlich von seiner Mutter Beatrix, die zuvor 33 Jahre lang regiert und stets gebührenden Abstand zum Volke gewahrt hatte.

[kein Linktext vorhanden] Mutter und Sohn einte jedoch anderes: zum Beispiel die heftige Kritik, die seitens eben jenes Volkes auf beide einprasselte, als ihre Lebenspartner bekannt wurden. 1965 machten Paparazzo-Fotos von Beatrix mit dem deutschen Diplomaten Claus van Amsberg Furore - ein Deutscher, der auch noch für die verhassten Besatzer im Krieg gewesen war? Unmöglich! Es wurden gar Unterschriften gegen die Hochzeit gesammelt - der im niederländischen Parlament eine Mehrheit zustimmen muss.

Die Entscheidung für Claus fiel, nachdem ein Historiker dessen Vergangenheit gründlich unter die Lupe genommen und schließlich für unbelastet erklärt hatte - und der Prinz wurde bald zu einem der beliebtesten Mitglieder des Königshauses, wenngleich ihm auch im hohen Alter noch ein harter deutscher Dialekt anzuhören war.

[kein Linktext vorhanden]Noch beliebter ist nur die heutige Königin Máxima - und das, obwohl die Niederländer ihr einst ebenso ablehnend gegenüberstanden, weil ihr Vater Jorge Zorreguieta Minister der argentinischen Militärregierung gewesen war, die für das Verschwinden Zehntausender Regimegegner verantwortlich gemacht wurde.

Wieder entsandte die Regierung einen Historiker, doch ausschlaggebend war diesmal das Paar selbst: Willem-Alexander erklärte, für Máxima auch auf den Thron zu verzichten - das wäre die Konsequenz aus einer Ablehnung des Parlaments. Und Máxima verzauberte die Niederländer mit ihrem Charme, als sie bei einer Pressekonferenz über den ungeschickten Versuch ihres Zukünftigen, ihren Vater zu verteidigen, schlicht sagte: "Hij was een beetje dom - er war ein bisschen blöd." Schnell hatte sie das Volk auf ihrer Seite.

Heute ist der König zwar Staatsoberhaupt und damit Teil der Regierung, hat aber vor allem repräsentative Aufgaben. Er unternimmt Staatsbesuche, unterzeichnet Verträge und Gesetze, ernennt Minister und Bürgermeister. Bis 2012 war er auch für die Zusammenstellung des Kabinetts nach der Wahl zuständig. Dies wurde jedoch als undemokratisch kritisiert und schließlich abgeschafft. Die seit nun 200 Jahren währende Demokratisierung der Monarchie wird im Rahmen des Jubiläums explizit gefeiert.

Kleines ABC der Niederlande - Von Klischees bis KuriositätenBis dahin war es ein weiter Weg. Mit der Niederlage Napoleons endete 1813 die französische Herrschaft, und das Haus Oranien kehrte aus dem englischen Exil zurück in die Niederlande. Wilhelm Frederik von Oranien-Nassau wurde mit der Bildung einer Übergangsregierung beauftragt und am 16. März 1815 zum König ernannt. Zunächst gehörte auch Belgien zum Königreich, spaltete sich jedoch 1831 ab. Willems Versuch, es zurückzuerobern, scheiterte, und er musste eine erste Verfassungsänderung, die seine Macht beschränkte, hinnehmen. 1840 dankte er zu Gunsten seines Sohnes Willem II. ab.

In dessen Amtszeit fielen die Revolutionen 1848/1849 und die Verfassungsrevision durch den Liberalen Johan Rudolph Thorbecke: Nun hatten nur noch die Minister die Verantwortung für die Regierung, und die Zweite Kammer, das Parlament, wurde direkt gewählt. Die parlamentarische Monarchie der Niederlande war geboren.

[kein Linktext vorhanden]Nachfolger Willem III. hatte mit Politik wenig am Hut. Seine Tochter Wilhelmina wurde in den ersten acht Jahren ihrer Regentschaft von ihrer Mutter Emma vertreten. Wilhelmina, die während des Zweiten Weltkriegs im Exil in London weilte, trat 1948 ab und übergab den Thron an Tochter Juliana. Diese war um Nähe zum Volk bemüht. Sie schickte ihre Kinder auf staatliche Schulen, fuhr Fahrrad, kaufte im Supermarkt ein und ließ sich nur ungern "majesteit", Majestät nennen - lieber war ihr die bürgerliche Anrede "mevrouw".

Auch Julianas Enkel Willem-Alexander sucht die Nähe zu seinen "Untertanen", nahm noch am Königinnentag 2012 am traditionellen Kloschüssel-Weitwurf-Wettbewerb teil - nur einer der Gründe, weshalb an seiner Eignung als König im Vorfeld arg gezweifelt wurde. Und während der offiziellen Thronwechsel-Zeremonie wurde der frisch gebackene König von seiner Mutter Beatrix, nunmehr wieder Prinzessin, auf dem Balkon des königlichen Palasts deutlich hörbar zurechtgewiesen: "Mal eben winken vielleicht!"

In den beinahe zwei Jahren, die seitdem vergangen sind, scheint Willem-Alexander längst in seine Rolle gefunden zu haben. Der Mann, der sein Amt eher als "Symbol" betrachtet, sieht sich als König, der zwar auf Kontinuität und Tradition setzt, der es sich jedoch zum Ziel gesetzt hat, die Monarchie ins 21. Jahrhundert zu führen.

Das wurde bereits am Tag seines Antritts deutlich, als er es während der traditionellen Grachtenfahrt durch Amsterdam nicht lassen konnte, beim Auftritt des Kult-DJs Armin van Buuren überraschend anzulegen, mitsamt Máxima und den Töchtern Amalia, Alexia und Ariane auf die Bühne zu steigen und mitzufeiern. Tochter Amalia weiß im Übrigen sehr genau, dass sie irgendwann den Platz des Vaters einnehmen wird: "Sie hat schon gefragt, wie lange ich das machen will", verriet Willem-Alexander.