Präsidentschaftswahl in den USA: Die Kanzlerin wünscht sich einen Profi

Präsidentschaftswahl in den USA : Die Kanzlerin wünscht sich einen Profi

Bundeskanzlerin Angela Merkel kennt Hillary Clinton, aber nicht Donald Trump. Wenn es nach ihr ginge, sollte ein Politiker mit Erfahrung ins Weiße Haus einziehen.

Brombeer und Kornblumenblau also. Die beiden Damen kennen sich. Gleich so gut, dass sie selbst ihre Garderobe aufeinander abstimmen? Angela Merkel und Hillary Clinton müssen beide spontan lachen, als sie im April 2011 in der Skylobby des Kanzleramtes nebeneinanderstehen. Die Bundeskanzlerin, zu diesem Zeitpunkt vom US-Magazin „Forbes“ bereits zur mächtigsten Frau der Welt ausgerufen, und die US-Außenministerin, nach gängigen Kategorien der Machtfülle Nummer zwei hinter Merkel, erscheinen gewissermaßen im Hosenanzug der Macht. Die Blazer in gleicher Länge, die Taschen jeweils aufgesetzt, Merkel in Brombeer, Clinton in Blau, dazu beide in schwarzer Hose. Das hätte auch kein Protokoll besser arrangieren können.

In der Weltpolitik ist Vertrauen eine harte Währung. Merkel und Clinton sind sich im Laufe ihrer politischen Laufbahnen mittlerweile mehrfach begegnet. Sie kennen sich, sie wissen die jeweils andere einzuschätzen, sie mögen sich. Unlängst sagte Clinton an Bord ihres Flugzeugs, dass sie viele Staatschefs mag.

Im nächsten Satz betonte sie die Sonderstellung der deutschen Kanzlerin im Ranking der US-Außenministerin: „Eine meiner Liebsten ist mir Angela Merkel, weil sie in schwierigen Zeiten eine außergewöhnliche und starke Führungsperson war.“ Noch im April, beim bislang letzten Besuch von US-Präsident Barack Obama in Deutschland, lobte auch dieser Merkel in allerhöchsten Tönen: „Das ist die wichtigste, die vertrauensvollste Beziehung, die ich in meiner Amtszeit gehabt hatte.“ Summa cum laude.

Wenn in den USA an diesem Dienstag ein(e) neue(r) US-Präsident(in) gewählt wird und dabei mit Hillary Clinton erstmals auch eine Frau nach dem mächtigsten politischen Amt der Welt greift, blickt selbstredend gerade die Bundeskanzlerin mit großer Spannung auf die Ergebnisse in den 50 US-Bundesstaaten. Wer wird mindestens für die nächsten vier Jahre Deutschlands wichtigster Partner quer über den Atlantik, mit dem auch eine nächste Bundesregierung über kommende Auslandeinsätze unter Nato-Flagge oder eventuell doch noch über ein Freihandelsabkommen zwischen der EU und den USA zu beraten hätte?

Beide Seiten bekennen sich ja weiterhin bei vielen Gelegenheiten zur quasi unverbrüchlichen deutsch-amerikanischen Freundschaft, auch wenn sich die USA zuletzt stärker auf Partnerschaften mit Staaten des pazifischen Raums konzentriert hatten.

Clinton steht dabei aus Sicht Merkels für Berechenbarkeit, für Verlässlichkeit, für Planbarkeit. Bei Donald Trump, dem Präsidentschaftskandidaten der US-Republikaner, weiß Merkel nicht, was sie bekommt. Die Bundeskanzlerin ist dem polternden Milliardär bislang noch nie begegnet. Er ist für Merkel gewissermaßen ein weißes Blatt. Gleichwohl darf die deutsche Regierungschefin (wie auch andere Minister ihres Kabinetts) annehmen, dass es mit dem regierungsunerfahrenen Selfmade-Politiker Trump schwieriger werden könnte, in wesentlichen Fragen der Weltpolitik im Gleichschritt zu marschieren.

So zeigte Trump immer wieder eine gewisse Sympathie für den autoritären Politikstil eines Wladimir Putin. Europa müsse in der Lage sein, seine sicherheitspolitischen Probleme weitgehend ohne die Nato-Führungsmacht USA zu lösen. Der US-Republikaner selbst hatte die Bundeskanzlerin zu Beginn des Jahres 2015 zunächst gelobt, dann aber ihre „katastrophale“ und „irrsinnige“ Flüchtlingspolitik scharf kritisiert. Merkel sei damit dabei, Deutschland zu ruinieren. Später gar versuchte er seine Konkurrentin der US-Demokraten mit einem Vergleich zu Merkel zu beschädigen. „Hillary Clinton will die Angela Merkel Amerikas werden“, polterte Trump.

Aber kurz vor der Präsidentschaftswahl schwant dem Kandidaten der US-Republikaner offenbar, dass er Merkel, würde er denn Präsident, im alten Europa sehr wohl als Verbündete wird brauchen können. Auf die Frage, welchen Staats- oder Regierungschef er bewundere, wählte Trump in der vergangenen Woche, genau: die deutsche Kanzlerin. „Merkel ist eine wirklich große Weltführerin“, so Trump mit einigem Pathos. Da ist dann wieder jener Trump, den erfahrene Politiker fürchten müssen: wechselhaft in seinen Ansichten und Positionen. Merkel hat Trumps Ausfälle gegen ihre Flüchtlingspolitik bewusst nicht kommentiert. So wie sie nach außen überhaupt keine Aussage zum (erhofften) Ausgang der US-Wahl macht – Merkels Devise heißt: Abwarten. Sie muss es dann ohnehin so nehmen, wie es kommt: Clinton oder Trump. Sollte die US-Demokratin die Wahl für sich entscheiden, müsste Merkel mit einem Rollentausch leben: Als US-Präsidentin wäre Clinton dann vor Merkel die mächtigste Frau der Welt.

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