„Etwas Wertvolles geht verloren“: Das ist über die Attacke in San Diego bekannt

„Etwas Wertvolles geht verloren“ : Das ist über die Attacke in San Diego bekannt

Bewaffnete Angriffe auf Synagogen sind in den USA ein neues Phänomen. Zahl der Hass-Taten ist gestiegen.

Bevor er in einer Synagoge um sich schoss, war John Earnest ein eher unauffälliger Student, der sich an der California State University zum Krankenpfleger ausbilden ließ. Klassenkameraden aus gemeinsamen Schulzeiten erinnern sich an einen ruhigen, ja, scheuen Teenager, der großartig Klavier spielte. Am Samstag stürmte der 19-Jährige in eine Synagoge in Poway nahe der südkalifornischen Metropole San Diego. Er brüllte antisemitische Parolen und zielte mit einem Schnellfeuergewehr auf Gläubige, die das Ende des jüdischen Pessachfests zu feierten.

Dass Earnest auf eigene Faust handelte und nicht im Auftrag eines Terrornetzwerks, scheint festzustehen. Nun untersuchen die Ermittler, ob ein Pamphlet, das kurz vor der Tat unter seinem Namen in einem häufig von Rechtsradikalen genutzten Internetforum erschien, tatsächlich ihm zuzuschreiben ist. Er habe die Synagoge attackiert, um der „europäischen Rasse“ zu helfen. Es folgen die üblichen Verschwörungstheorien, nach denen Juden Banken wie Medien beherrschten und die Vermischung der Rassen anstrebten. Schließlich nennt der Autor Vorbilder, die ihn „inspiriert“ hätten.

Der eine, Robert Bowers, hatte sechs Monate zuvor auf Betende in der Tree-of-Life-Synagoge in Pittsburgh angelegt und elf von ihnen getötet. Der andere, Brenton Tarrant, nahm im März zwei Moscheen im neuseeländischen Christchurch ins Visier, wo er 50 Menschen ermordete. Vieles von dem, was Earnest an Thesen verbreitete, wenn er die wirren Zeilen denn schrieb, liest sich, als sei es direkt von Tarrant übernommen. Zudem hält es die Polizei für möglich, dass es Earnest war, der vor wenigen Wochen eine Moschee in Escondido, einer Kleinstadt nördlich von San Diego, in Brand zu stecken versuchte.

Zahl der antisemitisch motivierten Taten stieg an

Bewaffnete Angriffe auf Synagogen, für die USA sind sie ein Phänomen, das man lange nicht kannte. Gleiches gilt für bewaffnete Beamte, die Synagogen bewachen. Allerdings ist die Zahl der Straftaten, bei denen Hass auf ethnische, religiöse oder sexuelle Minderheiten die Täter antreibt, in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. 2017 registrierte man etwa 7100 solcher Hassverbrechen, 17 Prozent mehr als im Vorjahr. Die Zahl der antisemitisch motivierten stieg besonders steil an, nach Angaben des FBI um 37 Prozent. Für 2018 sind noch keine Zahlen veröffentlicht.

Etwas Wertvolles gehe gerade verloren, beklagen Marvin Hier und Abraham Cooper, der Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums und sein Stellvertreter, in einem Gastbeitrag für die „Los Angeles Times“. In einer Kirche, einer Synagoge oder einer Moschee hätten sich Amerikaner lange Zeit sicher gefühlt. „Damit ist es vorbei. Terroristen, ausländische und zunehmend einheimische, haben es offenbar darauf abgesehen, Gläubige umzubringen.“ Ein Eckpfeiler der Gesellschaft werde auf diese Weise zerstört. 2015 das Blutbad in einer schwarzen Kirche in Charleston, 2017 der Amoklauf in einer weißen Kirche im texanischen Sutherland Springs, 2018 das Tree-of-Life-Massaker, nun Kalifornien: Die Liste wird immer länger.

Ex-Soldat rennt auf Schützen zu und soll "Waffe runter!" gerufen haben

Lori Kayne, eine Sechzigjährige, die in Poway ums Leben kam, wird postum als Heldin gefeiert, weil sie sich schützend vor Yisroel Goldstein, den Rabbi der Synagoge, gestellt haben soll. Dass nicht noch mehr Tote zu beklagen sind, ist offenbar der Courage eines Ex-Soldaten zu verdanken. Augenzeugenberichten zufolge rannte Oscar Stewart, 51, auf den Schützen zu, während andere versuchten, sich in Sicherheit zu bringen. „Waffe runter!“, soll er gerufen haben, was Earnest mit zwei Schüssen erwiderte. Unbeeindruckt soll Stewart als Nächstes gedroht haben, den Angreifer zu töten. Daraufhin, sagt der Sheriff Bill Gore, habe dieser das Weite gesucht. Stewart blieb ihm auf den Fersen, nunmehr zusammen mit Jonathan Morales, einem Agenten der Grenzpatrouille, der eine Waffe bei sich trug. Der Teenager entkam und stellte sich der Polizei.

Goldstein, von Kugeln an beiden Händen getroffen, büßte den Zeigefinger seiner rechten Hand ein. Für den nächsten Sabbat ruft er Amerikas Juden auf, nun erst recht in die Synagogen zu gehen. „Wir müssen zeigen“, mahnt er, „dass der Terrorismus nicht die Oberhand behält.“