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US-Präsidentschaftskandidatin: Die große Hillary-Show

US-Präsidentschaftskandidatin : Die große Hillary-Show

Mit einer Liebeserklärung wirbt Bill Clinton für seine Frau als Präsidentin. Zum ersten Mal in der 240-jährigen Geschichte Amerikas hat eine der beiden großen Parteien mit Hillary Clinton eine Frau als Kandidatin für das höchste Staatsamt nominiert.

„Im Frühjahr 1971 habe ich ein Mädchen getroffen. Sie hatte dicke blonde Haare, eine große Brille, trug kein Make-up und strahlte diese Stärke und Selbstbeherrschung aus, die mich magnetisch anzog.“ Es gibt wenige Redner auf der politischen Bühne, die es in einem Schlüsselmoment wagen würden, einem skeptischen Publikum mit einem Satz wie aus einem romantischen Groschenroman zu kommen.

Dass Bill Clinton, 42. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, an diesem geschichtsträchtigen Abend genau diesen Einstieg wählt, um der zerrissenen Parteifamilie der Demokraten in einer sehr persönlichen Lebensgeschichte seine hoch umstrittene Ehefrau als Präsidentschaftskandidatin näherzubringen, sollte sich in der Wells Fargo Arena von Philadelphia als Glücksgriff erweisen. „Das war so ziemlich die beste kalkulierte Liebeserklärung, die ich je gehört habe“, sagt Emily Edams, eine junge Delegierte aus Ithaka nördlich von New York.

Schon eine Minute später beginnt in Amerika die neue Zeitrechnung. South Dakota ist beim „Roll Call“ an der Reihe, den man sich wie die Prozedur des Punkteverteilens beim Eurovision Song Contest vorstellen muss. Nach und nach geben die über 50 Delegationen der Bundesstaaten bekannt, welchen Kandidaten sie im Weißen Haus sehen wollen.

Es sind die Gesandten aus dem gasgefrackten Norden, die Hillary Rodham Clinton über die entscheidende Hürde von 2382 Delegierten hieven. Am Ende beträgt ihr Vorsprung zur Linken-Ikone Sanders über 1000 Stimmen. Zum ersten Mal in der 240-jährigen Geschichte Amerikas hat eine der beiden großen Parteien eine Frau für das höchste Staatsamt nominiert. Im Publikum fließen Tränen der Rührung. „Hillary! Hillary!“-Sprechchöre vom Boden bis zum Dach. Gänsehaut-Sekunden. Es bleiben nicht die einzigen. Am Ende schmettert die schwarze Soul-Diva Alicia Keys in Anspielung auf den Star des Abends live ihren Hit „Superwoman“. Vorher legen prominente Hillary-Fans wie Ex-Außenministerin Madeleine Albright und Hollywoods Überschauspielerin Meryl Streep Zeugnis darüber ab, warum die Zeit reif sei für die erste Commanderin-in-Chief. „Sie hat 40 Jahre lang Gegenfeuer ertragen für ihren Kampf zugunsten von Kindern und Frauen“, ereifert sich die dreifache Oscar-Preisträgerin, „ich frage mich, woher sie die Charakterstärke dafür nimmt.“

Bill Clinton nimmt Donald Trump ins Visier: „Wenn ihr dieses Land liebt, hart arbeitet, Steuern bezahlt und Staatsbürger werden wollt, setzt auf eine vernünftige Einwanderungsreform anstatt auf einen, der euch zurückschicken will. Wenn ihr Muslime seid, Amerika und die Freiheit liebt und den Terror hasst, bleibt hier und helft uns zu siegen.“ Spätestens jetzt hat er den Saal gewonnen. Ein Fahnenmeer gerät in Wallung, die Lautstärke erreicht Rockkonzert-Dezibel. Seine Wahlempfehlung ist klar.

Bill Clinton, ganz rot vor Euphorie im Gesicht, tritt ab. Hillary Clinton wird per Satellit aus ihrem Haus zugeschaltet. „Wenn irgendwo da draußen kleine Mädchen sein sollten, die noch spät wach waren, um dieses zu sehen“, sagt die zweifache Großmutter, „dann lasst euch sagen: Ich werde möglicherweise als erste Frau Präsidentin, aber eine von euch wird es sicher.“