30 Tote in einer Woche: Die Ursachen für die Unwetter in Italien

30 Tote in einer Woche : Die Ursachen für die Unwetter in Italien

Innerhalb von einer Woche sterben 30 Menschen in Folge von Unwettern in Italien. Die Ursachen sind der mangelnde Respekt des Menschen für die Natur aber auch die zahlreichen illegal errichteten Häusern.

Die Tragödie trägt sein Gesicht. Giuseppe Giordano hat eine tränenerstickte Stimme, seine Augen sind angeschwollen, sein Leid ist mit Händen zu greifen. Ob er weiß, dass ihn Fernsehkameras filmen, ist nicht klar. Giordano ist außer sich, ein gebrochener Mann und Familienvater. Kaum vorstellbar, was ihm am vergangenen Wochenende widerfahren ist. Es sollte eine fröhliche Familienfeier werden, doch Giordano hat alles verloren.

Seine beiden Kinder, ein einjähriges Mädchen und ein 15-jähriger Junge sind ertrunken. Auch seine Frau, der Vater, die Schwester und eine Nichte starben am Samstagabend in Casteldaccia bei Palermo. Die Familie Giordano wollte eine Geburtstagsfeier im Landhaus am Fluss begehen, das der Familienvater für solche Gelegenheiten hatte. Es regnete, das schon. Aber wer konnte mit so einer Katastrophe rechnen?

Die Regenfälle der vergangenen Tage ließen das Flüsschen Milicia blitzartig anschwellen, in dessen unmittelbarer Nähe sich das Haus befand. Giordano versuchte mit Besen und Lappen dem Wasser Herr zu werden – ein verzweifelter Versuch. Es müssen apokalyptische Szenen gewesen sein, die sich dann in dem Landhaus abspielten. Familienangehörige, die auf Bäume flüchteten, schreiende Kinder und Babys.

Die Feier wird zur Tragödie

Die Schlamm- und Wassermassen fluteten das Haus und verwandelten die Feier in eine Tragödie, neun Familienangehörige starben. Giordano schilderte am Tag darauf das Drama. Zweieinhalb Stunden habe er vergeblich um Hilfe gerufen. „Wenn sie von der Gefahr wussten, warum haben sie uns nichts gesagt?“, so lautet seine verzweifelte Anklage. Wenn man sich nicht irrt, klingt sie ein wenig so, als richte sie sich auch gegen ihn selbst. Italien geht auf Knien. Seit einer Woche suchen heftige Stürme und extreme Regenfälle die Halbinsel heim.

Zwölf Menschen kamen insgesamt am Wochenende ums Leben, 30 Tote sind es seit Anfang vergangener Woche. Die Unwetter haben kaum eine der 20 italienischen Regionen ausgespart. In Ligurien peitschte das Meer brutal gegen die Küste, in Rapallo bei Genua wurde ein Yachthafen zerstört. Im Veneto verwüsteten Stürme ganze Wälder, auch in der Hauptstadt Rom beseitigen sie immer noch die entwurzelten Bäume von vergangener Woche.

Die stärksten Regenfälle gab es in den vergangenen Tagen auf Sizilien. Die Behörden hatten die höchste Alarmstufe ausgerufen, und doch kamen für viele die Niederschläge mit unvorhergesehener Wucht. Ein italienisches Ehepaar, das in Frankfurt am Main lebt, wurde bei Agrigent von einer Schlammlawine im Auto erfasst und kam ums Leben. Auf Sardinien wurde am Wochenende eine 64-jährige Urlauberin aus Deutschland vom Blitz erschlagen. Es heißt, das Wetter auf der Halbinsel mit seinen kurzen, monsunartigen Regenfällen spiele verrückt. Und doch zieht sich wie ein roter Faden die menschliche Verantwortung für die Dramen durch das Land.

Ermittlung wegen fahrlässiger Tötung

In Casteldaccia bei Palermo ermittelt die Staatsanwaltschaft nun wegen fahrlässiger Tötung gegen Unbekannt. Die Ermittler versuchen herauszufinden, warum das Haus vermietet wurde, das so nah am Flussufer stand und laut einem Beschluss des Gemeinderats eigentlich schon seit 2008 hätte abgerissen werden müssen. Die Eigentümer legten beim Verwaltungsgericht Klage ein, drei Jahre später war der Fall entschieden, doch es passierte nichts.

Die starken Regenfälle und der über die Ufer tretende Fluss wirken nur wie das letzte Element in einer letztlich vorhersehbaren Ereigniskette. Italien ist nach Überzeugung seiner Einwohner das schönste Land, wenn nicht auf Erden, dann wenigstens in Europa. Millionen Touristen, die hier jährlich Ferien machen, geben ihnen indirekt recht. Man fragt sich allerdings auch, warum sich ausgerechnet in dieser Schönheit scheinbar unerlässlich Leid aneinander reiht. Die Antwort könnte lauten: Weil viele Menschen die Besonderheit ihrer Heimat als selbstverständliches, auszunutzendes Kapital, aber nicht als zu pflegenden Schatz betrachten.

"Wieviel Tote muss es noch geben?"

Denn die Liste der von der Natur ausgelösten, aber vom Menschen erst möglich gemachten Unglücksfälle der letzten Jahre ist lang. 2011 gab es in Genua und Ligurien 19 Tote nach schweren Regenfällen, 2013 starben bei Überschwemmungen 18 Menschen auf Sardinien, 2014 ertranken vier Menschen bei Treviso, neun Menschen starben 2017 bei Hochwasser in Livorno. In diesem Sommer wurde eine Schlucht in Kalabrien für zehn Ausflügler wegen plötzlich herabstürzender Wassermassen zur tödlichen Falle. Starke Regenfälle hatten ein natürliches Wasserbecken zum Überlaufen gebracht.

„Wieviele Tote und wieviele Tragödien müssen noch geschehen, bis verstanden wird, dass endlich das Territorium gesichert werden muss“, sagt Stefano Ciafani, Präsident des Umweltverbands Legambiente. Über die vielfältigen Ursachen für viele Katastrophen gibt es kaum noch Zweifel. Oft werden illegal errichtete Häuser den Bewohnern zum Verhängnis. Einer Untersuchung zufolge stehen 80 Prozent der illegal in Italien errichteten Gebäude immer noch, ohne dass die Eigentümer den Abriss in naher Zeit fürchten müssten. Mehrere Amnestie-Gesetze für Eigentümer illegaler Bauobjekte wurden in der Vergangenheit verabschiedet. Es ist allgemein bekannt, dass die zunehmende Bebauung der Landschaft den natürlichen Abfluss starker Regenfälle behindert. Dass sich das Klima durch den CO2-Ausstoß bereits gewandelt hat und bei den örtlichen Katastrophen eine wesentliche Rolle mitspielt, steht ebenso außer Zweifel.